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Konzerthäuser:Weinberg oder Schuhkarton

Für einen Saal mit guter Akustik kommen nur zwei Formen infrage. Doch bei der äußeren Form sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Warum empfinden viele Architekten den Bau eines Konzerthauses als die Vollendung ihrer Kunst, obwohl diese Aufgabe im Kern das absolute Minimum an Optionen bietet? Nämlich genau zwei. Flughäfen und Wohnhäuser, Bürogebäude und Museen, Shopping-Malls oder Fabriken kann man trotz aller funktionalen Vorgaben knicken und knautschen, klein- und großteilig organisieren, stapeln, verstreuen oder verdichten. Aber ein Konzertsaal gehorcht den Gesetzen der Akustik. Und die, so der prominente Klangingenieur Yasuhisa Toyota, der auch die Hamburger Elbphilharmonie klangtechnisch fit gemacht hat, kennt bis heute nur zwei Raumlösungen für ein optimales Hörerlebnis: den "Schuhkarton" und den "Weinberg".

Der Neubau eines Konzerthauses ist eine Königsdisziplin

Das eine ist die aus dem Feudalismus übernommene Lösung, bei der ein rechteckiger Saal sich zwischen Bühne und Fürstenloge erstreckt. Das andere eine Erfindung des Berliner Architekten Hans Scharoun für ein demokratisches Kunsterlebnis mit dem Orchester in der Mitte und rundherum ansteigenden Sitzreihen für die Menschentrauben, wie er es mit der Philharmonie von Berlin in den Sechzigern zum Zweitstandard machte. Zwischen diesen Angeboten lässt der Akustiker den Architekt zu Beginn des Entwurfsprozesses wählen. Für jeden anderen Vorschlag verspricht er ihm unzufriedene Konzertgäste.

Doch trotz dieses strikten Reglements ist der Neubau eines Musikgebäudes die gefühlte Königsdisziplin der zeitgenössischen Architektur. Kaum ein großer Name aus der Weltliga der Künstlerarchitekten hat sich nicht daran versucht. Rem Koolhaas mit der Casa da Musica in Porto, Frank O. Gehry mit der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, Toyo Ito in Taichung, Zaha Hadid in Aserbaidschan und Dubai, auch Jean Nouvel gleich mehrmals in Luzern, Kopenhagen und Paris, wo seine kürzlich fertiggestellte Philharmonie schon wieder Konkurrenz durch einen Musiksaal von Shigeru Ban bekommt. Und ambitionierte Städte, denen für die internationale Strahlkraft eines spektakulären Museumsneubaus schlicht die qualitativ hochwertigen Sammlungen fehlen, scheuten in den vergangenen Jahren weder Kosten noch Ärger, um dem Musikerlebnis eine große Bühne gestalten zu lassen.

Einem Ensemble aus Schuhkartons gleicht das Musikkens Hus im dänischen Aalborg, das vom Wiener Büro Coop Himmelb(l)au geschaffen wurde.

(Foto: Visit Denmark)

Von Reykjavík bis Utrecht, von Oslo bis Cremona, von Stettin bis Santa Cruz de Tenerife, von Aalborg über Bochum bis Breslau sind seit der Jahrtausendwende große Auditorien entstanden, die aus der akustischen Beschränkung ästhetische Vielfalt erzeugten - wenn auch primär außerhalb des Saals. Zwar wird dem Bedürfnis der Zuschauer, den Blick von dem steif dasitzenden Orchester auf anregende Architekturdetails schweifen zu lassen, in beinahe allen neuen Konzertsälen entsprochen. Dekorative Ornamente, interessante Materialien oder sogar Fenster mit Ausblick bieten all jenen, die beim Musikhören nicht die Augen schließen, visuelle Abwechslung.

Vergleicht man die Innenansichten aber in Serie, dann zeigt sich eine ziemlich konstante Struktur der zwei Möglichkeiten: der dekorierte Schuhkarton und das schüsselartige Weinbergerlebnis sind bei jeder Verpackung sofort als Urform zu erkennen. Was man von dem äußeren Auftritt der neuen Konzerthäuser keineswegs behaupten kann.

