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Kontroverse Berlinale-Premieren:Normalität und Schrecken

Umstritten, faszinierend, zeitgemäß: Mit "DAU. Natasha" und "Berlin Alexanderplatz" laufen zwei Aufreger im Berlinale-Wettbewerb - aber ein italienischer Film erweist sich als härter.

Jetzt lief er endlich im Wettbewerb, der Film, auf den alle vielleicht am meisten gespannt waren. Weil er schon im Vorfeld heftige Kontroversen ausgelöst hatte. Vor allem wegen dieser einen Szene.

Eine Frau, Natasha (Natalia Berezhnaya) - sie arbeitet gegen Ende der Stalinära in der Kantine eines sowjetischen Forschungsinstituts - wird in einem Folterkeller von einem KGB-Beamten verhört. Er klagt sie an, mit einem ausländischen Wissenschaftler geschlafen zu haben. In Zukunft solle sie als KGB-Spitzel arbeiten, den Agenten jegliche Vorkommnisse in der Kantine melden. Der Mann schüchtert sie ein, droht ihr mit Folter. Dann reißt er ihr die Kleider vom Leib und zwingt sie, sich eine leere Cognacflasche einzuführen. Das erschreckende: Die Szene wirkt auf befremdliche Weise real. Als könnte sie nicht nur ein Spiel sein, sondern ein echter Übergriff. Weswegen sie von vielen als unerträglich empfunden wurde.

Denn "DAU. Natasha" von Ilya Khrzhanovsky und Jekaterina Oertel ist nicht einfach irgendein Film, sondern Teil eines megalomanen Kunstprojekts. In der Ukraine lebten und arbeiteten Hunderte Menschen (meist Laien) drei Jahre lang in einer riesigen Filmkulisse, einer detailgenauen Rekonstruktion des besagten Forschungsinstituts, in einer fortlaufenden Simulation der Zeit von 1938 bis 1968. Ohne Drehbuch, improvisiert. Echte Wissenschaftler verkörperten Wissenschaftler am Institut, der "Darsteller" des KGB-Agenten, Vladimir Azhippo, war an einem ukrainischen Gefängnis beschäftigt. Aus über siebenhundert Stunden Material entstanden über zehn Spielfilme. Teile waren letztes Jahr im Rahmen einer Kunstinstallation in Paris zu sehen gewesen, auch aus "Natasha". Dass diese Umstände für eine exklusive Weltpremiere in Kauf genommen wurden, spricht sehr für die Begeisterung von Berlinale-Kurator Carlo Chatrian. Gegen Ende der Woche läuft auf der Berlinale noch ein zweites DAU-Produkt, die knapp sechsstündige Dokumentation "DAU. Degeneratsia".

Nicht alle waren so begeistert. Das Projekt wurde mit einer Sekte verglichen, in der sich alle dem Willen des machtbesessenen Khrzhanovsky beugen. Berichte von sexistischen Castingpraktiken machten die Runde. Echte russische Neonazis spielten Geheimdienstschläger. Und da im Rollenspielkosmos der DAU-Filme die Grenze zwischen Inszenierung und Wirklichkeit intransparent ist, muss man sich fragen, wann etwas noch konsensuell ist oder nicht mehr, wenn es zur Ausübung von sexueller Gewalt kommt.

Die Stärke des Films liegt jedoch nicht in den Extremen - Folter und Misshandlung -, sondern in der Normalität. Es ist, als würde man neu sehen und hören, wie Menschen im Alltag miteinander reden. Natasha bedient und räumt auf, scherzt und zankt mit ihrer Freundin und Kollegin Olga. Es wird viel getrunken und gelallt, miteinander geschimpft und Sex gehabt. Die nicht nur gespielte Sexszene zwischen Natasha und einem französischen Forscher ist wunderbar intim, realistisch, ein Akt zwischen älteren, imperfekten Körpern. Ein wenig pornografisch, aber nicht zu sehr.

Es folgt ein heftiges Trinkgelage mit Olga, die sich (in echt) übergibt. Auch Natasha ist angeschlagen. Sie randaliert in der Kantine und schluchzt: "Warum ich? Womit hab ich das verdient? Fahrt zur Hölle!" Ob sich ihre Verzweiflung da auch ein wenig gegen den DAU-Schöpfer Khrzhanovsky richtet, kann man nicht wissen. Inwieweit haben die Schauspieler die Möglichkeit, das Dispositiv zu denunzieren, in dem sie sich aufhalten? Wann sind sie noch in ihrer Rolle, wann nicht mehr? Diese Fragen sind faszinierend. Dort jedoch, wo wie in der Folterszene ein notwendiges und eindeutiges "Stopp" ausbleibt (oder herausgeschnitten wurde), mischt sich in die Faszination ein mulmiges Gefühl hinein.

