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Konzeptkunst:Harmoniezauber

Yoko Ono, Ex It, 1997/2019, MdbK Leipzig, © Yoko Ono

"Ex It" heißt Yoko Onos duftende Landschaft mit Behelfssärgen, Zitrus- und Orangenbäumen.

(Foto: Alexander Schmidt/PUNCTUM)

Zwischen Dramatik und Rührschmalz: die Yoko-Ono-Retrospektive in Leipzig: "Peace is Power".

Von Till Briegleb

In Leipzigs Kunstpalast riecht der Friedhof nach Urlaub. Schon wenn man die dunklen Treppen in den dritten Stock hochsteigt, umhüllt einen der Geruch von Zitrusblüte. Und dann steht man plötzlich im gleißend Hellen vor einer ganzen Bootsflotte von Behelfssärgen, an deren Kopfstelle Zitronen- und Orangenbäume aus einer Öffnung wachsen, während über Lautsprecher Vögel zwitschern.

Es sind hundert Särge, große für Männer, mittlere für Frauen, kleine für Kinder, auf Yoko Onos Seelenacker im Museum der bildenden Künste. Die Botschaft dieses sinnlichen Massenbegräbnisses in Jenseitskähnen, wie sie für Kriegsopfer, bei Naturkatastrophen oder an den nördlichen Rändern des Mittelmeers verwendet werden könnten, ist eindeutig: irgendwas mit Frieden.

Taugt die Konsensformel "Peace" wirklich als Kernthema von Kunst?

Yoko Onos Basmala steht unmissverständlich außen am Glaswürfel des luftigen Museums. Seit sie vor fünfzig Jahren, im März 1969, mit John Lennon im Bett lag und ihre Flitterwochen in eine Demonstration gegen den Vietnamkrieg umfunktionierte, lautet der Gebetsanfang ihrer Erziehungskunst: "Peace is Power". Mit ihrem weltberühmten Pyjama-Protest im Amsterdamer Hilton-Hotel, dem eine Wiederholung in Montreal folgte, bei der das weiß gekleidete Paar mit Krishna-Mönchen, dem Drogenpapst Timothy Leary, der Schlagersängerin Petula Clark und dem Beat-Poeten Allen Ginsberg den Demo-Hit "Give Peace a Chance" aufnahm, wurde Yoko Onos Pazifismus zur Kunst erklärt.

Vorher hatte die Tochter reicher Banker einige Jahre Avantgarde in Manhattan produziert, die später als Fluxus tituliert werden sollte. Dabei ging es um Körper und Konzepte, Ausziehen und Anweisungen. Die berühmteste und auf Video überlieferte Aktion Yoko Onos aus dieser Zeit, bei der sie auch John kennenlernte, ist das "Cut Piece". Dazu setzte sie sich in ihren besten Kleidungsstücken vors Publikum und bot diesem an, sich Stücke davon mit der Schere direkt von ihrem Leib zu schneiden - wovon reichlich Gebrauch gemacht wurde. Mitte der Sechziger filmte Ono auch nackte Popos beim Gehen oder eine Fliege, die einen Frauenkörper bis in die intimsten Bereiche hinein mit dem Rüssel untersucht.

Diese für die spätere Perfomance-Kunst - etwa von Marina Abramović - einflussreichen Aktionen wurden begleitet von Bedienungsanleitungen, die dem Ziel dienten, die Idee als den wahren Kern von Kunst zu erklären, nicht das Werk: die sogenannten Instructions. Das sind präzise Anweisungen an andere, was sie zu tun haben, damit es die Kunst wird, die Yoko Ono sich vorgestellt hat. Der anonyme Adressat soll Bilder malen oder Filme drehen nach ihren genauen Vorschriften, sich in der Öffentlichkeit verhalten wie ein Sonderling oder einfach ein Jahr lang husten. Das verlangte Yoko Ono in kleinen Schreibmaschinen-Texten, die nun gerahmt an der Wand hängen und in ihrem imperativen Stil verständlich machen, warum das Gerücht nicht auszurotten ist, Yoko Ono hätte die Beatles zerstört. Eine Bandfreundin mit diesem harschen Anweisungsstil würde auch eine weniger berühmte Musikgruppe in ihrer kreativen Selbstbezüglichkeit zerrütten.

