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Konzert:Mutige Wandlung

Jesper Munk stellt sein neues Album "Favourite Stranger" vor

Von Martin Pfnür

Mit dem Phänomen der Verwandlung ist das im Pop so eine Sache. Einerseits gilt der, der sich wandelt, spätestens nach den zahlreichen Neuerfindungen David Bowies als wagemutig, selbstbewusst und innovationsfähig. Andererseits sind auch nicht wenige Fälle bekannt, in denen die besagte Verwandlung eher auf dem Mut der Verzweiflung beruht oder auf einem gewissen Kalkül im Hinblick auf eine breitere Hörerschaft. "Ausverkauf" oder "Mainstream-Anbiederung" nennt man so etwas dann gerne.

Den mittlerweile nach Berlin ausgewanderten Münchner Songschreiber, Sänger und Gitarristen Jesper Munk darf man in diesem Zusammenhang nun guten Gewissens in der wagemutigen Bowie-Tradition verorten. "Favourite Stranger", sein Ende April erschienenes drittes Album und gleichzeitiges Major-Label-Debüt bei Warner Music, stellt eine musikalische Neuerfindung dar, die zu den hörenswertesten des Pop-Jahres zu zählen ist.

Kaum ein Fitzelchen ist da mehr übrig von diesem rauen, dreckigen, unmittelbaren Sound und diesem erstaunlich verlebten, geriffelten Röhren und Fauchen, mit dem sich der einstige Straßenmusikant auf seinen ersten beiden Alben "For In My Way It Lies" und "Claim" einen Namen als ausgezeichneter Blues-Rock-Rumpler im Stile US-amerikanischer Formationen wie der Jon Spencer Blues Explosion oder den Black Keys machte. Stattdessen dominiert auf "Favourite Stranger" nun ein ausgeprägter Hang zum wohltemperierten zarten Schmelz und zur weich gezeichneten Melancholie, zum samtenen Crooning und zum elegisch tröpfelnden Grande Piano, zu erhebenden Chören und wogenden Streichern. Kurzum: Zu Arrangements, die in ihrer süßen Fülle und ihrem handgemachten Retro-Charme den Geist der Soul-Ära Richtung Pop überführen, ohne dass der Hörer dabei gleich einen Zuckerschock erleidet.

Vom Blues-Rock-Rumpler zum Soul-Man: Jesper Munk.

(Foto: Lewis Loyd/oh)

Er habe sich schlicht weiterentwickelt, sich neu orientiert und dabei freilich auch die Ohren für andere Genres aufgehalten, sagt der Mittzwanziger am Telefon, und verweist auf seine Begeisterung für Soul-Koryphäen wie Otis Redding und Marvin Gaye oder die balladeske Seite eines Nick Cave. Und ja, auch Bowie habe ihn, der auf Pressefotos jetzt auch mal lässig im Smoking am Flügel lehnt, im Vorfeld inspiriert. "Aber mehr in Bezug auf das Spielerische und dieses Freiheitsgefühl, dass man sich bei der Außendarstellung schon was trauen darf." Die musikalische Veränderung selbst sei dabei gar nicht mal unbedingt gezielt anvisiert gewesen, mehr ins Blaue habe er da anfangs reingeschrieben, sagt er. "Erst im Studio, im Zusammenspiel mit meiner Band, die mich nun auch auf Tour begleitet, haben wir zu dem Sound gefunden, der jetzt auf dem Album zu hören ist."

Seine radikale Abkehr vom Blues wiederum, die so manchen Puristen vergrätzen dürfte, habe ganz andere Gründe gehabt. "Ich denke nicht, dass es gerade noch einen weiteren Blues-Gitarristen braucht. Bei all diesen extrem laut geführten öffentlichen Diskussionen, etwa im Hinblick auf Flüchtlinge in Deutschland, ist das momentan einfach nicht mein Sprachrohr." Der soulige "Favourite Stranger" also auch als musikalische Umarmung des Fremden an sich? "Im Grunde geht es im Titelstück ja darum, dass man zu jemand Unbekanntem wie einem Autor ganz einfach eine Verbindung herstellen kann - und das allein, weil man sich mit bestimmten Zeilen identifiziert", sagt Munk. "In der Flüchtlingsdebatte scheint es manchen Menschen hingegen viel schwerer zu fallen, sich auch mal von ihrem Ego zu lösen und da etwas empathischer zu denken." Umso schöner also, wenn der Anstoß dazu so wunderbar soulful klingt wie dieser.

Jesper Munk; Dienstag, 23. Oktober, 20 Uhr, Muffathalle, Zellstraße 4

© SZ vom 23.10.2018
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