Süddeutsche Zeitung

"Kommt ein Pferd in eine Bar" von David Grossman:Die drohende Leere zwischen den Menschen

In David Grossmans neuem Roman malträtiert ein Alleinunterhalter sein Publikum - und damit auch die Leser dieser sprachlichen Zerreißprobe.

Von Insa Wilke

Dovele hat schon als Kind im Scheinwerferlicht Schutz gesucht. Er lief auf den Händen, um die Blicke der Leute vom Wesentlichen abzulenken und sich und seine Mutter sicher durch die Straßen Jerusalems zu lotsen. Als alternder, kranker Mann tobt er mit der plumpen Phrase "Stimmt's oder hab' ich recht" auf den Lippen über die Bühne und wütet vulgär gegen das feiste Publikum der israelischen Mafia-Hochburg Netanja: "Und ich finde es total geil, diesen Donnerstagabend mit euch zu verbringen, in diesem bezaubernden Industriegebiet. Noch dazu in einem Keller just über den attraktivsten Radonvorkommen der Region. Da reiß' ich mir doch den Arsch auf mit Witzen am Meter, stimmt's nicht?!"

Spot on: Ecce homo! Dovele ist Stand-up-Comedian geworden, hat also seine kindlichen Überlebenstechniken professionalisiert. In David Grossmans Roman "Kommt ein Pferd in die Bar", dessen Hauptfigur Dovele ist, wird man Zeuge seines wohl letzten Auftritts. Grossmans Übersetzerin Anne Birkenhauer erzählt am Telefon, es sei das erste Mal gewesen, dass sie sich mit einer Figur ihres Autors nicht sofort identifizieren konnte. Ja, es ist einem nicht auf Anhieb sympathisch, dieses dürre, böse Männchen mit seiner misanthropischen Dschungelcamp-Sprache, der Birkenhauer unter Berücksichtigung einiger kultureller Unterschiede der israelischen und deutschen Comedy-Welten die nötige Hochgeschwindigkeit verpasst hat.

David Grossman setzt gleich zu Beginn Signale, besser noch abzuwarten mit dem Urteil über seine Figur. Die Verwirrung, in die Dovele sein Publikum durch diverse Widersprüche und skrupellos dirigierte emotionale Wechselbäder stürzt, ist auch die der Leser. Wir sitzen mit im Publikum, und Dovele spuckt uns seine Antipathie ins Gesicht, zieht über Frisuren her, über zu kleine Brüste und zu fette Kinnpartien, weidet sich an debiler Zustimmung und ruft kreischend zum "Applaus fürs Nicht-Nachdenken" auf, während er politische Positionen so schnell wechselt, wie er im Affenzahn über die Bühne rast. Eine Publikumsbeschimpfung "de luxe".

Wer den 1954 in Jerusalem geborenen Schriftsteller und Friedensaktivisten David Grossman bisher für zu weich hielt, könnte jetzt eines besseren belehrt werden. Seine Bücher waren noch nie nur solche eines sensiblen, feinen Menschen. Wie seine Figur, die man auch als Alter Ego lesen kann, verfügt ihr Autor über eine ungeheure Härte. Seine Schonungslosigkeit liegt in der Konsequenz, mit der er ohne Rücksicht auf Virtuosität den Kern eines Gefühls freilegt, sei es durch die Zeit-Dehnung in "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" (2009) oder durch die aufgeladene Sprache seines langen Trauergedichts "Aus der Zeit fallen" (2013). Carolin Emcke hat Grossmans Haltung einmal als "angstfreie Verletzbarkeit" beschrieben.

"Ich möchte, dass du mich siehst."

Und auch Dovele ist nicht zynisch. Er ist eine Figur, die aus der Not heraus spricht und die von dieser willkürlichen "äußeren Kraft, die mit Gewalt in das Leben eines Menschen, einer Menschenseele, eindringt" zugerichtet wurde, wie David Grossman sein Grundthema genannt hat. Dovele hat sich mit einem Schutzmantel gewappnet. Nur: Ein Schutzmantel kann einen auch verhärten lassen und den schützenswerten Kern eines Menschen verdecken. Wie wird man ihn wieder los, wenn die Sehnsucht nach diesem inneren Kern zu groß wird?

Eine reine Seele erkennt den Pseudo-Zyniker im Buch an seinen Narben

Im Roman "Stichwort: Liebe", den Grossman vor 25 Jahren schrieb, haben seine Figuren nach einer verlorenen Kindheitsgeschichte gesucht, "die sie als Erwachsene unbedingt brauchen, um wieder zum Leben zu erwachen." Dovele geht ähnlich vor, auch wenn er nur noch versuchen kann, sein verkorkstes Leben mit Würde zu beenden. Er lädt sich einen Kindheitsfreund nach Netanja ein, den Ich-Erzähler, der seine eigene Geschichte von Schuld und Verlust mitbringt. "Ich möchte", sagt Dovele ihm, "ich möchte, dass du mich siehst. Dass du mich ganz genau anschaust". Es geht um das "innere Leuchten", das "was von einem Menschen ausgeht, ohne dass er Kontrolle darüber hat".

Im Roman hilft Grossman Dovele mit einem Deus-ex-machina-Trick dabei, die Kontrolle zu verlieren. Es taucht nämlich ganz ungeplant noch eine andere Figur aus seiner Vergangenheit auf. Eine reine Seele, die Dovele aus dem Konzept bringt und die wie Odysseus Amme keine Mühe hat, ihn an seinen Narben zu erkennen. Genau hier liegt die kalkulierte Sollbruchstelle des Romans, hier lässt es Grossman auch zur sprachlichen Zerreißprobe kommen: Wie den rasenden Berserker glaubwürdig mit einer Stimmung zusammenbringen, die fast schon ins Rührselige strebt?

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Man möchte sagen: unwichtig. Vollkommen gleichgültig, ob das literarisch hinhaut, ob die psychologische Logik der Figur intakt bleibt. Der ganze Aufwand wird doch nur für den Vierten im Bunde betrieben, das Publikum, uns und unseren Widerstand sowohl gegen den ätzenden Schein-Zyniker wie auch gegen die reine Seele. "Wir Menschen fürchten uns vor dem, was wirklich im Innern des anderen geschieht", hat David Grossman an anderer Stelle geschrieben. "Kommt ein Pferd in die Bar" erzählt von dieser Furcht. Sie manifestiert sich, als das doch sonst zu allem bereite Publikum sich in dem Moment angewidert abwendet, da Dovele sich entblößt und seinen ausgemergelten, von Krankheit gezeichneten Körper zeigt. Die Geste steht für eine weiter gehende Entblößung. Sie zeigt das labile Verhältnis, die drohende Leere zwischen den Menschen.

Nur einige Wenige halten den Blick auf das aus, "was jenseits der Worte liegt, die einen Menschen beschreiben, was auch tiefer geht als die Dinge, die ihm im Leben widerfahren, die schiefgegangen und zu einem Lügengespinst geworden sind." Diese Wenigen sitzen am Ende des nach Unterhaltungsgesichtspunkten total gescheiterten Abends noch im fast leeren Zuschauerraum - und mit ihnen diejenigen Leserinnen und Leser, die erkennen, dass auch dieser Roman von David Grossman die Reise zur richtigen Sprache auf sich genommen hat, einer Sprache, die Verständigung ermöglicht.

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Quelle:
SZ vom 17.02.2016/cag
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