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Komödie:Nicht die Spur erwachsen

"Bridget Jones' Baby" bringt ein Wiedersehen mit der tollpatschigen Heldin aller Frauen, die das Gefühl bekämpfen, nicht gut genug zu sein. Sie ist nun aber zur ewigen Niedlichkeit verdammt.

Die Zeit rast. Es ist tatsächlich mehr als zwanzig Jahre her, dass Bridget Jones in einer Zeitungskolumne ihren ersten Auftritt hatte - eine unverheiratete Mittdreißigerin, die Kalorien und Zigaretten und Drinks zählt, immer getrieben von einem ziemlich schlechten Gewissen. Sie ist einfach nie gut genug - nie so schön, dünn und begabt, wie sie glaubt, sein zu müssen, damit irgendjemand sie liebt.

Helen Fielding hat sie erfunden. Das erste Buch, das aus diesen Zeitungskolumnen wurde, war bitterböse und komisch. Und bald so erfolgreich, dass Bridget Jones danach richtig massentauglich gemacht wurde, in weiteren Büchern und vor allem in dem Film, der ihr Weltruhm brachte. Renée Zellweger spielte sie, mit ein paar Pfund mehr, als Hollywood normalerweise gestattet, aber sehr niedlich in ihrer tollpatschigen Verzweiflung. Der Ruhm reichte dann gleich noch für einen zweiten Teil, der auch schon wieder zwölf Jahre alt ist.

Die Zeit rast, das merkt man unter anderem daran, dass in Teil drei, "Bridget Jones' Baby", die faltenfreie Renée Zellweger etwas merkwürdig aussieht, Colin Firth (nicht glattgebügelt) ganz schön angegraut daherkommt und Hugh Grant, ähnlich wie im restlichen Kino, gänzlich verschwunden ist.

Hier gibt es nur ein Foto von ihm, bei der Trauerfeier für Daniel Cleaver, den Chef mit den entwaffnend unschuldigen Macho-Allüren, den Grant in den ersten beiden Filmen gespielt hat. Die Kirche sieht aus, als werde dort eine sehr lange Fotostrecke für ein Modemagazin produziert - Daniels Ableben, kommentiert Bridget, werde die ganze russische Model-Szene durcheinanderbringen. Als Sahnehäubchen auf einen schrecklichen Tag begegnet ihr dann auch noch Mark Darcy (Colin Firth) - inzwischen ihr Ex, verheiratet, aber nicht mit Bridget, sondern mit einer Frau, die schöner, dünner und begabter ist als sie.

Als Bridget in die Welt kam, hatte sie Millionen reale Vorbilder, aber kaum literarische. Sie wurde zur Heldin für die Frauen ihrer Generation, weil kaum eine andere Figur der Fiktion, schon gar nicht davor, so genau auf den Punkt brachte, wie Frauen im Dauerkampf gegen ihren Körper gefangen sind, vom Zigarettenzählen (Hautalterung) bis zum Haareausreißen (außer denen, die oben auf dem Kopf wachsen). Dafür wurde Bridget geliebt - und es gab plausible Gründe, warum Männer von den Büchern lieber die Finger ließen.

BRIDGET JONES' BABY; Bridget Jones Baby

Wiedersehen mit dem alten Schwarm: Bridget Jones (Renée Zellweger) mit Mark Darcy (Colin Firth).

(Foto: Studiocanal)

Diesen Krieg gegen sich selbst, die wirklich finsteren Momente, haben die Macher der Bridget-Filme weggelassen, von Anfang an. Sie beschränkten sich auf die Peinlichkeiten und auf die Männergeschichten. Wie die Bücher konnten die Filme gar nicht sein, bemerkte damals Colin Firth, der schon die Kolumne regelmäßig gelesen hatte, denn er kam als Objekt der Begierde ja darin vor: "Die Film-Bridget finden Männer zauberhaft; aber Männer haben ein bisschen Angst vor Frauen, und ich denke, sie fänden die literarische Bridget furchterregend."

Großen Einfluss auf die erste Filmadaption hatte die Regisseurin Sharon Maguire, die mit Helen Fielding eng befreundet ist und als Bridgets Freundin Shazzer ebenfalls in den Büchern auftaucht. Sie inszeniert nun auch wieder diesen dritten Teil, wirft dabei aber Fieldings letztes Buch komplett über Bord. Glücklicherweise, denn darin geht es um eine verwitwete Bridget mit zwei kleinen Kindern. Im Film dagegen darf Bridget noch sie selbst sein - älter, geringfügig weiser, aber ganz tief innen drin, wie die meisten Menschen, nicht die Spur erwachsen.

Bridgets neuer Kerl hat eine Dating-Website - und den Algorithmus fürs Glück

"Bridget Jones' Baby" funktioniert eine Weile ziemlich gut - Bridget ist jetzt Fernsehproduzentin, und wenn sie mit der Nachrichten-Moderatorin während der Sendung privaten Tratsch austauscht, auf die Millisekunde so getimt, dass es die Zuschauer nicht mithören, ist schon das perfekte Timing eindrucksvoll. Bridget geht dann, um endlich Mark Darcy zu vergessen, mit einem fremden Kerl auf einem Rockfestival ins Bett, begegnet kurz darauf Mark Darcy, der ihr erzählt, die perfekte Gattin sei eigentlich schon ausgezogen. Ja, und dann, weil sie die steinalten Öko-Kondome in ihrer Handtasche immer noch nicht ersetzt hat, ist sie schwanger und weiß nicht, von wem.

Es geht dann ein bisschen lang hin und her zwischen Bridget, Mark und dem neuen Kerl (Patrick Dempsey), der Milliarden mit einer Dating-Website und einem Algorithmus verdient hat, der messen soll, ob Menschen miteinander glücklich werden können. Zum Glück der Zuschauer ist da aber noch Emma Thompson, die eine bärbeißige Gynäkologin spielt - sie hat auch am Drehbuch mitgeschrieben. In ihrer Rolle bringt sie ein bisschen von dem scharfen, trockenen Humor zurück, der Bridget mit den Jahren abhandengekommen ist.

Denn früher, ganz am Anfang, war die ganze Unternehmung Bridget Jones feministische Literatur, und die "culture of entitlement", aufs männliche Anspruchsdenken bezogen, das sie und ihre Freundinnen beklagten, wurde für eine Weile zu einem geflügelten Wort. Es wäre dieser Figur anders ergangen, wäre sie nicht von Anfang an (oft ungelesen) als zweitklassige Frauenliteratur abgetan worden; allein der Gedanke, dass die Bücher für Männer angeblich unlesbar sind, ist ja schon ziemlich absurd. Man stelle sich nur vor, Philip Roth etwa werde daran gemessen, ob er auf die Befindlichkeiten weiblicher Leser Rücksicht nimmt, und eine weiblich dominierte Literaturkritik hätte "Portnoys Beschwerden" dann als zwar recht komisch geschriebene, aber ansonsten überflüssige männliche Nabelschau abgekanzelt.

Das aber ist, mit umgekehrten Vorzeichen, Helen Fielding widerfahren. Und also wird ihre Figur Bridget Jones nun für immer niedlich sein, und ihr starkes erstes Buch wird für immer leichter erscheinen, als es war.

Bridget Jones' Baby, GB 2016 - Regie: Sharon Maguire. Drehbuch: Helen Fielding, Dan Mazer, Emma Thompson. Kamera: Andrew Dunn. Mit: Renée Zellweger, Colin Firth, Patrick Dempsey, Jim Broadbent, Emma Thompson. Studiocanal, 123 Minuten.

© SZ vom 20.10.2016
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