Komödie Barscheck

Tartuffe (Philip Dechamps) macht sich an seines Wohltäters Gattin (Sophie von Kessel) ran.

(Foto: Matthias Horn)

Molières "Tartuffe" am Residenztheater

Von Egbert Tholl

Die Regisseurin Mateja Koležnik hat bei Bedarf ein gutes Händchen für Ökonomie auf dem Theater. Für Flauberts dicken Roman "Madame Bovary" brauchte sie, indem sie etwas spekulativ einen einzigen Aspekt auswählte, im Marstall etwa die Dauer eines Spielfilms, für ihren fabelhaften "König Ödipus" noch weniger Zeit, ihre schöne "Nora" immerhin dauert zwei Stunden. Nun hat sie Molières "Tartuffe" am Residenztheater inszeniert und nach 75 Minuten ist die Aufführung vorbei. Vermissen indes wird man bei ihrer konzisen und konzentrierten Textfassung keinen Aspekt des Stücks.

An "Tartuffe" ist aus heutiger Sicht einiges völlig hanebüchen. Die Hauptfigur nistet sich als bigotter religiöser Eiferer in einer Familie ein, betört den Hausherrn Orgon und dessen Mutter, Madame Pernelle, bis zur völligen Verblödung. Bald ist ihm jeder Besitz überschrieben, die Tochter Mariane als Braut versprochen und nur ein kleines Wunder kann das Übel noch abwenden. Im Original ist dies Wunder letztlich die Instanz des Königs - vielleicht erhoffte Molière, damit durch die Zensur zu kommen. Bei Koležnik gibt es kein Wunder, Orgon stirbt stumm angesichts des Zerfalls seiner Träume.

Es läuft nicht rund im Hause Orgon. Sohn Damis (Christian Erdt) feiert für sich allein Technopartys und schüttet interessante Pülverchen in den Schampus, die Oma, Madame Pernelle (Ulrike Willenbacher) huscht mit weltabgewandter Garstigkeit über die Treppen, Elmire, Orgons Frau (Sophie von Kessel), vergeht an der Missachtung durch ihren Gatten, der selbst, in Gestalt von Oliver Nägele ein Gebirge von einem Mann, nimmt nichts wahr außer Tartuffe, bis das Gebirge zerbricht. Und Gunther Eckes muss Valère, den Verlobten Marianes, in Weinerlichkeit verschwinden lassen.

Ja, Koležnik macht auch Komödie. Der Raum, wieder erschaffen von Raimund Orfeo Voigt, ist eine edel holzvertäfelte Treppe, links geht es nach unten, rechts nach oben, in der Mitte ein Treppenabsatz, der eigentliche Spielort. Oder sind es nicht eher die Treppen, die ins Off führen? Geht einer nach oben ab, taucht er von unten wieder auf, ein Kreislauf ohne Halt. Darin macht sich Koležnik Gedanken darüber, wie sie wegkommt von manchen Motiven des Stücks, die heute nur noch bizarr wirken. In einem gutbürgerlichen Haus befiehlt der Vater, wen die Tochter heiraten soll - nun ja. Auch das Hereinfallen auf einen moralisch-religiösen Eiferer haut in dem Kontext so ohne weiteres nicht hin. Also schafft Koležnik Ambivalenz. Mariane, Nora Buzalka, guckt dem schmucken Tartuffe schon mal interessiert hinterher, wenn der lauernd durch den Raum streift. Auch den Barscheck des Papas nimmt sie interessiert entgegen und denkt sicherlich für einen langen Moment daran, ob die Ehe mit dem Schwindler nicht doch eine gute Idee ist. Und in der Szene, in der Elmire Tartuffe entlarvt, in dem sie dessen Lust auf sie aus ihm herauskitzelt, da schwingt in Sophie von Kessels Figur eine Ahnung von Begierde mit. Die intellektuellen Widersacher sind der schöne Tartuffe (Philip Dechamps) und Bijan Zamani als Orgons Schwager, der mit neugieriger Brillanz den Zerfall der Familie beobachtet.

Koležnik beherrscht ihr Handwerk perfekt. Sie hat auch tolle Ideen wie die lustige Szene, in der die Familie an Besitzständen zu retten versucht, was noch geht, und ein riesiges Altarbild über die Treppen bugsiert wird. Aber alles, was sie macht, bleibt da oben auf der Bühne, kümmert einen nicht. Ihr "Tartuffe" bleibt eine schöne Bibliothek.