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Fack ju Göhte 3:Klassensprecher für ein Deutschland, in dem alle ihren Platz finden

"Final Fack": Elyas M'Barek als Zeki Müller "'Fack ju Göhte 3"

(Foto: Constantin)

Elyas M'Barek spielt zum dritten Mal den Aushilfslehrer Zeki Müller und zeigt: In der Welt von "Fack ju Göhte" kann es jeder schaffen - weil es immer Hilfe gibt.

Von Philipp Bovermann

Die fiktive Münchner "Goethe-Gesamtschule" aus den "Fack ju Göhte"-Filmen ist inzwischen zu einer Art Klassensprecheranstalt eines Deutschlands geworden, in dem alle ihren Platz finden, egal wie verstrahlt sie sind.

Vor der Bundestagswahl veröffentlichte die Produktionsfirma Constantin Film ein Video, in dem der Hauptdarsteller Elyas M'Barek als ewiger Aushilfslehrer Zeki Müller gemeinsam mit seinen Schülern dazu aufrief, wählen zu gehen. Man solle sich mit seiner Stimme für "süße Minderheiten" und Ausländer starkmachen.

Der dritte und angeblich letzte Teil der Reihe ist entsprechend staatstragend geraten. Es geht für die Kids um das Abitur, also um die Frage, wer es bis in die geweihten Hallen der Hochkultur und die gesellschaftlichen Spitzenpositionen schaffen kann. Der Film macht zunächst in konzentrierter Form das, was das ehrwürdige Genre des "Pennälerfilms" - so nannte man es früher - insgesamt auszeichnet. Er kleistert seine gesellschaftspolitischen Themen um Gemeinschaftsbildung und Autorität mit einer bonbonbunten Tarnschicht aus Schülerstreichen zu. Einer der Scherzkekse füllt rote Farbe in die Sprinkleranlage. Als der Inspektor vom Schulamt kommt, schwebt außerdem am Fenster eine Drohne vorbei, an der ein Schüler hängt. Und dann schwänzt die Schüler-Chaostruppe um Chantal, Danger und Zeynep auch noch den Unterricht! Das ist alles so beschaulich und harmlos, dass man sich in die Zeit zurückversetzt fühlt, als Uschi Glas, die mittlerweile die schrullige Lehrerin kurz vor der Pension spielt, am Anfang ihrer Karriere stand. Damals trat sie als freche Pennälerin in "Die Lümmel von der ersten Bank" auf.

Damit die Schülerin endlich ins Bett geht, muss man mit ihr zu Britney Spears tanzen

Im "Final Fack", wie die Macher den neuen Film auch nennen, werden aber bald ernstere Töne angeschlagen. Ein Junge, der gerne ein Superheld wäre und von seinen Mitschülern ausgegrenzt wird, springt vom Schuldach. Er tut sich natürlich nur ein bisschen weh, aber die himbeerrote Farbschicht aus der Scherz-Sprinkleranlage bröckelt trotzdem. Der Junge, der nicht fliegen kann, wird seinen großen Auftritt schließlich in der Turnhalle haben, bei einem Anti-Mobbing-Seminar vor der versammelten Schülerschaft.

Dort wird noch der Sozialstaat gelebt: Zeki Müller erzählt, dass auch er früher gemobbt wurde; gemäß der Logik eines Anti-Mobbing-Seminars ist er deshalb auf die schiefe Bahn geraten und nun steht er geläutert hier, geht als gutes Beispiel voran und beschwört, dass jeder für den anderen da sein müsse. Auch die Mutter der liebenswerten Dumpfbacke Chantal lernen wir kennen, als betrunkene Barfrau hinter dem Tresen. Sie glaubt, ihre Tochter sei zu dumm fürs Abi. In der Welt von "Fack ju Göhte" ist Leistung eine direkte Folge davon, wie sehr jemand an einen glaubt. Und wenn das die Familie nicht leistet, gibt es immer noch den Staat, Pardon, die Schule.

Im internationalen Vergleich ist das ziemlich optimistisch.

In den USA lautet die Highschool-Erzählung üblicherweise, dass nicht jemand anderes, sondern man selbst an sich glauben muss. Anfang des Jahres kam dort "Fist Fight" in die Kinos. Wie an der Goethe-Gesamtschule sind auch hier die Schüler außer Rand und Band. Gewalt ist die Lösung. Der lasche Lehrer ermannt sich und trägt einen Faustkampf mit einem Kollegen auf dem Pausenhof aus, daraufhin wird alles wieder gut. In England sieht es nicht besser aus. Wenn es nach "Harry Potter" geht, werden dort die Schulen nur durch alte Mauern und magische Rituale zusammengehalten.

Aber immerhin an der Goethe-Gesamtschule, einer Art großen Koalition der Milieus, ist die Welt noch in Ordnung. Hier regiert Rektorin Gerster (Katja Riemann) als Gesamtschul-Mutti und sorgt dafür, dass der Chaos-Laden weiterläuft. Ihr bester Mann Zeki Müller ist einerseits die perfekt durchtrainierte Version des Klischees vom Normaldeutschen, der bei jeder Gelegenheit Bier trinkt, aber eigentlich eine treue Seele ist; andererseits ist er die wandelnde Antwort auf die Frage banger Kultusminister, wie man heutzutage die Jugendlichen erreichen könnte. Nämlich mit einem Schuss Hip-Hop-Klischee-Kultur, also einer Mischung aus Immigrations- und Knasthintergrund. Mit Typen wie ihm streicht man in Deutschland Filmfördermittel ein.

Als Anti-Mobbing-Lehrerin Biggi kommt Sandra Hüller neu ins Kollegium dazu. Sie bringt eine erfrischende Albernheit mit in ihre Rolle, aber auch eine ironische Distanz - und hinter beidem noch mal eine Ebene der Ernsthaftigkeit. Das muss man in einer vergleichsweise kleinen Nebenrolle erst einmal schaffen.

Auf einem ihrer T-Shirts steht "Voulez-vous faire de Yoga avec moi?". Sie tanzt mit Chantal in einem Club zu Britney Spears' "Toxic", um die Schülerin durch Fremdschämen dazu zu bewegen, nach Hause zu gehen, denn morgen ist Schule. Damit verkörpert sie all das, was an den "Göhte"-Filmen so charmant ist: Man macht sich gemeinsam zum Affen, hat gemeinsam keinen Plan und mogelt sich irgendwie durchs Abi. Hier wird kein Schüler zurückgelassen, das macht auch die Rektorin klar. In ihrem Büro steht "Der zerbrochne Krug", aber wortwörtlich, als Aschenbecher.

Fack ju Göhte 3, Deutschland 2017 - Regie, Buch: Bora Dağtekin. Kamera: Markus Nestroy. Mit: Elyas M'Barek, Katja Riemann, Jella Haase, Sandra Hüller, Uschi Glas. Constantin, 118 Minuten.

© SZ vom 26.10.2017

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