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Kongress der Karl-May-Gesellschaft:Winnetou befreit sich

Karl May

Karl May im Sommer 1898.

(Foto: Karl May Verlag)

Goethe, Dante, Nietzsche und der sächsische Fantast: In Mainz feiert die vor fünfzig Jahren gegründete Karl-May-Gesellschaft ihre Lebendigkeit mit einem glänzenden Kongress.

Da pfeift sich einer ein Lied und spielt Klavier dazu. Zuvor hat eine Frau Friedrich Schillers "Jagdlied" intoniert und das Hündchen aufgefordert, doch zu bellen, was es auch tut.

Wo sind wir? In der Villa Shatterhand in Radebeul, vielleicht um 1910 herum. Klara May singt Schiller, der Hund Cherry bellt, und der da im Hintergrund vergnügt pfeift und Klavier spielt, ist höchstwahrscheinlich - Karl May. Es war ein gleichsam "heiliger" Moment, als die Mitglieder der Karl-May-Gesellschaft die Luft anhielten, die Ohren spitzten, um keine Sekunde dieser Aufnahme auf einer Wachsrolle zu versäumen, die im Besitz des Karl-May-Verlags in Bamberg ist. Ein Tondokument von Karl May! Unglaublich, zum Gänsehautkriegen für die Gemeinde des sächsischen Phantasten.

Doch letzte Gewissheit gibt es nicht, aber mit "99, 99 prozentiger Sicherheit pfeift da Karl May", sagte Verleger Bernhard Schmid, der die alte Aufnahme, nun durch digitale Bearbeitung erschlossen, den Karl-Mayanern mitgebracht hatte, die sich in Mainz versammelt hatten, um das fünfzigjährige Gründungsjubiläum ihrer Gesellschaft zu feiern mit einem anspruchsvollen, geistreichen, amüsanten Festprogramm. An vier Tagen drehte sich der Vortragsreigen beispielsweise um die vermeintlich unvergleichliche Freundschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou, um die Wirkungen und Nebenwirkungen des Orientalismus bei den Deutschen und insbesondere bei May, um Mays "Rezepturen" bei der Zurichtung seiner Fantasieabenteuerreisen oder um Mays hintersinnigen Umgang mit dem Koran.

Darüberhinaus gab es Abschiedswehmut beim Vorstand dieser immer unalltäglichen Literaturgesellschaft. Der bisherige Vorsitzende Johannes Zeilinger, im wirklichen Leben Spezialist für Handchirurgie, der die letzten zwölf Jahre die Gesellschaft öffentlichkeitswirksam und erfolgreich geführt hat, trat nicht mehr zur Wiederwahl an. Ebenso hat sich sein Stellvertreter, Helmut Schmiedt, Kölner Literaturwissenschaftler und souveräner May-Kenner, zurückgezogen. Beide lösten sich mit ihren Vorträgen jeweils eindringlich und überzeugend aus ihren Ämtern.

Old Shatterhand behandelte den guten Freund Winnetou auffallend paternalistisch

Schmiedt stellte die ketzerische Frage, ob die Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand wirklich so einzigartig sei, wie von May behauptet. Keineswegs, vielmehr sei Old Shatterhand eher präpotent gegenüber dem Apachenhäuptling, verschweige ihm Intimes wie etwa die zarten Bande zur Schwester Nscho Tschi und behandle den angeblich so seelenverwandten Freund lehrerhaft. Dafür habe sich Winnetou inzwischen von seinem Schöpfer dermaßen emanzipiert, dass er heute die berühmteste Gestalt aus dem May-Kosmos geworden sei, auch für Menschen, die nichts von Karl May wissen.

Zeilinger breitete farbenreich und überaus vielfältig das Panorama des europäischen Orientalismus in seiner deutschen Spielart aus und wie sich Mays Vision einer Versöhnung von Morgenland und Abendland am Ende davon abhebt. Zur Zeit arbeitet Zeilinger an einem Buch über den historischen Mahdi-Aufstand im Sudan. Der Rostocker Literaturprofessor Lutz Hagestedt zeigte in seinem witzigen Referat, mit welchen Erzählrezepturen May in seinen Romanen verfährt, und verwies auf die Muster, die der Strukturalist Vladimir Propp in russischen Zaubermärchen festgestellt hatte, also der Wald, der Weg, das Hexenhaus, und ihre jeweiligen Funktionen im Märchen. Während das Märchen aber komikfrei sei, wäre May da viel offener mit seinen "gefundenen und erfundenen Wissensmengen". Der "Wahnsinn" der Ereignisfülle mache May auch zu einer Art "Ploetz der Kolportage".

Wie Dante und Goethe entwarf May eine dreigestaffelte Weltsicht

Micky Remann, Schriftsteller und Medienkünstler am Bauhaus Weimar, begab sich auf eine mit Animationen angereicherte Reise ins Unendliche, um die nie stattgehabte Begegnung zwischen May und dem Fantasten Paul Scheerbart irgendwie doch zu ermöglichen: beide waren Pazifisten, beide entwickelten ausgeklügelte Raumfantasien, wobei Scheerbart den Architekten Bruno Taut beeinflusste, der den Pavillon auf der Kölner Werkbundausstellung 1914 nach Scheerbarts Idee einer Glashausarchitektur ausführte.

Der neue Vorsitzende, der schwungvoll präsente Regensburger Anglist Florian Schleburg, hatte die Lacher auf seiner Seite, als er so vergnügt wie beweiskräftig vorführte, mit welcher Freizügigkeit und Verschmitztheit das "Schlitzohr" May in seinen Erzählungen je situationsgebunden eine Art "apokryphen Koran" kreiert hat neben seiner vorhandenen Kenntnis des richtigen Textes. Als Vorstand wird er einiges mit Neuausrichtung und Digitalisierung zu tun bekommen. So nimmt die Mitgliederzahl langsam ab, Karl May ist keine quasi selbstverständliche Jugendliteratur mehr, die Neuverfilmung der Winnetou-Trilogie, von Philipp Stölzl 2016 inszeniert, floppte, und der Karl-May-Verlag sieht auch wenig euphorisch in die Zukunft.

Umso stärker der Eindruck am Ende der Tagung, den Heinrich Detering in einer brillanten Vortrags-Performance als gleichsam Neuleser Karl Mays hinterließ, als er dessen "metaphysische Reisen" in den weltliterarischen Zusammenhang seiner Zeit stellte. Detering, den in der Jugend "Winnetou" oder "Schatz im Silbersee" nur gelangweilt hatten, zeigte nun eine geradezu freudige Überraschung, als er in Mays "Ardistan und Dschinnistan" jene dreigestaffelte Weltsicht fand, wie sie schon Dante in der "Göttlichen Komödie" oder Goethe in "Faust" I und II entwerfen. Während Friedrich Nietzsche in "Also sprach Zarathustra", Henrik Ibsen in "Wenn die Toten erwachen", Richard Wagner in der "Götterdämmerung" oder Thomas Mann im "Zauberberg" pessimistisch nur den Untergang als Ausweg sehen, setzt Karl May dagegen, ähnlich der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, auf die Vermeidung der Katastrophe durch das Weibliche, das heißt die Liebe, den Frieden. Detering sieht das zu Recht als epochales "Happy End".