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Komödie:Nicht ohne meine Orangenmarmelade

Weil das Leben zu schön ist, um zu jammern, rettet ein Bär die Menschen mal wieder vor sich selbst: "Paddington 2" ist eine wunderbare Komödie.

Von David Steinitz

Ein Gefängnis, liebe Bärenfreundinnen und -freunde, stellt man sich schon in der Theorie als grässlichen Ort vor. Die Praxis aber erweist sich als noch viel schlimmer. Im Gefängnis gibt es abends keine Gutenachtgeschichte und morgens kein Orangenmarmeladenbrot, und ausgerechnet an diesen gottlosen Ort verschlägt es unseren armen Bärenhelden in "Paddington 2".

Was ist passiert? Seit Teil eins hat sich der peruanische Flüchtlingsbär zu einem mustergültigen Integrationsbeispiel entwickelt und ist ein begeistertes Mitglied der Londoner Mittelschicht geworden. Er lebt glücklich bei seiner Adoptivfamilie Brown im Backsteinreihenhaus, abends gibt es eine Gutenachtgeschichte und morgens ein Orangenmarmeladenbrot.

Aber der Bär hat seine Familie in der fernen Dschungelheimat nicht vergessen, er möchte seiner Tante Lucy zum Geburtstag ein London-Bilderbuch aus dem Antiquariat um die Ecke schicken, damit er ihr zeigen kann, wie schön er es in England hat. Dummerweise handelt es sich bei dem Werk auch um eine Karte, die den Weg zu einem geheimen Schatz weisen soll. Und auf diesen hat es der abgehalfterte Shakespeare-Schauspieler Phoenix Buchanan (Hugh Grant) abgesehen. Der Mann hat seine besten Zeiten längst hinter sich und verdingt sich mit Auftritten in Hundefutterwerbungen und bei Jahrmarkteröffnungen, sprich: er braucht das Geld.

PADDINGTON 2

Ein Bär hat's schwer: Gerade arbeitet sich Paddington in den britischen Alltag ein, da wird er schon mit einem neuen Abenteuer konfrontiert.

(Foto: Studiocanal)

Also scheut er nicht davor zurück, sich durch eine Intrige des Bilderbuchs zu bemächtigen und den lästigen Bären von der Polizei verhaften zu lassen - und schwups hockt Paddington im Knast. Goodbye Marmeladenbrot.

Wie sich der Bär aus dieser Bredouille wieder befreit, ist astreines Slapstick-Kino. Denn wie alle großen Slapstickkünstler seit Buster Keaton ist auch Paddington ein Meister des Stoizismus, der stets mit großem Ernst durch die skurrilsten Szenen wandert. Zum Beispiel wenn er, ohne mit der Wimper zu zucken, die Gefängniskantine in einen Tea Room verwandelt, auf dass er es auch in der Haft gemütlich hat.

Die Moral von der Geschicht' - gehe höflich und respektvoll mit deinen Mitmenschen um und biete ihnen stets ein Marmeladenbrot an - kippt dabei nie ins Kitschige, wie das bei so manchen Disney-Vorweihnachtsfilmen der Fall ist, sondern hat stets einen gesunden britischen Sarkasmus zur Grundlage. Der entsteht vor allem durch die Gastauftritte von Brendan Gleeson als muffigem Gefängniskoch und Hugh Grant als sinisterem Bösewicht. In der Rolle des alternden Ex-Stars läuft Grant durch eine gnadenlose Selbstparodie zu sensationeller Form auf.

Der Regisseur Paul King, der auch schon den ersten Teil inszeniert hat, beweist seine Meisterschaft als kluger Komödienregisseur aber auch deshalb, weil er die britische Schneekugelwelt der "Paddington"-Buchvorlage von Michael Bond mit sanften Realitätseinbrüchen herausfordert. Der Bär tapst durch ein von Eifersucht und Missgunst zerfressenes Post-Brexit-England, in dem es schon einen besonders optimistischen Orangenmarmeladenkoch wie Paddington braucht, um die Briten an ihre alten Tugenden und Stärken zu erinnern.

Paddington 2, GB/F 2017 - Regie: Paul King. Buch: Simon Farnaby, Paul King. Kamera: Erik Wilson. Mit: Ben Wishaw, Sally Hawkins, Hugh Grant, Brendan Gleeson. Studiocanal, 105 Minuten.

© SZ vom 23.11.2017

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