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Kontinuität und Wandel:Einstürzende Altbauten

Lichtinstallation Georg Trenz, Ave Maria, Klosterkirche Fürstenfeldbruck

Orte mit spiritueller Strahlkraft sollen die bayerischen Klöster trotz des eklatanten Nachwuchsmangels bleiben. Besonders strahlend präsentiert sich hier durch eine Lichtinstallation von Georg Trenz die Klosterkirche Fürstenfeld.

(Foto: Georg Trenz)

Bei einer Tagung zu den Perspektiven der Kirchen und Klöster in Bayern wird darüber diskutiert, wie aus Ladenhütern Orte mit Zukunft werden könnten

Von Sabine Reithmaier

Ein Katastrophenmanagement ist noch nicht notwendig. Behauptet jedenfalls Generalkonservator Mathias Pfeil. Aber irgendwie beunruhigt die Situation der Klöster und Kirchen den Chef des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege schon. Die Kirchen längst zu groß für die wenigen Nutzer, die Orden schrumpfen und schwinden - überall mangelt es an Nachwuchs. Noch könne man den Wandel gestalten, nach Lösungen suchen, um herausragende Orte zu erhalten und wieder zu beleben. "Aber wir müssen uns positionieren: Wie wichtig sind uns Kirchen und Klöster?" Um diese Frage zu klären, hatte Pfeil zu einer Tagung geladen. Und schnitt damit ein Thema an, das anscheinend ziemlich vielen Menschen auf den Nägeln brennt - davon zeugten allein die knapp 180 Teilnehmer und die lebhaften Debatten.

Schauplatz des zweitägigen Treffens war das Kloster Fürstenfeld, wahrlich ein idealer Ort. Das ehemalige Zisterzienserkloster, 1263 gestiftet von Ludwig dem Strengen als Sühne für die "unrechtmäßige" Hinrichtung seiner Frau, hat seine Umnutzung längst hinter sich und ist in vielerlei Funktionen erprobt; es beherbergte bereits eine Militärinvalidenanstalt, aber auch Infanterie- und Kavallerieabteilungen, bevor es inzwischen dank Fachhochschule, Museum, Kultur- und Kunstwerkstätten und Veranstaltungsforum neu erblühte und jährlich mehr als 300 000 Gäste zählt. Wovon nicht wenige auch in die Kirche pilgern.

So viele verschiedene, teils wenig kirchenaffine Nutzungen würde sich Peter Beer, Generalvikar der Erzdiözese München und Freising, für die Klöster nicht wünschen. "Aber Altes mit Altem einfach fortführen, geht nicht mehr", sagt er. Das Erbe werde man nur durch Veränderung erhalten. Eines sei jedenfalls klar: Die Diözesen müssten sich endlich überlegen, ob sie die Klöster als festen Punkt in ihre Gesamtstrategie mit aufnähmen oder nicht. "Oberflächenkosmetik hilft nicht."

Die innerkirchliche Diskussion ist nicht ganz einfach. Längst nicht alle Beteiligten sind nämlich der Meinung, dass eine Diözese sich um Klöster kümmern muss. Die kirchenrechtliche Struktur ist schwierig: Klöster sind teils selbständig, teils einem Bischof, teils direkt dem Papst unterstellt. Denkt man an die finanziellen und personellen Ressourcen, die der Erhalt von Klöstern bindet, ist es schon nachvollziehbar, warum manche Kirchenobere ganz glücklich sind über ein Recht, das den Orden die Verantwortung für ihre Gebäude zuschiebt.

Lange hat es ja auch funktioniert, aber jetzt eben nicht mehr. Im Erzbistum München und Freising gibt es noch 119 Niederlassungen von Frauenorden (1712 Nonnen), 44 von Männerorden (485). Vor fünf Jahren waren es noch 2085 Frauen und 513 Männer. Der rapide Schwund setzt sich unvermindert fort, denn die meisten Ordensleute sind älter als 65 Jahre, Anwärter und Novizinnen eine Rarität.

Schon allein deshalb braucht es einen immensen Kraftakt, um die Klöster als Impulsgeber für den ländlichen Raum neu zu erfinden. Genau diese Funktion hatten sie lange inne, unterstrich Ferdinand Kramer, Professor für Bayerische Geschichte an der LMU. Meist waren sie an strategisch wichtigen Punkten entstanden. Die Klöster am Alpenrand wie Tegernsee, Benediktbeuern oder Wessobrunn erschlossen den Urwald und die Alpentäler. Ihre Rolle als Zentralorte machten ihnen zwar vom Spätmittelalter an die Städte streitig. Doch erst die Säkularisation brachte das vorläufige Aus für 80 bis 100 hochwertige Standorte für Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Kultur. "Damit wurde der ländliche Raum in Bayern erst wirklich Provinz", sagt Kramer.

