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Kommunist, Ingenieur, Schriftsteller: Andrej Platonow:Griff nach den Sternen

Andrej Platonow im Jahr 1938.

(Foto: Maria Andreevna Platonova)

Andrej Platonow war auch ein ökologischer Prophet, der Fortschritt und Menschlichkeit zusammendachte. Das zeigen sein Romanfragment "Die glückliche Moskwa" und ein neuer Prosa-Band.

Literatur kann von Schrecklichem handeln und trotzdem tröstlich sein, jedenfalls die Literatur Andrej Platonows. In seinem Kurzroman "Dshan" schleppt sich ein Häuflein ausgezehrter Gestalten durch die Wüste am Aralsee, Verhungernde ohne Lebenswillen, aber auch ohne Bereitschaft zu sterben, als im Staub der Erzählung ein Satz auftaucht: "Auch in den Augen der Schildkröte ist Nachdenklichkeit, auch im Schlehdorn Duft, darin zeigt sich die große innere Würde ihres Seins, die keiner Ergänzung durch die Seele des Menschen bedarf." Und plötzlich sind die Wanderer nicht mehr allein, ist überhaupt niemand mehr allein.

Das ist umso erstaunlicher, als Platonow "Dshan" im Jahr 1935 schrieb, als er zwar Parteiausschluss, Publikationsverbot und Stalins Bannfluch hinter sich hatte, aber doch im Herzen Kommunist geblieben war oder sich zumindest dafür hielt. Und danach war die Beseeltheit der Natur eigentlich nicht vorgesehen.

Vieles am Werk dieses viel zu spät entdeckten Schriftstellers ist nicht leicht zu entschlüsseln, zumal für westdeutsche Leser. Aber jetzt hat der Quintus-Verlag einen topaktuellen, federleicht anschlussfähigen Platonow herausgebracht: den ökologischen Propheten.

Die Menschen drängen ins Innere der Welt, sie schlägt mit gleicher Kraft zurück

Die Anthologie "Dshan - oder Die erste sozialistische Tragödie" enthält neben dem titelgebenden Roman Erzählungen, Briefe, Essays, auch einen selbstverfassten Lebenslauf. Viele Texte erscheinen zum ersten Mal auf Deutsch und scheinen aktuellen Nachhaltigkeitsgedanken den perfekten historischen Hintergrund zu bieten. Platonows Warnungen vor einer "rauschhaften" Ausbeutung der Erde etwa, vor einem Verschleiß der Ressourcen über das erneuerbare Maß hinaus, waren damals unerhört, heute sind sie Standard jeder Klimadebatte. Anfang der Zwanzigerjahre hatte er an der Wolga eine Dürre mit vielen Toten erlebt. Das hatte ihn geprägt. In einem Schlüsseltext klagte er, die Menschen "dringen ins Innere der Welt ein, und als Antwort darauf schlägt sie mit gleicher Kraft zurück." Platonow warb für die Nutzung von Sonnenenergie und arbeitete an einem "fotoelektromagnetischen Resonanz-Transformator", was entfernt an frühe Solarzellen erinnert. Ein Visionär, vielleicht sogar: ein Aktivist?

Unglücklicherweise nicht nur. Platonow, der Sohn eines Eisenbahnschlossers aus Woronesch, war Schriftsteller, aber auch Ingenieur und damit in doppelter Hinsicht systemrelevant exponiert. Denn während Ingenieure die Umwelt nutzbar machten, sollten Literaten den neuen Menschen formen. Platonow scheiterte auf beiden Feldern.

Als Bewässerungsingenieur, als "Meliorator", ließ er Hunderte verschüttete Flüsse ausbaggern, erarbeitete einen Bewässerungsplan und motivierte die Menschen zu freiwilligen "meliorativen Genossenschaften", wie der exzellente Berliner Übersetzer und Platonow-Kenner Michael Leetz darlegt. Aber Platonows Vorstellung von freiwillig organisierter Umweltarbeit hätte von der mörderischen Kommando-Wirtschaft der Kollektivierung nicht weiter entfernt sein können.

Vier verzweifelte Briefe an Maxim Gorki zeigen sein Bemühen, sich immerhin als Schriftsteller zu behaupten. Aber nachdem Stalin ihn wegen einer Kollektivierungssatire als "Dreckskerl" beschimpft hatte, konnte Gorki ihn bestenfalls aus der Schusslinie nehmen. Er schickte ihn auf eine Literatenreise nach Turkmenistan. Eines der Ergebnisse war "Dshan". Das gleichnamige Nomadenvolk wird von einem jungen Stalinverehrer vor dem Aussterben gerettet und lebt fortan in Harmonie mit der Natur. Platonow hatte die Wüste als Landschaft eigenen Rechts erkannt, und beschrieb sie als Ort der Wiedergeburt. Das war eine ebenso ökologische wie eine sozialistische Utopie.

