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Konzertreihe von Kraftwerk:"Musik als Träger von Ideen"

  • Kraftwerk inszeniert seine acht Konzerte in der Berliner Nationalgalerie als Werkschau in Form einer regenbogenfarbenen Multimedia-Performance.
  • Die Musik tritt dabei fast in den Hintergrund - wichtiger ist die Kultivierung des eigenen Mythos'.

Von Annett Scheffel

Mit der Zukunft ist das so eine Sache. Besonders, wenn sie in die Jahre kommt. Nicht etwa weil sie ergraut wie ihre Erfinder. Nein, es sind vielmehr die zeitlichen Ebenen, die Bezugspunkte, die unweigerlich durcheinandergeraten, wenn die Musik von Kraftwerk im Museum Einzug in den bürgerlich-akademischen Kunstkanon hält: Vor ziemlich genau 40 Jahren ("Autobahn" erschien im November 1974) war sie das Aufregendste, Futuristischste, Modernste, was man sich in Wirtschaftswunder-Deutschland vorstellen konnte,

Unter dem Titel "Der Katalog - 1 2 3 4 5 6 7 8" spielen die Synthesizer-Pioniere von Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie an acht aufeinanderfolgenden Abenden ihre acht zentralen Alben. Am Dienstagabend der Auftakt mit "Autobahn", jenem Album, das den entscheidenden Scheitelpunkt markiert zwischen der avantgardistischen Krautrock-orientierten Anfangsphase der Band und dem Aufbruch zu dem, was sie später selbst als "Techno Pop" betitelte: Es waren nicht mehr die improvisierten Mucker-Stücke der Jam Sessions, die damals gerade so in waren, es war kühle, distanzierte, minutiös getaktete Elektro-Musik, abenteuerlustig genug jedoch - und das war die eigentliche, die weltweite Sensation -, das Pop-Potenzial dieser künstlich erzeugten Töne freizulegen.

Dass die flirrenden, auf- und abschwellenden Töne, die Kraftwerk damals so mühevoll den riesigen, kompliziert verkabelten Geräten, die Synthesizer Anfang der Siebziger noch waren, entlockten, heute so einfach von jedermann erzeugt werden können - notfalls mit den smarten, winzigen Mobiltelefonen in unserer Hosentasche - das ist eine dieser vielen, schönen Absurditäten des Abends. Ralf Hütter, letztes Originalmitglied von Kraftwerk, weiß um die vielen hundert Smartphone-Displays, über die Fetzen der Show flimmern. Er weiß um die in die Luft gestreckten leuchtenden Rechtecke, die Teil der Multimediashow werden. Es sind Spiegel - Rückspiegel, um genau zu sein, in denen eben auch 40 Jahre Technologie-Entwicklung sichtbar werden. Im Blick durch die 3-D-Brillen schimmern die Displays auch noch wie wunderliche, regenbogenfarbene Wackelbilder.

Musik und Bilder zum Schwelgen

Überhaupt, die Brillen und ihr dreidimensionales Bilderspektakel - auch diese Technik ist ja mehr als 20 Jahre alt. Zufall ist das natürlich keiner: Hütter, der Lenker und Planer, schickt das Publikum durch die Jahrzehnte. Nach einer halben Stunde "Autobahn" schließt sich ein Best-Of-Teil mit allen wichtigen Stücken bis 2003 ("Tour de France") an. Kraftwerk zum Schwelgen. Durch die Brillen blicken die Zuschauer auf animierte Bilder der alten Bundesrepublik: Da leuchten etwa die Neon-Schriftzüge "Nachtcafé", "Klosterfrau Melissengeist" und "Hölle" nebeneinander. Und Ralf Hütter säuselt dazu mit seiner ebenso wehmütigen, wie sachlich-unterkühlten Stimme die erste Strophe von "Neonlicht".

Freilich sind solche Ambivalenzen zwischen Fortschrittsglauben, Konsum und Spektakel für Kraftwerk, die schon in den Siebzigern mehr Kunstprojekt als Band waren, nichts Neues. Absurd mutet es trotzdem an, wie dann 1700 Zuschauer - mit den 3-D-Brillen auf der Nase verschmelzen sie beinahe zur gesichts- und ausdruckslosen Menschenmenge eines Sci-Fi-Films - in der Neuen Nationalgalerie, Berlins Glastempel der Klassischen Moderne, vier älteren Herren in engen Raumschiff-Anzügen dabei zusehen, wie sie hinter retrofuturistischen Schaltpulten Knöpfe bedienen.

Kraftwerk kultiviert seinen eigenen Mythos

Was sie da eigentlich machen an ihren Work Stations - ob sie überhaupt was machen - bleibt ein großes Geheimnis. Klar, Musik gibt es natürlich auch. Aber woher sie kommen, diese künstlichen Töne und Rhythmen - bei keiner Band ist das wohl so egal, wie bei Kraftwerk. Was die Düsseldorfer Elektrogarde um Ralf Hütter hier aufführt, ist ohnehin kein Konzert mehr - es ist Werkschau als Multimedia-Performance.

Um das Live-Erlebnis geht es Hütter, der seit dem Ausstieg von Florian Schneider 2009 das Kraftwerk-Erbe allein verwaltet, wohl nur am Rande. In Berlin treibt er voran, was im Münchner Lenbachhaus 2011 mit einer Ausstellung begann und ab 2012 mit der 3-D-Konzerreihe vom New Yorker Moma nach Düsseldorf, London und Tokio reiste: die Kultivierung des eigenen Mythos'.

Was das angeht überließen Kraftwerk schon in den Siebzigern so gut wie nichts dem Zufall: Die gespenstisch starren Roboter-Puppen, das Streben nach absoluter Perfektion, das Zurücktreten des Individuums hinter die Systemstruktur der "Mensch-Maschine" - das alles war immer Teil des Gesamtkunstwerks, das sich weniger um Fanbindung, als um ein penibel geschliffenes Konzept bemühte.

Es scheint, als solle die gründlich geplante Überführung in die Unsterblichkeit der Pop- oder besser Kunstgeschichte lieber auch nicht in fremde, unkontrollierbare Hände gegeben werden. Nur eins gibt Hütter den Menschen, die in jener Zukunft leben, die er so oder so ähnlich vor vier Jahrzehnten beschwörte, am Ende als Mantra mit auf den Weg: "Es wird immer weitergehen / Musik als Träger von Ideen", singt er in "Music Non Stop". Die Kunst von Kraftwerk ist nicht mehr als das und nicht weniger.

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