Hier herrscht extreme Formenvielfalt. Drei Beispiele der jüngsten Zeit mögen die Breite aufzeigen, in der Kommunen sich heute aufregende Musikbauwerke schaffen, die möglichst zum Wahrzeichen taugen - womit den Architekten eine nahezu grenzenlose Freiheit gewährt wird, die der wahre Ansporn für die hohe Beliebtheit von Musikbauten sein dürfte.

Das Musikkens Hus in Dänemark ist Beispiel für entfesselte Form

Das neue Musikkens Hus in Aalborg ist ein klassisches Beispiel für die entfesselte Form von Künstlerarchitektur, die völlig befreit von ihrer Funktion erscheint. Das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au, bekannt für kubistische Baucollagen wie bei der Münchner Kunsthochschule oder der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, hat hier eine architektonische Wassermusik komponiert, die jeder klassischen Symmetrie spottet. Wie die Hamburger Elbphilharmonie direkt an einem Kai gelegen, formuliert auch dieses Gebäude optisch die Wellen-Analogien zwischen Klang und Flüssigkeit.

Wie ein Origami-Gebilde aus Papier mutet die Philharmonie in der polnischen Stadt Stettin an. Die katalanischen Architekten Barozzi Veiga greifen mit der Silhouette die traditionelle Form der Spitzgiebelhäuser auf.

(Foto: Alamy/Mauritius Images)

Dynamische Dachkonstruktionen, blasenförmige Fenster, große Durchsichtigkeit, wellenförmige Balustraden und überall das konstruktive Prinzip von widerstreitenden Kräften geben dem Gebäude die Anmutung großer Aufgewühltheit.

Demokratische Prinzipien herrschen hier dennoch. Trotz Monarchie in Dänemark hat die Königin keine extra Loge, sondern saß bei der Eröffnung 2014 auf einem gewöhnlichen Stuhl eines normalen Balkons und ließ sich dort von ihren Untertanen huldigen.

Eine völlig andere, abstrakte Sprache der Opulenz vermittelt das neue Konzerthaus in Stettin der katalanischen Architekten Barozzi Veiga, das vergangenes Jahr durch den Mies-van-der-Rohe-Award zum besten Gebäude Europas gekürt wurde (eine Auszeichnung, die bereits 2013 ein Konzerthaus erhielt, das Harpa-Zentrum von Henning Larsen und Ólafur Elíasson in Reykjavík).

Die Philharmonie in der polnischen Grenzstadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden war, hüllt sich in die geisterhaft von innen beleuchtete Silhouette alter Spitzgiebelhäuser, die hier früher das Zentrum prägten. Die emotionale Verbindung zur Vergangenheit, die auch in der Aufführung klassischer Musik so intensiv gelingt, findet in der Fassade eine schlichte, beeindruckende Metapher. Die harte Schachtelform des Saals dagegen haben die sonnengewöhnten Architekten aus Barcelona durch einen Himmel aus Goldreliefs in eine geradezu barocke Schwelgerei verwandelt.

Das sicherlich originellste neue Konzerthaus der Spitzenklasse aber liegt in Bayern, besser: steckt dort. Am Rande des Bayrischen Walds, in Blaibach, hat der Münchner Architekt Peter Haimerl eine ungeschmückte Schuhschachtel schräg in die Erde gerammt und darin eine unterirdische Musikgrotte versteckt, die noch jeden verzaubert hat, der sich an die süddeutsche Peripherie zum Konzert begab. Gefaltete und poröse Betonwände in einem steil gekippten Raum erwecken das erhabene Gefühl ewiger Alpensinfonie. Oberirdisch dagegen erhebt sich eine Sichtbetonschachtel grotesk aus der Dorfmitte, unter die man kriechen muss, um über gefaltete Gänge in die Schatztruhe der Musik zu gelangen.

Aber ob wild, abstrakt oder frech, der internationale Luxuswettkampf, dem mit der Hamburger Elbphilharmonie jetzt ein besonders schönes (und teures) Exemplar hinzugefügt wurde, sorgt dafür, dass die Musikverpacker überall auf der Welt ihre schönsten Kreationen verwirklichen dürfen. Was drinnen ist, lässt sich dagegen stets schnell erraten: Schuhe oder Wein.