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Konzert:Unangepasst, nachbohrend, klangreich

Wilhelm Killmayer

Wilhelm Killmayer (1927 - 2017) war ein höchst origineller und eigenständiger Komponist neuer Musik.

(Foto: dpa)

Die Musica Viva huldigt in drei fesselnden Konzerten unter anderem mit Jörg Widmann dem kürzlich verstorbenen, eigensinnigen Komponisten Wilhelm Killmayer an verschiedenen Aufführungsorten in München.

Von Reinhard J. Brembeck

"Ich hatte einst ein schönes Vaterland", singt Peter Schöne in der Allerheiligen-Hofkirche: sicher, textverständlich, nie Töne in der Kehle versacken lassend, auch in der zarten Höhe betörend durch ein hell schimmerndes Sehnsuchtstimbre. "Das küsste mich auf deutsch, und sprach auf deutsch (Man glaubt es kaum, Wie gut es klang). . . " Eine Woche nach der Bundestagswahl muss jeder im Raum glauben, dass da die gewählten Deutschrechtsnationalen nicht nur gemeint, sondern persifliert werden. Heinrich Heine eignet sich nach wie vor als Seismograf deutscher (Un)Tugenden. Genauso wie der Münchner Komponist Wilhelm Killmayer, der vor 20 Jahren seine "Heine-Lieder" vorgelegt hat.

Im vergangenen August ist er einen Tag vor seinem 90. Geburtstag gestorben. Er war im Münchner Musikleben, obwohl nicht viel gespielt, unübersehbar. Die weiße Mähne, die immer neugierig spähenden Augen, die hohe Stimme, die drängend bis zum Unangenehmen dem Wesen der Dinge und Menschen nachbohrte. Er misstraute dem Avantgarde-Mainstream zutiefst, haderte aber auch damit, von deren Vertretern nicht voll akzeptiert zu werden. Weil er unbekümmert und mit der Naivität des Visionärs den Weg in die Moderne ging und sich dabei jede Anbiederung versagte.

Zudem war Killmayer ein Klangminimalist wie Anton Webern. Doch dessen spröde Klanggestrüpp-Weise war nicht nach seinem Geschmack. Viel lieber setzte er mit so hinterfotzigem wie hintergründigem Grinsen einen reinen Durklang, der die Modernisten empörte, die Traditionalisten begeisterte. Killmayer war Großkomponist genug, es bei dem einen Durklang zu belassen. Weil genau der und nur der das Wesentliche traf. Unwesentliches schrieb er nie auf. Weder in den "Heine-Liedern" noch in der "Symphonie Nr. 3 (Menschen-Los)" noch in den Vertonungen von Franz von Assisi und Jacopone da Todi, zwei genauso Unangepassten wie er selbst.

All das präsentierte in drei Konzerten die Musica-Viva-Reihe, die so selbstverständlich zu München gehört wie die Wiesn. Wobei der Lackmustest gemacht wurde, wie gut Killmayers Musik im Vergleich mit Altersgenossen und Jungkomponisten abschneidet. Das Fazit war eindeutig: Kein Jüngerer kann bei Killmayers Ökonomie, Existenzialismus und Klangzauber gerade in den Liedern mithalten, während Meister wie Giacinto Scelsi und John Cage zumindest ebenbürtig sind.

Allerdings ist deren leicht esoterischer Einschlag und die Vorliebe für Klangflächen dem Rationalisten und Tonspieler Killmayer fremd. Scelsis "In nomine Lucis", das Organist Peter Kofler in der Michaelskirche in größter Ruhe und sich unablässig steigernder Intensität als Finale aufzog, berührt sich daher mit den beiden Chorstücken, die Robert Moran nach den gleichen Prinzipien entwickelt hat, die Cage in "Four²" verwendet. Wie jeder Eintopf beim Aufwärmen besser wird so auch Cages Musik in diesem Aufguss, den der grandiose BR-Chor unter Rupert Huber als lustvolles Tongewöll hinzauberte.

Auch Arnulf Herrmanns "Tour de Trance" faszinierte, in der sich das unablässig wuselnde Klavier von Jan Philip Schulze (Chapeau!) fast bis zur Ununterscheidbarkeit mit Sarah Maria Suns Sopran vermengt. Der Text wird von den Tönen verschlungen. Der Klangteppich aus Kleinstmotiven wäre dem an Einzelaktionen interessierten Killmayer fremd gewesen. Die Radikalität des Ansatzes, der so gar nicht rigide klingt, hätte ihn begeistert.

Gegen diese lustvollen Verweigerungen des Herkömmlichen fiel das andere ab: Selbst Wolfgang Rihms Missa brevis, weil etwas zu traditionsverliebt, Bernhard Lang, weil etwas zu popaffin, und Walter Zimmermanns zwölfteiliger Liederzyklus "vergebens sind die Töne", der sich zu sehr in Einzelmomente verlor. Problematisch auch die Leistungsshow von Jörg Widmann als Dirigent, Klarinettist und Komponist im Herkulessaal. Er ist eine Lichtgestalt der Szene. Als Klarinettist ist er Weltspitze, was er in Gerhard E. Winklers durchaus auf Virtuosenaplomb setzenden "Black Mirrors III" eindrucksvoll bewies.

Als Komponist liebt er anders als Killmayer die wortreiche Klangrede. Auch im fast einstündigen "Dritten Labyrinth", das den munter kratzenden und ploppenden BR-Sinfonikern eine schillernde Zupfinstrumentencombo gegenüberstellt, während die Sängerin Sarah Wegener immer wieder überraschend an verschiedensten Stellen im Saal auftaucht und zuletzt einen typischen Steigerungsabschluss in der Bühnenmitte hinlegt. Als Dirigent hat Widmann etliche Mühe, den Klang über schöne Einzelmomente hinaus zu formen und zu größeren Sinneinheiten zusammenzufassen. So ging Killmayers Dritte, die nicht gerade übermenschlich magische Dirigier- und Spielqualitäten erfordert, als stärkstes Stück durch. Schade, dass der Meister den späten Triumph seiner so oft belächelten Ästhetik nicht mehr erleben durfte.

© SZ vom 02.10.2017

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