Kommentar Zwischen Sparzwang und Aufbruch

Die Festivals in Salzburg und Bayreuth sind unspektakulär zu Ende gegangen, die beginnende Klassiksaison irritiert. Überall wird gespart - und nur wenige Häuser wagen mehr als Publikumsbespaßung.

Von Reinhard Brembeck

Pausen kennt die klassische Musik nur in den Partituren, nicht aber im Betrieb. Während die Saison noch voll im Gange ist, beginnen die ersten Festivals, in deren Schlussphasen fällt vielerorts bereits der Saisonauftakt. Ein Teufelskreis. Dennoch lädt an diesem Wochenende das Ende der beiden größten Festspiele in Bayreuth und Salzburg zu einer kurzen Bestandsaufnahme in Sachen Klassik ein - bevor die ersten Saisonpremieren einen in einen Klangtaumel reißen, der Dantes zweitem Höllenkreis vergleichbar ist.

In Bayreuth haben die dortigen Hügelhüter Katharina Wagner und Christian Thielemann ihre Hausmacht mit einem um Versöhnlichkeit bemühten "Tristan" gefestigt. Während Salzburg mit Wolfgang Rihms Theaterentgrenzung "Die Eroberung von Mexico" zumindest ein wenig in Richtung Zukunft schielt - ansonsten wartet man dort auf den Intendantenerlöser Markus Hinterhäuser, der aber erst in zwei Jahren antritt.

Auch der Blick auf die reale Lage in den städtischen Häusern offenbart Irritierungen. Vielerorts werden den Klassikmusikinstitutionen die öffentlichen Mittel gekürzt, die Niederlande, Brüssel und die Fusion der beiden SWR-Orchester sind die prominentesten Beispiele. In Thüringen wird derzeit an einem Theaterkonzept gearbeitet, das die Ausdünnung von Orchestern und Häusern zur Folge haben wird. So heftig wurde an der Klassik noch nie gespart. Die Proteste dagegen kommen vorwiegend von der betroffenen Klientel, der Rest der Bevölkerung verhält sich indifferent. Also sparen die Politiker drauf zu, und jeden Konzertbesuch begleitet mittlerweile die bange Frage, wie lange so etwas noch möglich ist.

Der klassische Glamourbetrieb gibt sich unbeeindruckt von dieser Bedrohung. Anna Netrebko singt in der kommenden Saison die Elsa aus Wagners "Lohengrin", ihre erste deutsche Rolle, viele der großen Häuser erwecken mit einer fulminanten Umtriebigkeit den Eindruck, dass nichts selbstverständlicher ist als klassische Musik. In diese Umtriebigkeit reihen sich jetzt auch die Münchner Philharmoniker ein, die in Valery Gergiev den umtriebigsten aller Dirigenten gewonnen haben, der jetzt sein unermüdliches Repertoirefeuerwerk auch in München abbrennen darf. Neu ist das alles nicht, wichtig scheint vor allem der Genussfaktor Klassik zu sein.

Aber nicht alle Intendanten sind damit zufrieden. Ausgerechnet zwei große Häuser wollen mehr und anderes: die Pariser Opéra und die Hamburger Oper. Beide Institutionen haben in den letzten Jahren unter künstlerischem Stillstand gelitten, aber jetzt wollen die neuen Intendanten Stéphane Lissner (Paris) und Georges Delnon, der zusammen mit Dirigent Kent Nagano nach Hamburg geht, Klassik jenseits der Lustbefriedigung und gegen den Trend wieder als gesellschaftlich relevante Kunstform beweisen. Ein Anfang.