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Konsumtempel in Italien:Venedig zu verscherbeln

Die Schuldenkrise zwingt eine Stadt zum Ausverkauf - wie Venedig sein kulturhistorisches Erbe und den öffentlichen Raum an finanzkräftige Investoren verschleudert: Der Modekonzern Prada bietet gerade für das spätbarocke Schmuckstück Ca' Corner della Regina und Benetton residiert bereits direkt an der Rialtobrücke.

Kia Vahland

Wenn es hart auf hart kommt in Südeuropa, muss alles beziffert, vieles verkauft werden. Was kosten öffentliche Rechte wie der freie Zugang zu Plätzen und historischen Gebäuden? Welcher Marktwert hat die Geschichte einer Stadt? Und ließe sich nicht auch die europäische Identität, die uns jetzt aus der Schuldenkrise führen soll, portiönchenweise versilbern?

Venedig unter Wasser - Rekord für 2009

Venedig steht das Wasser bis zum Hals - auch finanziell gesehen. Aber noch verfügt die Stadt über wertvolle Kulturgüter.

(Foto: dpa)

Italien und Griechenland verfügen über einen Gutteil der Kulturgüter, ohne die es Europa nicht gäbe. Eine Währungsunion, die den Euro rettet, aber dafür die gemeinsamen Grundlagen preisgibt, wäre ein trostloses Konstrukt. Und doch wird längst die Frage nach dem Kaufpreis auch immaterieller kulturhistorischer Werte gestellt. So in Venedig:

Bis vor einigen Jahren wurde die Stadt aus Rom hochsubventioniert. Im Gegenzug verzichtete die Kommune darauf, ihr mittelalterliches und frühneuzeitliches Stadtbild zu verschandeln. Manches gammelte trotzdem, weil viel von dem Geld in aufgeblähte Verwaltungsapparate floss. Doch die Masse an erhaltener Bausubstanz, an gotisch geschwungenen Fensterbögen, Renaissanceportalen, Prachtpalazzi ist in Europa einzigartig.

Seit einigen Jahren aber investiert der Staat vor allem in "Mose", das Großprojekt der Wasseringenieure, das in erster Linie den Containerhandel vor Hochwasser schützen soll. Zudem hat sich Silvio Berlucsconi im Hausbesitzerland beliebt gemacht, indem er die Grundsteuer abschaffte - was ihn nichts kostete, da von dieser die Kommunen profitiert hatten. So muss die Stadt Venedig jetzt sehen, wie sie mit ihren aktuell 400 Millionen Euro Schulden zurecht kommt.

Das ist trotz der 22 Millionen Touristen pro Jahr nicht einfach. Oder doch: Viele Großinvestoren wünschen sich einen besonders schönen Palazzo und offerieren viel Geld für zweierlei: für das Gebäude und für die Abgabe öffentlicher Nutzungsrechte.

Öffentlicher kann ein geschlossener Raum nicht sein

Prada bietet gerade 40 Millionen Euro für die städtische Ca' Corner della Regina, ein fratzengeschmücktes, spätbarockes Schmuckstück direkt am Canal Grande. Neben einer Luxussuite soll hier die Kunstsammlung des Unternehmens einziehen. Man darf das Museum besuchen - aber wenn die Firma etwa in 15 Jahren den Bau verkaufen möchte, kann sie dies wohl ohne Auflagen tun.

Der zweite Brocken ist fetter: Die Bekleidungsfirma Benetton hat die deutsche Handelsniederlassung Fondaco dei Tedeschi erstanden, die in der alten Welt ein Zentrum des Welthandels direkt am Rialto war. Der 1508 nach einem Brand neu errichtete Komplex gehörte zuletzt der Post, die ihre Schalter recht diskret in den Kaufmannskammern eingerichtet hatte. Die Venezianer kamen, plauderten beim Schlangestehen oder im Hof und gingen in das Café, eines der billigsten der Stadt. Öffentlicher kann ein geschlossener Raum nicht sein.

Benetton träumt nun von einem Luxuskaufhaus und sagt, es reiche, wenn die neue Aussichtsterrasse für alle zugänglich sei. Der Kaufpreis lag bei 53 Millionen Euro, jetzt wird darüber verhandelt, was es kostet, der Stadt den uso pubblico, die Auflage zur öffentliche Nutzung, abzukaufen. Dagegen begehrt die rührige Bürgerinitiative "40xVenezia" auf.

Nur noch PowerPoint-Performances reisender Manager

Skeptisch sind viele Bürger auch deshalb, weil Benetton 1992 den Palast des Teatro Ridotto nahe San Marco zum Konferenzhotel umgebaut hatte. Der uso pubblico beschränkte sich daraufhin auf einen inzwischen auch geschlossenen Nebenraum der integrierten Buchhandlung. Nun werden in dem früheren Theater nur noch PowerPoint-Performances reisender Manager aufgeführt.

Ausgerechnet die Architekturbiennale adelte das Fondaco-Projekt und ehrte im vergangenen Jahr den verantwortlichen Architekten Rem Koolhaas mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk - jenen Mann also, der von knallroten Rolltreppen quer über den Innenhof des Fondaco dei Tedeschi schwärmt und von einem kitschigen "zeitgemäßen" Remake der Fresken Tizians und Giorgiones, die einst die Fassade schmückten (SZ vom 30. August 2010).