Eine weitere Exkursion in ein von Gewalt durchdrungenes Soziotop ist "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani, frei nach dem Roman von Alfred Döblin. Franz Biberkopf ist hier ein Migrant namens Francis B. (Welket Bungué), der aus dem westafrikanischen Bissau nach Europa kommt. Francis hat eine kriminelle Vergangenheit, sein Leben lang war er auf der Flucht. In Europa sucht er ein neues Leben, will, wie Döblins Romanfigur, gut und anständig werden. Er versucht es, fällt, steht wieder auf, fällt wieder. In einer Berliner Flüchtlingsunterkunft trifft er Reinhold, der afrikanische Männer Drogen verkaufen lässt und die Asylsuchenden mit Versprechungen von einem besseren Leben lockt. Francis weigert sich erst und arbeitet auf einer Baustelle, wird aber entlassen, als er für einen verwundeten Kollegen und Schwarzarbeiter einen Krankenwagen ruft. So landet er doch bei Reinhold, steigt ins Drogengeschäft ein - und lässt sich von ihm immer mehr in Kriminalität und Selbstzerstörung hineinziehen.

Der Film zeigt ein Deutschland, das längst nicht mehr einfach nur weiß und hetero ist

Dass Qurbani, selbst Sohn afghanischer Flüchtlinge, Döblins weißen deutschen Literaturklassiker in eine Migranten-Geschichte verwandelt, ist ein starkes politisches Statement. Im Bett verhandeln Francis und eine afrodeutsche Clubbesitzerin identitätspolitische Fragen: Wie ist das, wenn die Stimme "weiß" klingt, man aber trotzdem als "schwarz" gelesen wird? Der Film ist brillant in der Gegenwart und ihren Diskursen verankert. Reinhold (Albrecht Schuch) ist ein fragiler Weißer, der den Verlust seiner Privilegien mit rassistisch-kolonialen Phantasmen überkompensiert: Seinen Mitarbeitern schenkt er zum Kostümball Warlord- und Affenkostüme, während er selbst mit Tropenhut auftritt. Gleichzeitig zeigt Qurbani ein Deutschland, das längst nicht mehr einfach nur weiß und hetero ist: Die Partnerin der Clubbesitzerin ist eine Transfrau, Reinholds Boss wird als schwul skizziert.

Eine solche Diversität würde in den bürgerlichen Kleinfamilien, die die Brüder Fabio und Damiano D'Innocenzo in ihrem Wettbewerbsfilm "Favollace / Bad Tales" zeigen, kaum Anklang finden. Ein Vorort von Rom, es ist Hochsommer, die Rollläden sind heruntergelassen, die Kinder spielen im Garten, abends wird gegrillt. Auf den ersten Blick ist das eine schönere Umgebung als ein Institut der Stalinzeit oder das heutige Berlin für einen Drifter aus Afrika. Doch die unheimliche Musik deutet an, dass hinter den Rollläden und Gartenzäunen etwas im Argen liegt. Wir sind an einem weiteren toxischen Ort gelandet.

Der Pater familias der Placidos (Elio Germano) lässt vor den Nachbarn Tochter und Sohn ihre Superzeugnisse vorlesen, und man merkt: Der Leistungsdruck auf die beiden ist enorm. Ein anderes Mal verschluckt sich der Sohn beim Abendessen, kriegt einen Erstickungsanfall. Die Sache geht gut aus, doch am Ende ist der Vater sauer: "Nicht mal sein Steak kann man in Ruhe essen", schreit er, und haut das gesamte Essen in den Müll. Die Mutter schimpft ebenfalls: "Jetzt hast du deinen Vater zum Weinen gebracht."

Die Szene wird von ferne gefilmt, wie ein genau beobachteter Mikrokosmos. Dieser zeichnet sich durch völlige Empathielosigkeit der Erwachsenen gegenüber den Kindern aus, deren Gefühlsregungen sofort - und wie panisch - unterdrückt werden. Nachdem der Sohn sich sorgenvoll erkundigt hat, wie es zwischen ihm und der Mutter steht, zerrt ihn der Vater aus dem Auto und brüllt auf ihn ein. Die Tochter schreit im Wagen, bis der Vater sie anschnauzt: "Hier wird nicht geweint!"

So sind die Kinder tief verstörte Wesen, die am Ende zu furchtbaren Maßnahmen greifen, um dem Horror zu entfliehen. Was den Film zu einer besonders bedrückenden Wettbewerbs-Seherfahrung macht. Demgegenüber war "DAU. Natasha" dann doch gar nicht so schlimm. Und für Francis B. gibt es am Ende sogar noch so etwas wie Hoffnung.

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Quelle:
SZ vom 27.02.2020
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