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Konzert:Der Tod ist groß

Salzburg

Asmik Grigorian neben Franz Welser-Möst am Pult.

(Foto: ph marco borrelli; SF/Marco Borrelli)

Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker mit einem Programm von seltener Grundsätzlichkeit.

"Der Tod ist kein Anfang, er ist das absolute Ende", davon war Dmitri Schostakowitsch überzeugt. Diese Überzeugung hat er seiner 14. Symphonie eingeschrieben, die 1969 bei einem der vielen Krankenhausaufenthalte seiner letzten Jahre entstand: Ein Sopran und ein Bass singen russische Übersetzungen von Gedichten vor allem des frühen 20. Jahrhunderts, und darin von sinnlosen Toden, vom Schicksal der Selbstmörder, der Soldaten im Schützengraben, der unschuldig Eingekerkerten.

Achtzig Jahre zuvor hatte der junge Richard Strauss, obwohl kein gläubiger Christ, in der Tondichtung "Tod und Verklärung" eine deutlich idealistischere Antwort gegeben: Die körperliche Agonie eines Sterbenden fast hyperrealistisch auskomponiert, mündete noch in der titelgebenden Verklärung. Zumindest nach dem letzten Atemzug darf der sterbende Künstler das Ideal schauen, nachdem er lebenslang gestrebt hat.

Um diesen Gegensatz herum hat der Dirigent Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern sein Programm bei den Salzburger Festspielen konzipiert, das mit einer ebenso verblüffenden wie stimmigen Zusammenschau beginnt: Ohne Pause lässt Welser-Möst im Großen Festspielhaus das 1882 uraufgeführte Vorspiel zu Richard Wagners Alterswerk "Parsifal" in Strauss' nur acht Jahre später komponiertes Jugendwerk übergehen. Schließlich ist das c-Moll von "Tod und Verklärung" nicht nur harmonisch mit As-Dur als Grundtonart von Wagners Bühnenweihfestspiel verwandt. Auch klangsprachlich beginnt Straussens weit ins 20. Jahrhundert ragende Werk dort, wo der alte Wagner aufgehört hatte. Wirkt das "Parsifal"-Vorspiel zu Beginn des Konzerts noch leicht zerfahren, entfacht Welser-Möst den Todeskampf und den Überschwang bei Strauss mit einer dynamischen Dichte und vorwärtsdrängenden Kraft, die man dem häufig distanziert wirkenden österreichischen Dirigenten kaum zugetraut hätte. Den visionären Schluss dürfen die Wiener Philharmoniker mit dem ganzen Glanz ihrer Streicher aussingen, für den sie nicht nur als Hausorchester der Salzburger Festspiele berühmt sind.

Grigorians Stimme entfaltet ihren Farbenreichtum in satten Tiefen und leuchtenden Höhen

Bei Schostakowitschs 14. Symphonie aber weicht die große einer fast kammermusikalisch verkleinerten Orchesterbesetzung, und die apotheotischen Aufschwünge den oft quälend sich windenden Linien im Spätstil des russischen Komponisten. In schwächeren Darbietungen kann das Werk deshalb zerfallen, Welser-Möst formuliert es mit fließenden Übergängen als Symphonie aus elf Liedern in einem formalen Guss. In der rhythmischen Strenge seines Zugangs, dem dichten Zug gerade auch in den langsamen Passagen verliert er die Intensität der ersten Konzerthälfte nicht, transformiert sie aber gleichsam in die Objektivität des späten 20. Jahrhunderts.

In der Sopranistin Asmik Grigorian findet er dafür die richtige Partnerin. Mit der Titelpartie von Richard Strauss' "Salome" hat sie im vergangenen Jahr bei den Salzburger Festspielen einen triumphalen Durchbruch gefeiert. Bevor diese Produktion Ende des Monats wiederaufgenommen wird, ist nun schon im Konzert der enorme Farbenreichtum zu hören, den diese Stimme in den satten Tiefen wie in den leuchtenden Höhen entfaltet. Gerade weil Grigorian diese Farben nie herstellen muss, sie ihr wie selbstverständlich zufallen, kann sie den schlichten Parlandoton bewahren, der Schostakowitschs kühlen, oft zynischen Todesbeschreibungen entspricht. Wenn sie als Hexe Loreley im dritten Lied ihren eigenen Tod vor einem Inquisitionsgericht fordert oder als Geliebte eines sterbenden Soldaten im fünften über den Tod spottet, dann fühlt man sich tatsächlich an ihre faszinierend kühle, unergründlich geheimnisvolle Salome erinnert.

Ihr Baritonpartner Matthias Goerne dagegen kann ein durchaus starker Sänger sein, wo es um subjektiven emotionalen Ausdruck geht. Hier müht er sich mit mulmig verdunkelter Klanggebung um Schostakowitschs Bassestiefen. Trotz des Einsatzes von viel Stimmgewicht erreicht er aber neben Grigorian kaum die eigentliche Gewalt dieser Musik. Erst am Ende der Symphonie vereinen sich beide Stimmen für Rainer Maria Rilkes "Schlußstück", um in nüchterner, von Pausen durchsetzter Diktion das Fazit zu formulieren: "Der Tod ist groß."

Es ist auch der Tod eines älteren Europa, der in dieser Zusammenstellung hörbar wird und über den persönlichen Tod weit hinausweist. Die ahnungsvolle, zarte Depression des alten Wagner, die Verklärung des Todes noch beim jungen Strauss, weichen den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, in denen der Tod zum Massenschicksal wird. Selten rühren Konzertprogramme derart ans Grundsätzliche wie dieses, das am Montag Abend in Salzburg noch einmal wiederholt und am 20. August im österreichischen Rundfunk gesendet wird.