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Konzert in Manchester:Aus einem Charthit wird ein aufrichtig empfundener Song

Der Punkt ist einfach: Dass diese Stars an diesem Abend da sind und das Spiel des Pop spielen, und zwar ganz selbstverständlich. Dass selbst die größtmögliche kommerzielle Künstlichkeit, die totale Entfremdung, die trostlose Immanenz des Billigplastik jeder Zeit in ein Moment der Wahrheit kippen kann.

Aber manchmal fügt sich alles unvermittelt zusammen. Die Geste stimmt, der Himmel stimmt - und aus einem Charthit wird ein aufrichtig empfundener Song, die Abendsonne ist keine Kitschpostkarte mehr, sondern die Schönheit der Welt, und das ewige horizontale Dahinplätschern der Zeit wird vertikal durchschnitten, weil man den direkten Draht zu den Sternen hat. Das kann im dreckigsten Kellerclub mit der lärmendsten Shoegazeband genauso passieren wie beim Stadionkonzert von Ariana Grande. Es geschieht an diesem Abend, 24 Stunden nachdem ein erneuter Anschlag die britische Haupstadt London getroffen hat.

Ariana Grande tritt auf, die Gastgeberin des Konzertes. Sie trägt mit den Black Eyed Peas "Where is the Love" vor, stimmlich beeindruckend, mit Kraft und Volumen, und sie singt erstaunlich entspannt. "Olivia would have wanted to hear the hits" ("Olivie hätte die Hits hören wollen") zitiert sie die Mutter eines der gestorbenen Kinder, und die Hits bestimmen den Abend - von Katy Perrys in weißem Federkostüm vorgetragenem "Roar" bis zu Justin Biebers "Love yourself".

Kapitalismus, Freiheit und Kitsch liegen eng zusammen

Und dann sind sie alle da, Pharell, Miley Cyrus, Kaugummi kauend, Katy Perry mit eisverschmiertem Mund, Bieber mit Tränen in den Augen, und viele andere, die per Video ihre Grüße senden und den Menschen von Manchester ihre Liebe erklären. Scooter Braun dankt denen, die während des Anschlags ihr Leben riskiert haben, um anderen zu helfen. Chris Martin singt "Don't look back in anger", Liam Gallagher performt in einer orangen Jacke, ein Tambourin hinter dem Rücken.

Sie alle repräsentieren noch etwas anderes: Dass es schmerzhaft, schwierig, verstörend sein mag, dass Kapitalismus und Freiheit, Kitsch und unschuldiges Gefühl, Affirmation und Revolution so dicht beieinander liegen. Aber wenn irgendwas grandios an unserer Gesellschaft ist, dann gerade das. Denn es ist etwas sehr Lebensfreundliches, Widersprüche auszuhalten. Was nicht heißt, dass man sie akzeptiert. Es heißt nur, dass man sie nicht einfach leugnet oder mit Gewalt zu beseitigen versucht.

Mutig haben Ariana Grande, das Publikum und ein paar der größten Popstars unserer Zeit diese Stunden zu einem Abend gemacht, der ein bedeutender Moment für die Popmusik und die Welt ist.

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