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Konzert:Lyrik aus dem Leben

Tilman Rossmy mit seiner Band "Die Regierung" im Unter Deck

Die Regierung war schon immer eine der besten Bands, die die deutschsprachige Popmusik zu bieten hatte. Trotzdem schien die Auflösung nach ihrem 1997 erschienenen kommerziell erfolgreichsten Album "Unten" keine allzu große Lücke gerissen zu haben. Zumal der Gründer, Frontmann und Songschreiber der Band, Tilman Rossmy, "dieses gute wilde Leben" auch solo sehr treffend zu beschreiben wusste. Als vor zwei Jahren Die Regierung mit einem neuen, fünften Album überraschend zurückkehrte, kam das trotzdem der Fleischwerdung einer Legende gleich. Und nicht selten folgt einem solchen Werdegang im harten Musikgeschäft die Kreuzigung, die dann aber keine anschließende Wiederauferstehung bereithält.

Seit zwei Jahren wieder vereint: die Hamburger Band "Die Regierung" um den Sänger Tilman Rossmy (hinten links).

(Foto: Christoph Voy)

Doch die neuen Lieder, die die neue Zukunft als Erinnerung verhandelten und ein Patti-Smith-Konzert 1977 als Initialzündung benannten, fanden Gefallen bei den Jüngern, die sofort zu den Konzerten pilgerten, um dort auch den neuen Gitarristen der Band zu bewundern: Ivica Vukelic, der schon als Veranstalter mit seiner früheren Musikkneipe und der daraus hervorgegangenen Konzertagentur Club Zwei zu den wichtigsten Protagonisten der Münchner Subkultur zählt. Als solcher wurde er bereits geschätzt, bevor er selbst immer häufiger als Gitarrist in Bands wie Sasebo auftrat. In den Regierung-Konzerten lieferten nun seine psychedelischen Gitarrenfiguren nicht selten spannende Gegenbewegungen zum monoton pulsierenden Sound der restlichen Band, über die Tilman Rossmy seine Texte mehr nuschelt als singt. Und obwohl genügend Musikkritiker an Rossmys eigenwilligen Texten das eigene Germanistik-Studium anwenden könnten, erzählt am Schluss die Musik die spannenderen Geschichten. Dafür tauchen die Musiker auch mal ebenso Pop-erfahren wie tollkühn ein in Zitate, die selbst das göttliche "A Love Supreme" eines John Coltrane mutig vereinnahmen.

Ebenso klangvertraut mündet das Gitarrenspiel nun im ersten Song der neuen Platte "Was" in ein zurückhallendes Gitarrenknistern, das auch an die New-Wave-Band Bauhaus erinnert. Prompt erzählt Rossmy im Folgestück von seiner Zeit als 19-Jähriger, als er - von Geistern heimgesucht - in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Dort hatten die Geister ihn aufgegeben, schließt das Stück nach nicht einmal zwei Minuten abrupt. Auf dem Album gibt es einige solcher Kurzgeschichten, die andere vermutlich zu Romanen ausgebaut hätten. Oder sollte man die Songs mit Kurzfilmen vergleichen? Denn tatsächlich ähnelt die Musik einer Kamerafahrt durch Rossmys Leben. Vorbei am Umzug des Esseners nach Hamburg, hinein in die gescheiterte Beziehung, immer wieder beleuchtet von großartigen Sätzen wie "Ich kann die Bäume nicht sehen, aber ich spüre die Schläge der Äste". "Wenn du was verlierst, schau dich um nach was Besserem", empfiehlt der 60-jährige Rossmy. Etwas Besseres als das neue, bei Staatsakt erschienene Album findet man allerdings nur selten. Insgesamt sind nämlich auch die neuen Songs der Regierung wieder eine Lyrik, die man in Büchern vergebens sucht.

Die Regierung, Dienstag, 2. April, 21 Uhr, Unter Deck, Oberanger 26