Kommerzialisierung des Jazz Jazz-Clubs fürchten um ihre Wirtschaftlichkeit

Lorraine Gordon, die Besitzerin des altehrwürdigen "Village Vanguard", sagte der New York Times, sie sei generell für eine Neuregelung offen, befürchte aber, bei den allgemein gestiegenen Kosten ihren Club nicht mehr funktionsfähig halten zu können. Die Besitzer des "Blue Note" äußerten sich bisher nicht zu den Anfragen der Musiker; andere Clubs schlugen vor, die Bandleader sollten als Arbeitgeber für ihre Bandmitglieder Geld in einen Pensionsfonds einzahlen. Eine dauerhafte Regelung scheint in weiter Ferne zu sein, obwohl die Gewerkschaft jetzt versucht, ein Netzwerk von Clubs in New York und anderen amerikanischen Städten aufzubauen, die mit Local 802 in puncto Pensionsfonds zusammenarbeiten.

Dass Armut im Alter bei Jazzmusikern besonders verbreitet ist, macht eine Neuregelung dringlicher denn je. Dass die Verkäufe von Jazzplatten seit Jahren im freien Fall sind, weiß jeder. Aber so schlimm wie in diesem Jahr hat es die Firmen nie erwischt. In den Clubs kann man großartige Musiker erleben - neben zehn, fünfzehn Gleichgesinnten. Das Jazzpublikum in Deutschland ist älter als sonstwo auf der Welt. Der Wuppertaler Saxophonist Peter Brötzmann tourte gerade mit einem Trio drei Wochen lang durch China. "Dort hatte ich mehr Auftritte als in Deutschland in einem ganzen Jahr."

Selbst diejenigen, die noch darauf hofften, betuchte Inder oder Brasilianer würden jetzt Keith-Jarrett-Platten en masse kaufen, sehen ihre hohen Erwartungen deutlich gedämpft. Neulich schlug bei einer Vertreterversammlung ein Coach vor, CDs nur noch für 500 Euro pro Stück anzubieten oder zu verschenken. Bitte was? Branchenriesen wie Saturn haben ihre einst üppig bestückte Jazzabteilung auf weniger als ein Drittel der früheren Verkaufsfläche reduziert und legen zehn leere Hüllen unter drei oder vier Neuheiten, damit's nach etwas mehr aussieht.

Häppchenkultur statt Innovation

Und was wäre, wenn es bald gar keine Plattenläden mehr gibt? Wenn CDs und ein paar LPs nur noch als museale Objekte ausgestellt werden? Kein 20-Jähriger versteht heute mehr seinen 45-jährigen Vater, der noch zu "Optimal" in München pilgert, zu "a-musik" in Köln oder dem "Vinylladen" in Heidelberg. Konzerne wie Universal blockieren den Markt für neue Produktionen mit zweit- und drittklassigen Reissues (Wiederveröffentlichungen) und erfinden "My Jazz"-Serien mit abenteuerlichen Namen wie "Durchatmen", "Jazz Macchiato" und "Romantic Gentlemen".

Diese Häppchenkultur prägt leider auch das Jazzangebot vieler Radiosender. Vor allem, seit der öffentlich-rechtliche Rundfunk in seinen Magazinen mit Fusionjazz oder Hardbop-Exzerpten die Lücke zwischen zwei Beiträgen stopft. In Kürze rollt wieder eine riesige Welle von Fusion-Produktionen der 70er und 80er Jahre auf uns zu. Werden wir die bösen Geister von einst nie mehr los? Wirklich innovativer Jazz aus dem Ausland wird von den wenigen Importeuren, die es noch gibt, zu 95 Prozent nicht mehr angeboten und ist nur noch zu hohen Preisen im Netz erhältlich. So teuer wie früher die edlen Japan-Pressungen für Besserverdienende.

Winter & Winter verkaufen ihre CD-Covers jetzt mit dem Aufdruck "Limited-Deluxe-Hardcover-Edition". Die "größten Balladen aller Zeiten", der "ganze" Miles Davis auf 25 CDs, oder wie wär's mit der 100-CD-Box "The Story of Modern Jazz"? Wer drauf reingefallen ist und mal genauer hinhört, entdeckt oft miserable Raubpressungen. Aber wo kein Kläger, da auch kein Richter. Jeder weiß natürlich, dass der Jazz ein Riesen-Tummelplatz der Tonpiraten ist.

aren das Zeiten, als Sue Mingus, die Witwe des Bassisten Charles Mingus, die Plattenläden in aller Welt abklapperte, um Bootlegs aufzukaufen, nach den Herstellern fahndete und Klage erhob. Oder als die Brecker Brothers nach einem Gig im Kölner Stadtgarten wutschnaubend entdeckten, dass draußen vor der Tür illegale Mitschnitte ihrer Konzerte für teures Geld feilgeboten wurden. Oder als der Gitarrist von Last Exit, Sonny Sharrock, einem deutschen Bootlegger drohte, ihm mit einer Rasierklinge die Kehle aufzuschlitzen.

Ein seltsames Gefühl beschlich uns neulich in Paris in der Jazzabteilung des FNAC. Da war fast niemand, nebenan wurden nur Bücher und DVDs gekauft. Plötzlich über die Hausanlage eine wunderschöne Ballade von Coltrane, "Nancy (With The Laughing Face)". Gleich kam eine junge Frau und fragte den Verkäufer, was das sei. Voilà. "Keine Ahnung, wie lange es überhaupt noch Platten geben wird", sagt Enrico Rava noch vor seinem grandiosen Konzert beim Enjoy Jazz Festival in Mannheim am 13. November dieses Jahres. Stimmt - aber live hat sein Jazz nichts von der ursprünglichen Faszination eingebüßt. Ravas 2011 in Italien erschienene Autobiographie heißt: "Begegnungen mit außergewöhnlichen Musikern - Die Story meines Jazz". Demnächst wird auch er uns mit einer Hommage beglücken: Sein großes Idol heißt Michael Jackson. Aber wie sagte schon Robert Walser: "Nur Befürchtungen sind zu befürchten."