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Konzert:Sinnliches Denken

Marc-André Hamelin

Marc-André Hamelin hat eine Vorliebe für komplexe Stücke. Er sagt aber auch: "Manchmal wäre ich froh, wenn sie ein bisschen einfacher wären."

(Foto: Sim Canetty-Clarke)

Der wunderbare Pianist Marc-André Hamelin hat etwas Neues entdeckt: Die Klaviersonaten von Samuil Feinberg, die er nun dem Münchner Publikum vorstellt, ergänzt um Liszt und Schumann

Von Egbert Tholl

Bei einem Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters ist die erste Reihe im Nationaltheater ein eigentümlicher Ort. Das akustische Erlebnis dort ist ein sehr gutes Beispiel für selektive Wahrnehmung. Sitzt man vier, fünf Plätze links vom Dirigentenpodestchen, so versinkt man im Klang der ersten Geigen, deren Gewalt kaum etwas anders zulässt. Mal hört man von unendlich weit hinten ein paar Bläser durch, mal die Pauke und von rechts glühen die Celli. Aber man kann die ganze Zeit ungehemmt auf Kirill Petrenko starren, und der kann sich nicht wehren. Dieses Starren bringt die Musik ein zweites Mal hervor. Es ist ein human-synästhetisches Erlebnis, Urgewalt der Emotionalität, schwitzendes, ächzendes, grunzendes Gesamtkunstwerk. Fast erschrickt man, blickt Petrenko zu den Musikern der ersten Geigen, also auch zum Zuhörer. Mit einem schmerzvollen Gesicht fordert er ein Höchstmaß an verzehrender Leidenschaft, Man versteht sofort, dass die Musiker alles für ihn tun, vielleicht auch, um zu mildern, was er im Moment empfindet, vor allem, um ihm zu folgen ins Innere der menschlichen Existenz.

Beim Akademiekonzert Anfang dieser Woche (SZ vom 22. Februar) wurde das reine, ungehemmte Petrenko-Erleben für eine gewisse Zeit ergänzt. Dann verschwand er hinter dem Flügel, den der Pianist Marc-André Hamelin bediente. Von halb schräg hinten sieht man vor allem dessen Hände. Weiche Hände, für Pianistenhände wirken sie erstaunlich klein. Sehr freundliche Hände, die mit den Tasten ein verschwörerisches Verhältnis eingehen, als bestünde zwischen ihnen, den Tasten und den Händen, eine Übereinkunft, von der der Zuhörer keine Ahnung haben kann. In der Debussy- Zugabe etwa glaubt man, Hamelin spiele gar keine Musik mehr, die irgendjemand mittels Notentext fixiert habe. Es wirkt vielmehr, als gehe das, was die Hände mit den Tasten tun, ausschließlich und ausschließlich in diesem Moment im Kopf Hamelins vor sich.

Hamelin spielt mit der allergrößten Mühelosigkeit. Man hört mehr, als man sieht, selbst wenn man seine Finger keinen Augenblick aus den Augen lässt. Wie aus seinem Anschlag auch größte Lautstärken entstehen können, bleibt ein Rätsel. Alles, was Hamelin macht, wirkt überlegt, ohne ostentativ intellektuell zu sein. Es ist eine Art von sinnlichem Denken, die ihn am diesen Abend scheinbar den letzten Ton des zweiten Klavierkonzerts von Nikolai Karlowitsch Medtner im Kopf haben lässt, wenn er den ersten anschlägt. Im Programmheft steht ein Zitat Hamelins: "Ich habe eine Vorliebe für Komplexität, für Dichte, für Reichtum in der Musik, und das bringt mich immer wieder zu Stücken, die in der Regel recht schwer zu spielen sind. Manchmal wäre ich froh, wenn sie ein bisschen einfacher wären, denn dann hätte ich selbst mehr Vergnügen bei meinen Konzerten."

Dadurch, dass man Hamelin die Mühen beim Spielen nicht anmerkt, ist er vielleicht der am wenigsten bekannte beste Pianist. Er ackert sich nicht als Showstar durch die Noten, er pflegt keine auffälligen Verhaltensweisen, er hat auch nicht 17 Millionen Follower bei irgendeinem virtuellen Dingsbums. Er ruft nach dem Konzert seine Frau daheim in Boston an, wo der gebürtige Kanadier lebt, und erzählt ihr, wie es war. Fragt man, wie es nun sei, in den USA zu leben, meint er: "I guess I should apologize for that."

Er sagt dies mit einem wissenden Zwinkern, und rechtfertigen muss er sich nicht dafür, auch nach Trumps Wahlsieg in den USA zu leben. Boston ist ohnehin nicht gerade Trump-Land, und die Hälfte seiner etwa 80 Konzerte im Jahr gibt Hamelin nun einmal auf dem nordamerikanischen Kontinent. In München spielt er jedes Jahr, seit 1996, seit er dem Münchner Veranstalter Paul Lenz über den Weg lief, einem Pianistenspürhund feinster Güte, ausgestattet mit Rock'n'Roll-Vergangenheit. Ist Hamelin in München, wohnt er bei Lenz und führt ihm die neuesten Schätze seiner Sammlung amerikanischer Stand-up-Comedians vor. Man ahnt es kaum, kann sich aber bei einer Begegnung nach dem Konzert sehr gut vorstellen, dass Hamelin, spielte er nicht so fantastisch gut Klavier, auch sehr gut eine Karriere als listiger und aufmerksamer Komödiant hätte machen können.

Jetzt hat er was Neues entdeckt: Musik von Samuil Feinberg. Zwei von dessen Sonaten, einsätzige, verstörende, aufregende Werke, wird Hamelin bei seinem Solo-Konzert am 24. Februar im Herkulessaal spielen - neben Stücken von Liszt, Schumann, Prokofieff und Maria Szymanowska. Feinberg war Pianist und Komponist, wie Rachmaninow, wie Medtner, wie Skrjabin, wie Hamelin. Für Paul Lenz vertonte Hamelin einmal eine Pralinenschachtel, für den ARD-Wettbewerb 2014 schrieb er das neue Klavier-Pflichtstück, ebenso wie für den Van-Cliburn-Wettbewerb gerade eben. Als Pianist ist er ein Entdecker, sieht sich selbst gar nicht unbedingt als Fachmann fürs Zeitgenössische - "dann könnte ich nichts anderes machen" -, spielt aber auch mal Stockhausen oder gräbt sich eben hinein in unbekanntes Terrain. Wie nun Feinberg, dessen zwölf Sonaten er einspielen will.

Marc-André Hamelin, Freitag, 24. Februar, 19.30 Uhr, Herkulessaal, Residenzstraße 1

© SZ vom 23.02.2017

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