Was etwa aus den Händlerzeichen wird, die einst Kaufleute in die Wände ritzten, ist ungewiss. Möglicherweise sieht man künftig stattdessen mit venezianischen Masken verzierte Kopien von Dürerporträts an den Wänden prangen.

Von Deutschland an falscher Stelle lernen

So wird ausgerechnet jetzt ein Stück europäischer Wirtschaftsgeschichte enthistorisiert, entseelt und kommerzialisiert. Wie an nur wenigen anderen Orten lässt sich am Fondaco erzählen, wie sehr ökonomischer und kultureller Austausch einander bedingen. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert entsandten die wichtigsten deutschen Kaufmannsfamilien ihre Mitarbeiter, Agenten und Söhne an diesen "meistbesuchten und schönsten Ort der Stadt" (Giorgio Vasari).

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Touristenziel versus Finanzinvestoren. Venedig will mit seiner Kulisse Geld machen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Männer handelten nicht nur mit Gewürzen oder Stoffen, sie lebten auch in dem venezianisch kontrolliertem Gebäude, nachzulesen in Klaus Bergdolts aufschlussreichem Band "Deutsche in Venedig" (Primus Verlag, Darmstadt 2011). Geschäfte durften nur unter Aufsicht abgeschlossen werden, das Haus wurde nachts verschlossen. So bildete sich beim Mühlespiel im Hof eine deutsche Gemeinschaft, obwohl doch Nürnberger und Augsburger, Lübecker, Kölner und Prager sonst wenig verband.

Die Dogen von Venedig wussten, was sie an den nordalpinen Geschäftsleuten hatten. "Wir Deutsche und Venezianer sind ein und dasselbe, weil unsere Wirtschaftsbeziehung uralt ist", befand der 1559 zum Staatsoberhaupt gewählte Girolamo Priuli. Die Obrigkeit legte auf ökonomische Maßnahmen wie die Preishoheit stets mehr Wert als auf übertriebene Forderungen nach kultureller Anpassung. So trafen sich mitten in der Gegenreformation Protestanten im Fondaco. An hohen Festtagen nahmen sie an den Messen der benachbarten deutschkatholischen Kirche San Bartolomeo teil - und verließen den Gottesdienst nach der Predigt, um das Abendmahl zu vermeiden.

Für die Nürnberger Kapelle dieser Kirche malte Albrecht Dürer 1506 sein "Rosenkranzfest", das Kaiser und Papst, deutsche und venezianische Prominenz sowie Dürers Selbstbildnis um den Thron der Madonna versammelt. Er sog in Venedig das Antikische und die Farbenpracht der norditalienischen Kunst auf und brachte sie nach Deutschland.

Umgelehrt lernten die heimischen Künstler von seinen Grafiken und Techniken. Sebastiano del Piombo etwa, in San Bartolomeo einst mit großformatig bemalten Orgeltüren vertreten, integrierte nordalpine Erfindungen in seine Malerei, ebenso der späte Giovanni Bellini und Tizian. Dürer sah sich derweil gezwungen, in der Lagunenstadt gegen Raubkopien seiner Drucke juristisch vorzugehen.

In Venedig schauten die Kaufleute des Fondaco bei der ortsansässigen Oberschicht nicht nur ab, wie man sich geschmackvoll kleidet und einrichtet, sie erkannten auch den Prestigegewinn durch Kunst. Der Reichtum deutscher Sammlungen wäre ohne den jahrhundertelangen Venedighandel undenkbar.

Noch immer wissen wir nicht alles über die Vielfalt deutsch-venezianischer Beziehungen. Am vergangenen Wochenende versammelte sich die Forschergemeinde auf Einladung des deutschen sowie des katholischen Studienzentrums in Venedig. Thomas Eser vom Germanischen Nationalmuseum ist es gelungen, das Kontenbuch der Nürnberger Gemeinde von 1464 bis 1514 weiter zu entziffern - so liegen nun Namen und Daten maßgeblicher Akteure vor und warten darauf, dass ihre Geschichten recherchiert und erzählt werden.

"Wir verlieren gerade die kulturelle Tiefe dieser Stadt"

Die versammelten Wissenschaftler verschiedener Disziplinen appellierten dringend an Stadt und Denkmalschutz, den Fondaco in seinem Istzustand zu erhalten und behutsam zu restaurieren. Die anwesende kommunale Kulturreferentin Tiziana Agostini lobte die Forscherinitiative und gab unumwunden zu: "Wir verlieren gerade die kulturelle Tiefe dieser Stadt".

Europa schaut heute streng wie nie zuvor auf Italien, auf Ausgaben und Einnahmen. Viele Italiener wünschen sich seit Jahren eine externe Kontrolle, weil sie Brüssel, Berlin und Paris mehr vertrauen als Rom. Nicht nur der Haushalt, auch der Denkmalschutz könnte mehr internationale Regelungen vertragen.

Es ist wenig sinnvoll, hierzulande noch drittklassige Bauten der fünfziger Jahre zu fördern, während in Rom das Kolosseum bröckelt und Venedig von Salz und Wasserschäden aufgefressen wird. Gerade lernt Italien von Deutschland an falscher Stelle: Es scheint, als sei nicht der Denkmalschutz, sondern die brutale Investorenarchitektur deutscher Städte Vorbild mancher Privatisierungsmaßnahmen.

© SZ vom 29.11.2011/mmai/pak
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