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Konzerte: Cohen und Simon in Lörrach:Zen-Mönch mit Sporthut

Der Schlüssel unserer Existenz: "Du-damm-damm". Zwei Sänger-Legenden, Paul Simon und Leonard Cohen, beim Stimmen-Festival - und in der Konzertkritik.

Legenden eins. Kris Kristofferson, gerade auf Europa-Tournee, sagte einmal, er wolle drei Zeilen aus einem Cohen-Song als Grabinschrift: "Like a bird on the wire, like a drunk in a midnight choir, I have tried in my way to be free."

Leonhard Cohen in concert, Lörrach, DPA

Zen-Mönch im Ruhestand: Altmeister Leonard Cohen, 73-jährig, zum ersten mal seit 15 Jahren wieder auf einer deutschen Bühne.

(Foto: Foto: dpa)

Legenden zwei. Paul Simon, gerade auf Europa-Tournee, singt gegen den Lärm seiner Band an. Seine fragile Stimme verliert sich etwas in der Restmusik dieser nassen Nacht über dem Marktplatz von Lörrach. Der Song heißt "Train in the distance": "Der Gedanke, das Leben könnte besser sein, ist unauslöschlich in unseren Herzen und Gehirnen verwurzelt." Ist er das wirklich?

Simon war schon immer ein melancholischer Optimist. An diesem Abend trägt er einen kleinen Sporthut und sieht aus wie einer, der für Corrado Soprano in New Jersey Sportwetten kassiert.

Ausdruckstarke Rabenstimme

Legenden drei. Leonard Cohen, gerade auf Europa-Tournee, mag nicht aufhören. Es geht auf elf zu und er steht seit acht auf der Bühne. Der ganze Marktplatz, 5000 Leute dichtgedrängt, skandiert: ". . . and then WE TAKE BERLIN!". Cohen wiederholt den Refrain mit großem Vergnügen. Seine Stimme, im Reich der Rabenvögel und Krähen längst die ausdrucksstärkste, beherrscht die Szenerie.

Auch er trägt, wie Paul Simon einen Abend später, einen Sporthut. Er aber sieht aus wie Leonard Cohen, alterslos, Zellaktivator-Träger, Zen-Mönch im Ruhestand. Er ist das beste Beispiel, warum man in der Jugend, also so etwa bis 49, traurig und grauironisch sein muss, um im reifen Alter so zu werden wie der 73-jährige Leonard Cohen.

Eine interessante Idee: An zwei Abenden hintereinander treten Cohen und Simon auf. Beide haben Dutzende Songs geschrieben, die seit Jahrzehnten von Hunderten gecovert werden. Ist ein Leben ohne "Suzanne", ohne "The Boxer", ohne "I'm your Man", ohne "Graceland" möglich? Wahrscheinlich schon, aber wenn man überlegt, wen diese Songs alles nicht geprägt haben - Osama bin Laden zum Beispiel, den Generalfeldmarschall Hindenburg oder auch Miro Klose - dann gehört man schon lieber zu den anderen, den So-long-Marianne-Geprägten.

Der Ort: Lörrach, Marktplatz. Die Fußgängerzone ist ein gutes Beispiel dafür, dass entschlossene Stadtplaner auch in einer nicht vom Krieg zerstörten Stadt allerhand anrichten können. Jedes Jahr gibt es hier das Stimmen-Festival, eine ambitionierte Veranstaltung im alemannischen Südwesten mit viel, im weitesten Sinne Ethno-Musik und etlichem, das sich zielgenau richtet auf Freiburger Wohngemeinschaften und manchmal auch nur an die Erinnerung daran.

Der Besucherandrang in Lörrach ist ganz o. k. bis unheftig. Seit Monaten ausverkauft war nur Leonard Cohen, der zuletzt 1993 in Deutschland auftrat. Der Kanadier Cohen, von den Amis nie richtig wahrgenommen, hat eine europäische Fangemeinde, die an ihn glaubt ("Halleluja"), irgendwie mit ihm auf Hydra war, und außerdem weiß, was Janis Joplin mit ihm im Chelsea Hotel gemacht hat, während unten die Limousine wartete.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum Paul Simon es in Lörrach schwerer hatte.

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