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Konsumtempel in Italien:Von Deutschland an falscher Stelle lernen

So wird ausgerechnet jetzt ein Stück europäischer Wirtschaftsgeschichte enthistorisiert, entseelt und kommerzialisiert. Wie an nur wenigen anderen Orten lässt sich am Fondaco erzählen, wie sehr ökonomischer und kultureller Austausch einander bedingen. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert entsandten die wichtigsten deutschen Kaufmannsfamilien ihre Mitarbeiter, Agenten und Söhne an diesen "meistbesuchten und schönsten Ort der Stadt" (Giorgio Vasari).

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Touristenziel versus Finanzinvestoren. Venedig will mit seiner Kulisse Geld machen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Männer handelten nicht nur mit Gewürzen oder Stoffen, sie lebten auch in dem venezianisch kontrolliertem Gebäude, nachzulesen in Klaus Bergdolts aufschlussreichem Band "Deutsche in Venedig" (Primus Verlag, Darmstadt 2011). Geschäfte durften nur unter Aufsicht abgeschlossen werden, das Haus wurde nachts verschlossen. So bildete sich beim Mühlespiel im Hof eine deutsche Gemeinschaft, obwohl doch Nürnberger und Augsburger, Lübecker, Kölner und Prager sonst wenig verband.

Die Dogen von Venedig wussten, was sie an den nordalpinen Geschäftsleuten hatten. "Wir Deutsche und Venezianer sind ein und dasselbe, weil unsere Wirtschaftsbeziehung uralt ist", befand der 1559 zum Staatsoberhaupt gewählte Girolamo Priuli. Die Obrigkeit legte auf ökonomische Maßnahmen wie die Preishoheit stets mehr Wert als auf übertriebene Forderungen nach kultureller Anpassung. So trafen sich mitten in der Gegenreformation Protestanten im Fondaco. An hohen Festtagen nahmen sie an den Messen der benachbarten deutschkatholischen Kirche San Bartolomeo teil - und verließen den Gottesdienst nach der Predigt, um das Abendmahl zu vermeiden.

Für die Nürnberger Kapelle dieser Kirche malte Albrecht Dürer 1506 sein "Rosenkranzfest", das Kaiser und Papst, deutsche und venezianische Prominenz sowie Dürers Selbstbildnis um den Thron der Madonna versammelt. Er sog in Venedig das Antikische und die Farbenpracht der norditalienischen Kunst auf und brachte sie nach Deutschland.

Umgelehrt lernten die heimischen Künstler von seinen Grafiken und Techniken. Sebastiano del Piombo etwa, in San Bartolomeo einst mit großformatig bemalten Orgeltüren vertreten, integrierte nordalpine Erfindungen in seine Malerei, ebenso der späte Giovanni Bellini und Tizian. Dürer sah sich derweil gezwungen, in der Lagunenstadt gegen Raubkopien seiner Drucke juristisch vorzugehen.

In Venedig schauten die Kaufleute des Fondaco bei der ortsansässigen Oberschicht nicht nur ab, wie man sich geschmackvoll kleidet und einrichtet, sie erkannten auch den Prestigegewinn durch Kunst. Der Reichtum deutscher Sammlungen wäre ohne den jahrhundertelangen Venedighandel undenkbar.

Noch immer wissen wir nicht alles über die Vielfalt deutsch-venezianischer Beziehungen. Am vergangenen Wochenende versammelte sich die Forschergemeinde auf Einladung des deutschen sowie des katholischen Studienzentrums in Venedig. Thomas Eser vom Germanischen Nationalmuseum ist es gelungen, das Kontenbuch der Nürnberger Gemeinde von 1464 bis 1514 weiter zu entziffern - so liegen nun Namen und Daten maßgeblicher Akteure vor und warten darauf, dass ihre Geschichten recherchiert und erzählt werden.

"Wir verlieren gerade die kulturelle Tiefe dieser Stadt"

Die versammelten Wissenschaftler verschiedener Disziplinen appellierten dringend an Stadt und Denkmalschutz, den Fondaco in seinem Istzustand zu erhalten und behutsam zu restaurieren. Die anwesende kommunale Kulturreferentin Tiziana Agostini lobte die Forscherinitiative und gab unumwunden zu: "Wir verlieren gerade die kulturelle Tiefe dieser Stadt".

Europa schaut heute streng wie nie zuvor auf Italien, auf Ausgaben und Einnahmen. Viele Italiener wünschen sich seit Jahren eine externe Kontrolle, weil sie Brüssel, Berlin und Paris mehr vertrauen als Rom. Nicht nur der Haushalt, auch der Denkmalschutz könnte mehr internationale Regelungen vertragen.

Es ist wenig sinnvoll, hierzulande noch drittklassige Bauten der fünfziger Jahre zu fördern, während in Rom das Kolosseum bröckelt und Venedig von Salz und Wasserschäden aufgefressen wird. Gerade lernt Italien von Deutschland an falscher Stelle: Es scheint, als sei nicht der Denkmalschutz, sondern die brutale Investorenarchitektur deutscher Städte Vorbild mancher Privatisierungsmaßnahmen.

© SZ vom 29.11.2011/mmai/pak
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