Nach der Säkularisation bewiesen die Klosteranlagen erstmals, welche Kraft in ihnen steckt: Ihre schiere Größe und Ausstrahlung verlangten wieder nach Nutzungen, veranlassten die Menschen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Cramers Feststellung, Klöster würden - abgesehen von ihrer Werbewirksamkeit für Bayern - bis heute als Orte spiritueller Kraft wahrgenommen, bestätigte Beer. Er weiß um die Emotionen, mit denen Menschen reagieren, wenn sie "ihr Kloster" gefährdet sehen. Sogar noch dann, wenn niemand mehr dort lebt. "Die größte Sorge ist, dass etwas passiert, was der Lebenserfahrung der Menschen widerspricht, weil sie die Gebäude mit spirituellen und familiären Erfahrungen verbinden", berichtete Beer. Sie wurden dort getauft, gefirmt, verheiratet, der Opa begraben.

Klostergebäude sind eben nicht nur eine Ansammlung von Steinen, deren Erhalt dem Denkmalschutzamt am Herzen liegt, sondern tief verankert in den gesellschaftlichen Wurzelstrukturen. Und sie drücken auch eine Idee aus: die Vorstellung eines alternatives Leben, das Zeichen setzen will. "Es geht um unsere Identität, um Geschichte und Kultur, es geht um gemeinsame gesellschaftskirchliche Wirkkraft", sagt der Generalvikar, ohne freilich zu verhehlen, dass die Kirche selbst den Prozess der Entkirchlichung, der den Klöstern massiv schadete, vorangetrieben hat, "auch durch die Enttäuschungen, die wir produziert haben." Wer sollte sich da noch aufs Klosterleben einlassen?

Wenn es nach Beer geht, bleiben möglichst viele Klöster im Besitz der Kirche. Als "spirituelle Landmarken", wie er es nennt, als Vision einer anderen Gesellschaft und einer Welt, die immer ein Stück weit heiler wird. "Wo könnten wir das besser darstellen als an Orten, an denen Menschen seit Jahrhunderten zusammenleben und für andere Menschen etwas tun, von der Krankenpflege über Schulen bis hin zur Landwirtschaft?" Und natürlich auch für Kunst und Kultur. Er hegt die Hoffnung, dass die Klöster wieder Zukunftsorte werden trotz der immensen Kosten für die "einstürzenden Altbauten", trotz der gigantischen Summen, die Brandschutz und Sanierungen bei Umnutzungen verschlingen.

1249 Frauenklöster

gibt es noch in Deutschland. Nach einer Statistik der Deutschen Ordensober- konferenz (Stichtag: 31.12.2017) lebten darin 15 038 Ordensfrauen in tätigen und kontemplativen Gemeinschaften, davon sind 84 Prozent älter als 65 Jahre. 1997 zählte die Statistik noch 35 160 Frauen. Deutlich niedriger ist die Zahl bei den Männern: Derzeit leben 3804 Männer in 419 Klöstern von 63 verschiedenen Orden, 55 Prozent sind älter als 65 Jahre. Weitere 798 Ordensleute sind im Ausland tätig. Die zahlenmäßig stärksten Ordensgemeinschaften sind nach Benediktinern und Franziskanern die Jesuiten und die Salesianer Don Boscos.

Was künftige Nutzungen betrifft, kann sich Beer vieles vorstellen: die Grundfunktionen der Kirche, Diakonie, Verkündigung und Liturgie, lassen viel Raum. Klöster können dazu beitragen, die akute Wohnungsnot zu lindern und Flüchtlinge zu integrieren, bieten Platz für karitative Dienste, Bildungshäuser, Schulen, Begegnungsstätten, Ferien- oder Erholungsanlagen. Und warum eigentlich nicht eine Apotheke, ein Ärztezentrum oder einen Handwerkerhof? "Wir müssen klären, was die Menschen vor Ort brauchen." Lebensweltorientierung nennt Beer das Vorgehen. Weil die flächendeckende Struktur der Pfarreien künftig nicht aufrechtzuerhalten ist, wäre es auch praktisch, wenn Klöster die Pfarreien im Umfeld mitversorgen könnten.

Ohne Kooperation mit der Kommunalpolitik und der Wirtschaft wird das nicht gehen. Betriebswirtschaftliche Betrachtungsweisen dürfe man aber nicht anlegen, warnte Bernd Janowski vom "Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg", ein Mann, der seit fast 30 Jahren versucht, Kirchen vor dem Abriss zu bewahren. 1400 Kirchen gibt es in Brandenburg, viel zu viel für eine Gegend, in der gerade noch 20 Prozent einer christlichen Kirche angehören und davon noch die meisten dem sonntäglichen Gottesdienst fernbleiben. Trotzdem plädierte er dafür, die ökonomische Nutzlosigkeit der Kirchengebäude nicht nur zu akzeptieren, sondern sie als bewusste Stärke zu empfinden. "Sie bedeuten Heimat."

Höchste Zeit also, dass Staat, Orden, Diözesen aufeinander zu gehen und sich in einer Kommission mit den Leitbildern des Landes auseinandersetzen. Damit sich Bayern nicht, wie Ferdinand Kramer es befürchtet, zu einem Land von globalisierter Beliebigkeit entwickelt und seine Kultur und Identität nur auf Lederhose und Oktoberfest reduziert werden.

© SZ vom 17.11.2018

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