Konzert Pakt mit dem Teufel

Blickt in die Abgründe einer Partitur: Barbara Hannigan.

(Foto: Musacchio & Ianniello)

Barbara Hannigans Projekt "Equilibrium Young Artists"

Von Paul Schäufele

Wystan Hugh Audens und Chester Kallmans Libretto in Igor Strawinskis Händen: Man musste mit doppeltem Boden rechnen; mit Hogarths moralischen Faustregeln hatte das nichts mehr zu tun. In der Interpretation, die Barbara Hannigan in Zusammenarbeit mit ihrem Projekt "Equilibrium Young Artists" bietet, und die an diesem Dienstag und Mittwoch in der Philharmonie im Gasteig zu hören sein wird, werden Blicke in die Abgründe dieser Partitur geworfen. Dem Subversiven in Strawinskis neoklassizistischer Oper nachzuspüren, ist eines ihrer Ziele. Sie findet es in der parabelhaften Anlage der Handlung, Tom Rakewells unbedachtem Handel mit zerbrechlichem Gut.

"Er verkauft seine Seele an den Teufel, ohne darüber nachzudenken", sagt Barbara Hannigan. Was er dabei vor Augen habe, seien nur Ruhm und Reichtum - das passiere jeden Tag. Die Lösung? Gibt es nicht, höchstens eine Idee: Liebe könnte helfen, aber auch nur vielleicht. "Es ist eine sehr aktuelle Geschichte", meint Hannigan, hat dabei auch die Aufführenden im Blick. "Seine Seele dem Teufel zu verkaufen, das hat auch mit Künstlersein zu tun." Gerade junge Sängerinnen und Sänger gerieten schnell in die Abläufe der Musikmaschinerie (vulgo Konzertbetrieb), ohne dabei den langen Blick zu haben, ohne darauf zu achten, dass nicht jede Stimme für jede Rolle zu jedem Zeitpunkt geeignet sein kann.

Unter anderem diesen Problemen widmet sich Hannigans Equilibrium-Initiative. Hier bekommen Sänger, die bereits ihre Ausbildung abgeschlossen haben, die Chance, sich gezielt mit Fragen etwa der Stimmgesundheit und des Umgangs mit Stress auseinanderzusetzen. Was Hannigan vermitteln möchte, sei eine "nicht nur erfolgreiche, sondern befriedigende Laufbahn". In den zu den Projekten gehörenden Workshops greift sie daher nicht nur auf die Hilfe von erfahrenen Musikerinnen und Musikern zurück, sondern setzt auch Mentorinnen aus dem Leistungssport ein. Dass damit Fragen berührt werden, die den Sängernachwuchs etwas angehen, beweist die Zahl an Interessenten: 350 Sänger aus 39 Ländern hatten sich beworben. Bei den Münchner Aufführungen - mit anderem Ensemble wurde die Inszenierung bereits in Göteborg und Brüssel gezeigt - singen etwa Sofie Asplund als Anne Trulove und Gyula Rab als Tom Rakewell.

Dass Hannigan gerade Strawinski auswählte, ist kein Zufall. "The Rake's Progress" schien ihr wie geschaffen zu sein für die Zusammenarbeit mit jungen Künstlern: Die Musik ist ausreichend komplex - sie als Dirigentin des Werks könne ein Lied davon singen -, die Figuren sind vielschichtig und fordernd. Zudem werden die Aufführenden nicht nur sängerisch eingebunden, sondern auch schauspielerisch eingesetzt. Linus Fellblom ist für die Bühnengestaltung der halbszenischen Aufführung zuständig. Gleiches Werk, gleiche Inszenierung, und doch sei es jedes Mal etwas ganz anderes, sagt Hannigan. "For idle hands and hearts and minds the devil finds a work to do" heißt es am Schluss. Woraus das Teufelsspiel im Gasteig besteht - man darf gespannt sein.