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Konzertkritik:Kühler Vulkan

Dunkles Gegurgel, Fontänen orchestraler Geysire: Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson spielte in München. Höhepunkt waren die "Processions", ein Klavierkonzert von Daniel Bjarnason.

Zur Einstimmung gibt es vom Iceland Symphony Orchestra unter Leitung von Daníel Bjarnason Ohrwürmer aus "Peer Gynt" von Edvard Grieg. Darunter die "Halle des Bergkönigs" als Klang-Paraphrase auf den Trauermarsch aus Beethovens Siebter oder die "Morgenstimmung", die oft nach Winnetou-Film klingt - alles ein bisschen grob geschnitzt. Höhepunkt des Abends aber sind Bjarnasons "Processions" für Klavier und Orchester, ein veritables Klavierkonzert, das den Spagat zwischen Zeitgenossenschaft und spontan eingängiger Klangrede schafft.

Das ist selten. Meist dominieren intellektueller Anspruch oder Unterhaltungsambitionen. Der Solist, der in Berlin lebende isländische Pianist Víkingur Ólafsson, reüssierte jüngst mit einer Phil-Glass-CD und einem Bach-Album. Die Moderne gehört zu seinen Kerninteressen, er taucht ein in die disparaten Klangwelten und entwickelt von innen heraus seine eigenen Klang- und Phrasierungsideen dazu.

Die "Processions" eröffnet er mit dunklem Gegurgel im Klavierbass, bevor Fontänen orchestraler Geysire aufsteigen, jedenfalls, wenn man solcherlei hören will. Interessanter ist vielleicht die Vorstellung, der Komponist blicke zurück auf eine Vergangenheit, in der er urwüchsigen Anschluss finden kann an tonale Traditionen oder Ideen des Wahrhaftigen.

Gruselig anmutende Choräle schleichen durch Orchester und Klavier

Vielleicht ist diese Wehmut die einzige ungebrochene Tradition, die die letzten zweihundert Jahre zusammenhält: die Melancholie des Verlustes - von Schubert bis Strauss. Bjarnason findet dafür virtuose Muster, die Ólafsson glänzend bewältigt, aber auch Ruhig-Lyrisches, Mut zum Espressivo, auch zum Expressionistischen, zum Cluster und disharmonischen Schauder. Gruselig anmutende Choräle schleichen durch Orchester und Klavier, stellenweise zu lautem Pathos sich auftürmend, selbstbewusst, entfernt an Edvard Elgar gemahnend.

Am Ende führt Kontrapunktisches in schrille Cluster, als müsse die alte Kompositionsweise heute unweigerlich im Getöse untergehen. Im dritten Satz versöhnliches Geläut, von Ferne herüberwehend, den kommenden Bläserchoral vorausahnend, den das Klavier dankbar aufnimmt.

Es gibt aber auch Längen. Während eine Hand vor sich hin trillert, hängt die andere Einzeltönen nach, die auseinanderklaffen wie ferne Planeten. Die kosmische Weite kippt immer wieder ins Bedächtige, Betuliche, Beliebige. Hie und da gesellen sich ein paar versprengte Orchesterinstrumente hinzu. Es ist viel Einsamkeit in diesen Passagen, auch Trostlosigkeit, bevor dann wieder Schaumkronen der Atlantikwellen ans Ufer peitschen.

Später führt ein dekonstruierter Choral hinüber ins Finale, eine Passacaglia mit hochvirtuosem Klavierpart und einem enggestrickten Thema, bei dem jeder Ton mit leiser werdendem Echo nachklappt. Das verstärkt zwar die Raumwirkung, wirkt aber auch ins Theaterkulissenhafte verzerrt. Selbst darin findet der Komponist in Ólafsson, diesem kühlen Vulkan, einen Bruder im Geiste, und es ist wunderbar zu beobachten, wie sich die Musiker kongenial durch das Werk bewegen, während das begleitende Iceland Orchestra noch immer sehr trocken und grobschlächtig mitmarschiert. Selbst in Tschaikowskys Vierter übertönt das Geschepper kaum die nahezu statische Grundhaltung, eine undramatische, trotz der Lautstärke oft auch ausdruckslose Situation.