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Konzertkritik: Air:Spielen wie Gott in Frankreich

Nichts für harte Jungs: Das französische Pop-Duo Air verzaubert München mit seiner neuen Platte und spielt Musik wie gestreichelt.

Ruth Schneeberger und Michaela Förster

Wenn man einschlafen möchte, geht man normalerweise nicht auf ein Konzert. Die Fans von Air sehen das anders: Die Münchner Tonhalle war am Samstagabend ein Hort wogender und leicht narkotisierter Pärchen, die im Einklang mit den Synthie-Sounds des französischen Pop-Duos sanft schunkelnd in höhere Sphären entschwanden.

Diese Traumwelt ist aber auch zu verlockend: Die Melodien der neuen Platte "Love 2" schließen nahtlos an die bisherigen Songs des Erfolgsduos an - seit 1995 machen Nicolas Godin und Jean-Benoît ("JB") Dunckel Musik zum Träumen. Mit viel Synthesizer-Einsatz, nur wenig Gesang und wenn, dann elektronisch verzerrt. Und mit wunderschönen Melodien, die nur manchmal durch Dissonanzen gebrochen werden. Die neuen Lieder sind sogar noch wattiger als ihre bisherigen Songs, zu denen Evergreens wie "Sexy Boy", "Kelly watch the Stars" und "Cherry Blossom Girl" gehören.

Spielten die in feinen Zwirn gehüllten Franzosen im ersten Teil des Konzerts noch viele neue Songs, die die Hälfte des Publikums aber auch schon mitsummen konnte, war der zweite Part ganz der Vergangenheit gewidmet: Zu der besonders tanzbaren Interpretation von "Kelly watch the stars" gesellte sich eine grotesk verzerrte Version von "Sexy Boy" - und auf die Aufforderung, jetzt bitte auf Französisch mitzusingen, folgte witzigerweise ein rein gepfiffenes Lied.

Aus der Reihe französischer Elektro-Erfolgsduos ragen die beiden inzwischen heraus: Nachdem 1990 die Band Cassius als eine der ersten elektronische Musik weltweit tanzbar machte, folgte 1993 Daft Punk mit "Around the World" und machte House-Musik "harder, better, faster, stronger". In deren Fußstapfen traten 2003 Justice und verjüngten die Elektro-Szene einmal mehr mit französischem Flair.

Air sind nun schon seit 15 Jahren eine feste Größe, setzten wie ihre Kollegen von Anbeginn auf Elektronisches, blieben dabei aber weniger discolastig - und sind gerade deshalb so aktuell wie nie zuvor. Während die Kollegen sich - höchst erfolgreich - an harten Beats abarbeiten und das Volk stets zum Tanzen animieren müssen, blieben Air ihren weichen Klängen treu.

Zeitlos gut: So wenig Air sich irgendeiner Zeitdimension verpflichtet fühlen, so wenig sind an den Raum gebunden. Ihre Lieder passen zu einem Make-Love-not-War-Film aus den Sechzigern genauso gut wie zu einem verschrobenen Achtziger-Jahre-Derrick-Krimi und zum spacigen Sciene-Fiction-Blockbuster.

Diese Musik ist perfekt für den tragbaren MP3-Player - man kann sie immer und überall hören, ohne dass sie jemals als Fahrstuhl-Musik wird enden müssen. Dazu sind die melancholischen Traumklänge dann doch zu ironisch überhöht, und der Gesang zu überirdisch verweiblicht.

So schön die Musik auch ist, an der Dramaturgie könnten die französischen Bedtime-Helden aber noch ein wenig feilen. Man sollte die große Bühnen-Lässigkeit dieser Franzosen nicht als Lustlosigkeit missverstehen. Die Münchner Fans waren dennoch streckenweise euphorisiert.

Um es mit dem grandiosen Chef-Musik-Entertainer aus Heinz Strunks Roman Fleisch ist mein Gemüse zu halten: Geil abliefern ist dann doch etwas anderes.

© sueddeutsche.de/jja

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