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Konzertkritik:Romantik mit Schlagseite

Pianist Igor Levit

Verklärende Momente: Dem Pianisten Igor Levit hätte beim zweiten Beethoven-Klavierkonzert ein Widerpart am Dirigentenpult gutgetan.

(Foto: Astrid Ackermann)

Franz Welser-Möst unterfordert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Mozart und Beethoven.

Von Reinhard J. Brembeck

Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich der Rezensent daran gewöhnt hat, quasi allein mit nur 99 anderen Zuhörern in überdimensionierten Konzertsälen zu sitzen. Gesteigert wird das Auserwähltengefühl dadurch, dass man in Bayern seit mehr als zehn Tagen keine Seuchenmaske mehr am Platzt tragen muss. Erstaunlich ist aber auch, dass ein und dasselbe Orchester so unterschiedlich klingen kann. Die Rede ist von den BR-Sinfonikern, die letzte Woche unter Daniel Harding ein ungewöhnliches Programm mit überwältigender Spiellust im Münchener Herkulessaal absolvierten, um jetzt in der Gasteigphilharmonie unter Franz Welser-Möst radikal auf Schlaftablette umzuschalten.

Geboten wurde das zweite Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven mit dem Pianisten Igor Levit und die Prager Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart. So gediegen konservativ wie die Stückwahl, so gediegen ging Welser-Möst die Musik an. Der Dirigent, der neben Harding und Simon Rattle als Anwärter auf den nach dem Tod von Mariss Jansons verwaisten Chefposten bei den BR-Sinfonikern gehandelt wird, betreibt eine Abart der historischen Aufführungspraxis. Wo Nikolaus Harnoncourt die verstörende Relevanz der Stücke in ihrer Entstehungszeit wiederzubeleben suchte, rekonstruiert Welser-Möst den Konzertalltag der Sechziger- und Siebzigerjahre, der Mozart und Beethoven zu bedeutungsschwanger wabernden Romantikern erhob.

Mozart und Beethoven wird jede Radikalität verweigert. Die Tempi sind behäbig, die Akzente dürfen nie verstören, der Klang sehnt sich nach Breite. Zudem sind die Bläser immer zu dominant. Nie versucht der Dirigent sie zu zügeln, sodass sie die dünn besetzten Streicher stets übertönen und die Balance zwischen den Orchestergruppen durchgehend Schlagseite hat.

Welser-Möst fehlt eine zündende Idee. Er lässt die Musik laufen, er bringt sie nie zum Strahlen, er elektrisiert in keinem Moment, er unterfordert seine Musiker konsequent. Für Liebhaber der späten Karl-Böhm-Zeit ist dieser Rollback vermutlich ein Vergnügen. Allerdings erschließt sich nicht, was dieses Experiment soll. Ist es eine Abrechnung mit der Moderne, mit Harnoncourt, mit der Originalklangbewegung? Wenn es das sein sollte, dann müsste dieses Experiment sehr viel verführerischer, brillanter und gekonnter aufgezogen werden, um zu überzeugen. So aber bleibt nur ein schaler Geschmack.

Der Pianist Igor Levit hat sich in den letzten Jahren zum letztgültigen Reichsverweser Beethovens hochgespielt. Er weiß um die überwältigende Wirkung eines überraschend hingehauenen Akzents genauso wie um die erotische Wirkung eines lasziv gespielten Laufs. Er kann sich in Langsames beeindruckend hineingrübeln. Immer wieder aber kommt in sein Beethoven-Spiel aber auch ein esoterisch verklärendes Moment. Dann behauptet er nicht nur in pathetisch auf Außenwirkung zielenden Passagen einen Tiefsinn, der pianistisch nicht eingelöst wird. Welser-Möst ist Levit zudem kein adäquater Partner. Nie fordert der Dirigent den Pianisten heraus, nie ist er ihm Widerpart, nie lockt er ihn ins Ungesagte, ins Existenzielle. Und so versandet dieses Konzert im Braven.

© SZ vom 11.07.2020

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