Konzert:Langer Nachhall

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Stimmwerck

18 Jahre perfekte Harmonie: Klaus Wenk, Franz Vitzthum, Marcus Schmidl und Gerhard Hölzle (v.l.).

(Foto: Johannes Braus)

Die letzten "Stimmwerck-Tage" auf dem Adlersberg

Von Egbert Tholl, Adlersberg

Als sich das Ensemble Stimmwerck 2001 in München gründete, ahnten Gerhard Hölzle, Klaus Wenk, Marcus Schmidl und Franz Vitzthum vermutlich selbst noch nicht, dass sie damit eines der besten Gesangsensembles für Alte Musik, vor allem Musik der Renaissance, ins Leben riefen. Zwei Tenöre, ein Bass, ein Countertenor, und damit ist eine Welt möglich. Nach einigen herausragenden CDs, nach Auftritten bei internationalen Festivals, nach Gründung des eigenen Festivals auf dem Adlersberg wenige Kilometer westlich von Regensburg ist nun Schluss. Stimmwerck löst sich Ende dieses Jahres auf, einfach deshalb, weil die Lebenswege seiner Mitglieder inzwischen in unterschiedliche Richtungen laufen. Das ist sehr schade, aber auch gut zu verstehen.

Nun gab es sie in dieser Form zum letzten Mal, die Stimmwerck-Tage, die 2005 ins Leben gerufen wurden, mit außergewöhnlichen Konzerten in der ehemaligen Klosterkirche begannen, 2011 um eine musikwissenschaftlich fundierte Akademie und 2015 um genau ausgewählte Kontrapunkte eines lebenden Komponisten ergänzt wurden. Im aktuellen Fall ist das Hans Schanderl, der für Stimmwerck ein Stück mit dem Titel "Whispers of heavenly death" nach einem Text von Walt Whitman schrieb, das tatsächlich mit einem Flüstern beginnt und schnell so wirkt, als wäre ein Komponist der Renaissance-Zeit in unsere Gegenwart hineingefallen. Aber Schanderl schreibt nicht Musik als Mimikry, er findet einen eigenen Ton, harmonisch, aber nie altmodisch, sondern gut durchlüftet. Später improvisiert er noch ein Stück auf dem Cello, allein und versunken im Klang seiner Echoschleifen, die in der Akustik der Adlersberg-Kirche eine raumausfüllende Wirkung entfalten.

Wie stets bei Stimmwerck hat das Programm an diesem Samstag einen fundierten musikhistorischen Hintergrund. Hier ist es die Sammlung von Carl Proske, bewahrt in der bischöflichen Zentralbibliothek in Regensburg. Der war Vertreter der Cäcilianer, die im 19. Jahrhundert befeuert vom Historismus der Zeit eine Restauration in der Kirchenmusik ersehnten. Also nur gregorianischer Choral und Vokalpolyfonie der Renaissance in der Kirche und sonst nichts. Mehrfach reiste Proske, gebürtig aus Schlesien, nach Italien und durchforstete dort die Archive, vor allem in Rom, und schrieb ab, was er dort an Musik und interessant fand. Die Kopien brachte er nach Regenburg, und Stimmwerck führte nun 180 Jahre später Einiges davon auf, teilweise begleitet von den Posaunen und vom Zink des Ensemble Oltremontano.

Es sind Gebete, Anrufungen, aber auch alttestamentarisch Erzählendes. Kunstvoll sind die Gesangslinien verwoben; begleiten die Bläser, singen manchmal sozusagen selbst oder schaffen Harmonien, über denen der phänomenale Ensemble-Klang der Stimmwercker leuchtet. Das kann nicht das Ende gewesen sein! Falls doch: Es war herrlich.

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