Die sehr umfangreiche Retrospektive von Yoko Ono in Leipzig versammelt entscheidende Arbeiten aus allen Phasen der mittlerweile 86-jährigen Konzeptkünstlerin und macht die zwiespältige Rezeption verständlich, die ihr Werk hervorrufen kann. Da gibt es genial einfache Ideen, die ihren Kampf gegen Hierarchie und Macht illustrieren, wie die Arbeit "We Are All Water" von 2006. Eine lange Reihe Apothekenflaschen mit klarem Wasser und Etiketten, auf denen nur die Namen berühmter Personen stehen, veranschaulicht den Körper als universellen Behälter für eine Flüssigkeit, die sich bei Adolf Hitler und Sid Vicious nicht unterscheidet. John Lennon steht in dieser Promi-Parade zwischen Stalin und Jean-Paul Sartre, Ono selbst zwischen Chaplin und Beckett.

Aber dann gibt es auch die partizipativen Kunstwerke wie "My Mommy Is Beautiful", für die Menschen auf Zettel schreiben sollen, warum ihre Mutter so schön ist, um das mit farbigen Klebestreifen an die Wand zu heften. Bei dieser Kitschperformance, die sich auch Toys 'R' Us hätte ausdenken können, sieht man dann viele Kinder, die unter Aufsicht ihrer Erziehungsberechtigten schönstes Mütterlob aufschreiben müssen. Wie gut, dass es keinen Rohrstock mehr gibt. Dabei geht es in Yoko Onos Kunst doch angeblich immer um Zwang- und Gewaltlosigkeit. Dasselbe Prinzip, angewendet auf misshandelte Frauen, führt zu einer bestürzenden Klagemauer traumatischer Erinnerungen. Abgebildet nur mit ihren Augen berichten Opfer männlicher Gewalt von Vergewaltigungen auf einem Grateful-Dead-Konzert oder in einem Fünfsternehotel, aber auch davon, wie man als aufopferungsvolle Mutter sein Leben für andere herschenkt, bis man sich alt, traurig und nutzlos fühlt.

Es gibt immer beides in Yoko Onos Kunst: Erweckung dramatischer Geschichte wie Animation zum Rührschmalz. Der Ausgangspunkt für beides ist ein bewusst naiver Kunstansatz, der sich an Schlüsselbegriffe wie "Peace" hält, um die Gesellschaft für bedingungslose Humanität zu gewinnen.

Nun ist Yoko Onos Menschheitssegnung "Friede" leider eine Konsensvokabel, die Joseph Goebbels genauso im Munde trug wie Schönheitsköniginnen und singende Ostermarschierer. Ein Wort ohne klare Bedeutung, wenn es Ruhe, Tod oder das Gegenteil von Krieg meinen kann. Ein Wort, das der Besucher als "Imagine Peace" in der Ausstellung auf Landkarten stempeln kann, als wäre das ein Harmoniezauber. Friede ist aber ein Prozess, der weniger durch Symbole am Leben erhalten wird, als durch Argumente. Und deswegen ist es grundsätzlich fragwürdig, ob "Friede" als Konsensformel wirklich Kernthema von Kunst sein kann, wo deren Kraft sich aus Komplexität und Konflikten zeugt. Wenn Peace wirklich Power ist, was ist dann Art?

Yoko Ono wird an den Wänden der Ausstellung mit einem Ausspruch von 1971 zitiert: "Ich bekämpfe das Establishment lieber mit Methoden, die so weit entfernt sind von der Denkweise des Establishments, dass das Establishment nicht weiß, wie es zurückschlagen soll." Oder schlägt es vielleicht nicht zurück, weil es Yoko Onos Kampf überhaupt nicht bemerkt?

Es ist diese Spannung zwischen großer Sympathie für das deeskalierende Anliegen Yoko Onos und der tiefen Skepsis über die behauptete Wirkung, die "Peace is Power" mit grundsätzlichen Fragen bestürmt. Kann diese appellative Kunst (oder Kunst überhaupt) wirklich pazifistisches Engagement sein, das zu mehr dient als der leichtfertigen gegenseitigen Versicherung friedlicher Absichten? Ist Kunst als Gesellschaftstherapie mit suggestiven Vokabeln wirklich mehr als Fetischzauber?

Die Leipziger Ausstellung kann diese Frage nicht beantworten. Das können nur die Besucher, nachdem sie die Ausstellung durch die duftende Sarglandschaft verlassen haben. Deren Titel lautet übrigens: "Ex It". Da möchte man mit dem Künstler Banksy, der keinen Frieden mit der Welt schließen will, fragen: "... through the gift shop?"

Yoko Ono: Peace is Power. Museum der bildenden Künste, Leipzig. Bis 7. Juli.

© SZ vom 29.04.2019

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