Konzert Zurück auf Null

Aus Spaceman Spiff, wie sich der Songwriter bis 2015 nannte, ist mit der Rückkehr in seine Heimatstadt Würzburg wieder Hannes Wittmer geworden.

(Foto: Christoph Naumann)

Warum der als Spaceman Spiff bekannt gewordene Sänger Hannes Wittmer seine Musik verschenkt

Von Jürgen Moises

Irgendwas läuft falsch mit diesem Kapitalismus. Anarchisten wie Horst Stowasser haben das bereits in den Siebzigerjahren gepredigt. Überzeugten Kommunisten war das eh schon immer klar. Und in den vergangenen Jahren fragen sich auch immer mehr andere kluge, empfindsame Menschen, was der entfesselte Kapitalismus mit seinem Wachstumszwang, Leistungsdruck und Konkurrenzdenken mit unserer Gesellschaft anstellt. Zu diesen gehört auch Hannes Wittmer alias Spaceman Spiff, wie er sich noch bis 2015 als Singer-Songwriter genannt hat. Seit dem vergangenen Jahr tritt der Würzburger nun unter seinem bürgerlichen Namen auf. Er hat sich vom renommierten Hamburger IndieLabel Grand Hotel van Cleef getrennt. Seine Musik gibt es stattdessen nun kostenlos auf seiner Website und Konzerte macht er auf Pay-What-You-Want-Basis.

Wieso? Weil er erlebt hat, wie er es auf www.hanneswittmer.de schildert, dass auch in der Musikindustrie Monopole angestrebt werden, "die Konkurrenz an allen Ecken und Enden aufgekauft" wird und damit "die Strukturen in der Musikindustrie keinen Deut besser als in jedem anderen Wirtschaftszweig sind". Auch der Glaube, dass man als Indie-Musiker in einer Blase "relativ abseits der großen Konzerne existieren kann", habe sich am Ende als "ziemlich naive Vorstellung" entpuppt. Deshalb ist nun Zurück auf Null Wittmers neue Devise. Mit dieser Haltung ist er von der Wahlheimat Hamburg in seine Geburtsstadt Würzburg zurückgekehrt, um sich dort an einer "Radikalkur von der Musikwirtschaft, ihren Mechanismen und Widersprüchen" zu versuchen.

Gut, man kann das nun als naives, idealistisches Experiment abtun, das aus dem Kapitalismus nicht herausführen und diesen ganz sicher nicht stürzen wird. Aber zur Verteidigung von Hannes Wittmer, der an diesem Freitag im Ampere in München auftritt, muss man sagen: Der fränkische Singer-Songwriter weiß das. Er weiß, dass er sich nicht einfach von der Welt, wie sie "gerade nun mal ist", abkoppeln kann, schon weil er "nach wie vor Fahrtkosten, Studiomiete, Gagen und die Rechnung im Supermarkt" bezahlen muss. Ob sich das rechnet, wurde er natürlich gleich gefragt. Aber auch: warum er noch bei Facebook ist. Warum er nicht zu einer sozial und ökologisch agierenden Bank wechselt. Oder ob er mit seiner Aktion nicht "die Denke" propagiert, dass Musik nichts kostet, keinen Wert hat.

Solche kritischen und ihn, wie er ehrlich zugibt, teilweise auch überfordernden Fragen, sind aber nur die eine Seite seines Experiments. Die andere ist: "Ein riesiger Haufen an Zuspruch und Unterstützung", wie er schreibt, sowie die Erfahrung, dass auch Pay-What-You-Want-Konzerte "super funktionieren", zumindest in Würzburg. Wie das in München ist, wird sich zeigen. Hinzu kommt die Wahrnehmung, dass "es sich wesentlich persönlicher und irgendwie ungezwungener" anfühlt, wenn ihm die Leute direkt und freiwillig Geld für seine Musik (oder ein Gitarren-Effektgerät) spenden, als wenn das über die üblichen Musikindustriewege und damit über vier oder fünf Ecken passiert.

Wer jedenfalls sein neues, im Januar erschienenes und übrigens sehr schönes Album "Das große Spektakel" hören will, der muss auf Wittmers Website gehen oder, wie er es nennt, bei ihm zuhause vorbeischauen. Und wer auf Liedermacher wie etwa Gisbert zu Knyphausen steht, sollte das auch unbedingt bald tun. Dort kann man dann gleich auch einige der Blog-Einträge lesen oder Wittmer eine persönliche Mail schreiben. Im Endeffekt gehe es doch um "Empathie, Vertrauen und Solidarität", dass man sich nicht als Konkurrent, als Produzent und Konsument, sondern als Menschen wahrnimmt und begegnet, so der Musiker und Sänger. "Vielleicht kann der Ansatz, meine Musik zu verschenken, mich hier zu öffnen und angreifbar zu machen (...) eine Übung im Miteinander auf kleinster Ebene sein."

Hannes Wittmer, Freitag, 8. Februar, 20 Uhr, Ampere, Zellstraße 4