Ohnehin tut man diesem gewaltigen Schriftsteller Unrecht, wollte man ihn allein zum Stichwortgeber der Freitagskinder machen. Seine Mahnungen sind nicht zu begreifen ohne jenen historisch hochverdichteten Moment der frühen Sowjetunion, als die Bolschewiken mit gigantischen Projekten die Erde formten und zeichneten, die "Elektrifizierung" des Landes auf den Weg brachten, endlose Kanäle und gigantische Staudämme anlegten, ein Irrsinnsplan sogar die Umleitung der Flüsse Sibiriens vorsah.

Die Rettung der Welt war für Platonow kein Selbstzweck, sondern lediglich Bestandteil jenes humanistischen Fortschritts, den er unter dem Begriff Sozialismus auffasste. Seiner Ansicht nach sollte die Menschheit die Erde als Wohnsitz pfleglich behandeln, aber sie sollte auch sich selbst pfleglich behandeln. Ökologisches Bestreben und soziale Gleichheit dienten demselben Ziel: der Erlösung des Menschen aus seiner Not.

Bittere Lakonie und aphoristischer Witz zeichnen seine Sprache aus

Der Suhrkamp-Verlag, dem das große Verdienst zukommt, Platonows zentrale Werke wie "Die Baugrube" und "Tschewengur" liebevoll ediert zu haben, hat die Reihe nun um das Romanfragment "Die glückliche Moskwa" ergänzt, in dem Platonow diese Sehnsucht in einen großen heilsgeschichtlichen Zusammenhang stellt. "Die glückliche Moskwa", wenige Jahre nach "Dshan" abgeschlossen, erzählt von einer Waise, die sich in Ermangelung eines Namens nach der Stadt Moskau benennt, von der Hoffnung auf den Sozialismus beseelt ist, als Fallschirmspringerin ausgebildet wird, bei der Arbeit an der Moskauer Metro ein Bein verliert, verschiedene Männer liebt und schließlich erkennt, dass sie sich nicht binden kann, weil die Liebe zu einem Einzelnen mit der Liebe zum Sozialismus, also: zu allen Menschen, nicht in Einklang zu bringen ist.

Einer ihrer Verehrer ist der Techniker Sartorius, der eine eigene Geschichtsauffassung entwickelt hat: In der Antike hatten die "Aristokraten des Altertums" den Zyklopen ein Auge ausgequetscht, "zum Zeichen dafür, dass sie das Proletariat waren". Jahrtausende später, mit der Oktoberrevolution, traten die Nachfahren jener einäugigen Arbeiter ans Licht, "sie behaupteten sich auf einem Sechstel der Erde, und die übrige Erde lebt nur, indem sie auf sie wartet." Platonows Roman, so schreibt die wunderbare Übersetzerin Lola Debüser im Nachwort, ist nicht mehr und nicht weniger als der Versuch einer Menschheitsdichtung. Wie Sartorius oder der Chirurg Sambikin, der den Stoff für die Unsterblichkeit in den Eingeweiden von Leichen sucht, grübeln die Figuren über letzte Fragen, die interessanterweise alle lösbar scheinen: Wie lässt sich der Tod besiegen, die Zukunft ausrechnen, die Ewigkeit überholen?

Dass aus diesem Griff nach den Sternen ein anspielungsreicher, symbolischer, aber nie ideologischer Text wird, ist die große Kunst Platonows. Wenn er von einem überbordenden Fest für die junge sowjetische Elite erzählt, dann meint man die Wärme der Glühbirnen zu spüren. Wenn er einen Markt beschreibt, auf dem die Armen ihre letzte Habe anbieten, dann tut sich nach wenigen Worten ein Abgrund auf. Man finde viele Sachen unlängst Verstorbener, auch "Kleinkinderwäsche, vorbereitet für gezeugte Säuglinge, aber dann hatte es sich die Mutter offensichtlich anders überlegt und einen Abort gemacht."

Fortschritt und Menschlichkeit, schreibt Debüser, waren für Platonow gleichwertige Kräfte. Diese Einstellung war in den Zwanzigern naiv, in den Dreißigern lebensgefährlich. Platonow wusste das. Je verzauberter man dem Gesang seiner Sprache lauscht, der bitteren Lakonie und dem aphoristischen Witz, desto mehr fragt man sich, wie ein so hellsichtiger Mensch am Sozialismus als Idee festhalten konnte, wenn die Realisierung sich so unübersehbar als Katastrophe erwies. Aber vielleicht verfolgte er am Ende ein anderes Ziel. Vielleicht ging es ihm immer nur darum, das sozialistische Experiment in eine Literatur zu verwandeln, die die Grenzen der Geschichte hinter sich lässt und zum Menschen vorstößt.

Andrej Platonow: Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie. Prosa, Essays, Briefe. Hrsg. und aus dem Russischen von Michael Leetz, Quintus Verlag, Berlin 2019. 376 Seiten, 25 Euro. Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa. Roman. Aus dem Russischen von Renate Reschke und Lola Debüser, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 221 Seiten, 24 Euro

© SZ vom 17.02.2020

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