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Konzerte:Fliegende Stilwechsel

Panzerballett

Hier gibt's was auf die Glocke: "Panzerballett" spielen Weihnachtslieder.

(Foto: Jazzfest München)

Das Jazzfest München ist in diesem Jahr so umfangreich wie noch nie. Im üppigen Programm spiegeln sich Vielfalt und kreative Kraft der heimischen Szene

Von Oliver Hochkeppel

Schon Anfang Oktober gab es den ersten rauschenden Abend im Gasteig, nun folgen in kurzem Abstand die nächsten Streiche. Findet doch das Jazzfest der Jazzmusiker-Initiative München (J.I.M.), diese mit Quervergleichen zu einigen auswärtigen Gästen angereicherte Leistungsschau der hiesigen Szene, heuer erstmals nicht en bloc, sondern verteilt statt. Dafür sind es gleich zwei Abende mehr. Das seit ein paar Jahren übliche Motto hat man vom Eröffnungskonzert behalten: "Die Letzten ihrer Art" lautet es, die Wiener Schauspielerin Adele Neuhauser las da zu den Klängen der wilden jungen Fusion-Funkband Edi Nulz aus dem gleichnamigen Buch von Douglas Adams über fast ausgestorbene Tierarten.

Was einen leicht fatalistischen Hauch über die Veranstaltung legen und ein bisschen nach dem Reservatsdenken des alten Jazz klingen könnte - wenn nicht so oft die Letzten die Ersten wären. Oder wie es J.I.M.-Vorstand Andy Lutter formuliert: Sind wir nicht alle ein wenig Letzte unserer Art? Das demonstrieren bereits an diesem Mittwoch, 6. Dezember, Bands, mit denen auch der Blick nach Tschechien und die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unit-Label vertieft wird: Zunächst zeigt das junge tschechische Septett Ochepovsky, dessen Bandleader, Komponist und Gitarrist Igor Ochepovsky freilich aus Russland stammt, den Stand der Jazzdinge im Nachbarland, dann präsentiert das in Berlin gegründete Quartett Monkbeats des Schweizer Gitarristen Ursus Bachthaler, welche neuen zeitgemäßen Zugänge man zur Musik von Thelonious Monk finden kann. Den Ausklang dieses Abends gestaltet dann das mit allen wichtigen Preisen dekorierte Trio des Augsburger Pianisten Tim Allhoff, in dem diesmal aber nicht Münchens Schlagzeug-Institution Bastian Jütte, sondern der amerikanische Stardrummer Jeff Ballard trommelt.

Eine musikalische Filmnacht unter dem Titel "Die Gesellschaft zerfällt in autistische Fragmente" steht dann am Freitag, 8. Dezember, (und nicht wie alle anderen Konzerte in der Black Box, sondern im Carl-Amery-Saal neben der Stadtbibliothek) auf dem Programm. Andy Lutter an den Keyboards und Gunnar Geisse mit seiner "Computer Guitar" vertonen mit avantgardistischen Elektro-Improvisationen die Filme eines zwölfköpfigen Künstlerkollektivs. Mit Gunnar Geisse und dem Bläser Udo Schindler geht es danach mit den Objekten und Electronics von Anton Kaun alias Rumpeln weiter. Richtig in die Vollen und dann auch drei Tage am Stück geht es vom 14. Dezember an zur Sache, sozusagen beim alten Kern des Jazzfests.

Jeweils drei Bands pro Abend beackern das ganze Spektrum dessen, was man so Jazz nennen kann. Das beginnt bei Münchens ehemaliger Posaunen-Institution Hermann Breuer, der zu seiner alten Liebe, dem Klavier zurückgefunden hat und in seinem Trio plus Saxofonist Evan Tate sein Bekenntnis "I'm old fashioned" mit hinreißendem Leben erfüllt. Neues aus dem elektroakustischen Rhythmus-Labor präsentiert Gerwin Eisenhauers (bekanntlich vierköpfiges) Trio Elf mit seiner "Music Box Music" ebenso wie ganz zum Schluss die Tribes of Jizu - inzwischen eine der gefragtesten Instrumental-HipHop-Bands Europas - mit einer "Loop Session". Den Rare Grooves der Hammond-und Keyboarder-Legenden von einst gehen wieder die drei "Vintage-Krassomaten" von Organ Explosion auf den Grund, während der immer wieder großartige und mit vielen Stilwechseln überraschende Gitarrist Andreas Dombert bei seinem neuen Project "Minimal" erstmals solo antritt. "Some Kind of Blues" spielt das Duo Christian Elin (Sopransaxofon und Bassklarinette) und Marijan Sakas (Klavier), ausschließlich mit vier Saxofonen (die sie fallweise auch mal gegen Flöten tauschen) macht das Quartetto Barinetto mächtig Druck. Die außergewöhnlichste Stimme in diesem Chor dürfte die - vom Bassisten Martin Zenker bei dessen "Missionsarbeit" in Ulan Bator ausgebildete - mongolische Sängerin Enkhjargal Erkhembayar mit ihrem verzaubernden Mix aus traditioneller mongolischer und modern jazziger Musik sein.

Und den Vogel schießt wohl wieder Jan Zehrfelds Panzerballett ab, das bekannte Weihnachtslieder durch den Heavy-Metal-Jazz-Wolf dreht. Die dabei präsentierte neue CD "X-mas Death Jazz" ist bislang die bei weitem spannendste Weihnachtsplatte.

Augenfälliger als bei diesem Fest kann man nicht beweisen, dass die Münchner Szene für wirklich jeden Geschmack Exquisites bereit hält.

Jazzfest München, Mittwoch, 6. Dezember, Freitag, 8. Dezember, und Donnerstag bis Samstag, 14. bis 16. Dezember, 20 Uhr, Gasteig, Rosenheimer Straße 15

© SZ vom 06.12.2017
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