Konzert Grün in alle Ewigkeit

Peter Maffay haucht seinem längst abgeschriebenen Drachen Tabaluga neues Leben ein, zum Wohle der Kinderhilfe-Stiftung. Nun erscheint ein neues Album mit Gaststars wie "La Brass Banda" und Helene Fischer

Von MICHAEL ZIRNSTEIN

Es fühlt sich an wie Weihnachten. Weihnachten 1984, als Bob Geldof Musikerfreunde wie Bono, Sting, Boy George und Paul McCartney vor der Kamera zusammenholte und alle "Do They Know It's Christmas?" für den guten Zweck sangen. Die Bilder begleiteten einen lange, zumindest bis 1985 ein amerikanischer Benefiz-Chor "We Are The World" schmetterte und hierzulande deutsche Stars die Armut in Afrika mit "Nackt im Wind" niedersangen. Dieses Zusammenstehen demonstriert auch das gerade erscheinende Album "Tabaluga und die Freundschaft". Zum Finale stimmen Laith al Deen, Johannes Oerding, Bully Herbig, Otto Waalkes, Olga Peretyatko, Tim Bendzko, Uwe Ochsenknecht, Udo Lindenberg und andere "Es lebe die Freundschaft" an. Eingeladen vom musikalischen Leiter Peter Maffay, der übrigens wie Lindenberg dereinst bei "Nackt im Wind" dabei war. Und der bereits 1983 - ein Jahr vor Band Aid - das Drachenkind Tabaluga als Weltenretter schlüpfen ließ.

Die 32 Jahre, von denen jedes 700 Menschenjahre zählt, sieht man dem Grünhorn nicht an. Anders als seinem Mitschöpfer Peter Maffay. Der trotzt dem Alter aber noch erfolgreich mit Muskeltraining und einem wandhohen Porträt von Keith Richards im Büro in Tutzing. Oft schaut er (sechs Jahre jünger, selber Totenkopfring) "den Typen" an, und erkennt, dass Falten nicht vom Verfall künden, sondern von einem Leben für die Ewigkeit. Aber Maffay leitet auch eine Stiftung für Kinder in Not, und da darf man sich keinen Illusionen hingeben. "Ich bin zum Trittbrett geworden für die Stiftungsaktivitäten und das Generieren von Geld durch Sponsoren", erklärt Maffay. Zwei Drittel seiner Arbeitszeit stecke er in die Stiftung. "Das wird in ein paar Jahren so nicht mehr gehen, schon anatomisch nicht, ich bin jetzt 66. Wenn ich in die Urne wandere, sollen 1200 Kinder auch in zehn Jahren noch kommen können." Ziel sei es, dass die Stiftung unabhängig von seiner Person laufe. Daher habe man die Verwertungsrechte, die man an EM Entertainment veräußert hatte, um die Stiftungsgebäude zu bauen, vor drei Jahren zurückgekauft. Die Zeichentrick-Figur soll in Deutschland und anderen Ländern der alleinige Motor des Kinderhilfswerks werden - als "Charity Brand", als "Edukations- und Wertevermittlungsmodell", als Werbeträger, als Show-, Musik- und Filmstar (2017 soll ein animierter Spielfilm in den Kinos anlaufen). Mit anderen Worten: "Der kleine Grüne" muss jetzt arbeiten gehen. Das sei der "nüchterne Grund" dafür, warum Maffay die zwischendurch beendete Drachensage weitererzählt.

Es gibt aber auch emotionale Gründe. Kreative, weil Maffay sich bei Tabaluga stilistisch von Stockhausen bis Hip-Hop mehr austoben könne als als Rocker. Und neulich hat er die Fernsehshow "Das Supertalent" angeschaut. Dort sangen zwei behinderte Freunde, Christian und Frederick, die Tabaluga-Hymne "Ich wollte nie erwachsen sein". Das Publikum erhob sich, Inka Bause weinte, die beiden anderen Juroren waren kurz davor, und auch Maffay "hatte einen Kloß im Hals": "Ich denke, da ist ein Grundvertrauen da, das über diesen Song hinausgeht. Ich glaube, Christian hat das, weil wir diese Stiftung haben, weil es da auch Kinder gibt, die ähnliche Schwierigkeiten haben wie er. Und bei Tabaluga geht es sehr oft in solche Ecken. Das hat nicht mit dem üblichen Gefallen zu tun."

In den Tabaluga-Geschichten, verfasst vom Textdichter Gregor Rottschalk, geht es nie um Kindisches, sondern um Vernunft, Liebe, Tod, Zweifel, Zeit. Im sechsten Teil "Tabaluga und die Freundschaft" kommt es ganz dick: Als der Drache nach einer Hagel-Attacke des bösen Schneemanns Arktos das Gedächtnis verliert, muss er erst sich selbst und neue Kumpels finden, ehe er mit seinem Erzfeind Frieden schließt, um Grünland vor der Lavaflut eines Vulkans zu bewahren. Das steht als Bild für vieles, momentan auch für die Flüchtlingskrise: Tabaluga bringt das Herz mit, wie Maffay, der sagt: "Man muss den Leuten helfen, die die nackte Haut gerettet haben, die es aus Syrien zu uns geschafft haben." Andererseits braucht es den kühlen, klaren Blick eines Arktos, wie den von Maffay, der seit Jahren humanitäre Hilfe in einem Dorf von Sinti und Roma in Rumänien leistet, die unter Diskriminierung, Perspektivlosigkeit und bedrohlichen Lebensumständen litten. Der erkannt hat, wie wichtig es ist, "dort Hilfe zu leisten, und nicht zu warten, bis das alles bei uns landet." Daher braucht es optimistische "Glückskäfer", wie den hinreißend von Bully Herbig gesungenen, oder einen latino-lustig von La Brass Bandas Bläsern angebrausten Bienenschwarm. Doch genauso nötig ist die Ordnung schaffende Ameisentruppe unter dem Regiment von Jan Delay, oder eben Arktos, der auf dem Album gleich zwei Stimmen bekommt: von Alex "Eisbrecher" Weselsky und Uwe Ochsenknecht. Zur Erlösung gehört dann noch die Weisheit einer alten Rock-Schildkröte (Udo Lindenberg), der Rap-Alarm eines Kratermannes (Samy Deluxe) und die Liebe (Helene Fischer). Wobei die Gaststars - so viele wie noch nie - nie gemeinsam im Studio standen, da läuft im Jahr 2015 doch vieles recht unromantisch über die Datenautobahn. "Es ist nicht nötig, dass man sich gegenseitig auf den Wecker fällt vor dem Mikro", sagt Maffay, in die Arme fallen könne man sich dann bei der Tour im nächsten Jahr.

Tabaluga, Fr.-So., 14.-16. Okt. 2016, Olympiahalle, 21 83 73 00