Konzert in Berlin Ein Mysterium

Der Pole Stanislaw Skrowaczewski, 1923 in Lwow (Lemberg) geboren, dirigierte in der Berliner Philharmonie Anton Bruckners Achte Symphonie.

(Foto: Imago )

Wie Skrowaczewski mit der Gelassenheit von 92 Jahren Bruckners Achte Symphonie dirigiert.

Von Wolfgang Schreiber

Der dienstälteste Kapellmeister der Welt ist gebürtiger Pole, heißt Stanislaw Skrowaczewski und ist genauso alt wie das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das älteste deutsche Radioorchester, das er in der Berliner Philharmonie dirigiert - beide Jahrgang 1923. Und Anton Bruckners Achte, die sie gemeinsam musizieren, gilt als die nach Konzeption, Ausdehnung und geistiger Verdichtung gewaltigste Kreation des österreichischen Symphonikers.

Brechend voll ist die Philharmonie am Sonntagnachmittag, als der 92-Jährige das Podium betritt: Langsam, in sich gekehrt, mit Bedacht nähert er sich dem Dirigentenpult, wo die Bruckner-Partitur zugeklappt bleibt. In den kommenden 85 Minuten dirigiert Skrowaczewski auf dem Podest stehend, es begibt sich das Wunder der verjüngenden Macht großer Musik, wie sie einst bei den Bruckner-Maestri Sergiu Celibidache und Günter Wand ihre verblüffende Wirkung zeigte.

Stanislaw Skrowaczewski stammt aus dem polnischen Lwów, dem früheren Lemberg. Er studiert Geige und Klavier, mit dreizehn steht er vor einem Orchester, mit 23 wird er Chefdirigent in Breslau, später, für zwei Jahrzehnte, Music Director beim Minneapolis Symphony Orchestra. Gastdirigent weltweit. Eine Karriere fern von Ansehen und Glanz der Furtwängler, Karajan und Co., aber erfüllt von Können, Wissen und Beständigkeit. Jetzt im höchsten Alter verbinden sich zwei vermeintliche Gegensätze: Willensstärke und Gelassenheit.

Skrowaczewski gilt seit Langem als Bruckner-Charismatiker, was das Berliner Konzert triumphal bestätigt. Und da die Berliner Rundfunk-Sinfoniker mit ihrem Chefdirigenten Marek Janowski zuletzt alle Bühnendramen Richard Wagners konzertant bewältigt und auf CDs herausgebracht haben, hat Skrowaczewski eines der im spätromantischen Klang versiertesten Bruckner-Orchester an der Hand.

"Meine Achte ist ein Mysterium", Bruckners Anspruch wird in der Aufführung atemberaubend eingelöst. Skrowaczewski gelingt es aus seiner Erfahrung und unzerstörten Erlebnisfähigkeit heraus fast wie selbstverständlich, die Spannungsbögen der vier monumentalen Symphoniesätze nicht nur zusammenzuhalten, sondern sie kraft inneren Elans aufzuladen. Mit lebhaftem Blickkontakt und kleinen fordernden Gesten lockt er Bläsersoli oder Streichergruppen wie auf eine Theaterszene, mit der Musik atmend disponiert er die Brucknerschen Übergänge, die Steigerungswellen und ihr Verschwinden ins Lautlose. Keine symphonische Weihestunde, symphonische Arbeit vielmehr an der Schönheit der im Klang strukturierten Logik ist es, die das Orchester mit beeindruckender Präsenz liefert. Der Dirigent Stanislaw Skrowaczewski hat die existenzielle Dimension von Bruckners überwältigender Kunst freigelegt - mit Standing Ovations wird es ihm gedankt.