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Kommentar:Ungewöhnliche Lösung

Ist es klug, dass Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg am Zürcher Schauspielhauses nur noch mit acht Hausregisseuren arbeiten wollen?

Im Schauspielhaus Zürich gibt es seit Jahren eine schöne Einrichtung: Neben dem Einlass zum Saal, egal ob im altehrwürdigen Pfauen oder im Schiffbau, befinden sich große Glasbehälter, gefüllt mit Bonbons gegen größere Hustenattacken. Nun hat das Schauspielhaus mit Beginn dieser Saison eine neue Leitung, eine Doppelspitze bestehend aus Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg. Beide waren zuvor an den Münchner Kammerspielen, der eine als Hausregisseur, der andere als Chefdramaturg, allerdings nur für kurze Zeit, bis eben das verlockende Angebot aus Zürich kam.

Betritt man nun den Pfauen, bislang in der Anmutung eine plüschige Bühne fürs Schweizer Bürgertum, sind die Bonbons noch da. Sonst ist alles anders. Das Foyer hat nun die Ausstrahlung einer halb fertigen Parkgarage, unter den Besuchern sind viele junge Menschen, die man von der äußeren Erscheinung her eher bei einem queeren Tanzfestival erwarten würde. Nun gut, es ist der Abend der Premiere einer Produktion von Wu Tsang, Filmemacher und Performer aus Massachusetts, dessen Tanz- und Videoabend "Sudden Rise" alle begeistert, obwohl danach niemand sagen kann, worum es eigentlich genau ging.

Es wird momentan viel über die Zukunft des Stadttheaters nachgedacht. Stemann und Blomberg kamen dabei auf eine ungewöhnliche Lösung: Sie arbeiten mit acht Hausregisseurinnen und -regisseuren. Nur mit diesen acht, von denen einer Stemann selbst ist. Es soll zwar auch Gastspiele aus anderen Häusern geben, in Zürich selbst arbeiten aber nur die acht. Sie leben auch in der Stadt. Das allein ist schon ein radikaler Gegenentwurf zu den Theatern, die auf Regie-Prominenz setzen, dadurch eine gewisse Austauschbarkeit erzeugen und mitunter Probleme kriegen: Das Münchner Residenztheater wie die Wiener Burg mussten gerade Produktionen von Simon Stone absagen, weil der gerade fürs Theater keine Zeit hat und einen Film dreht.

Natürlich haben sie in Zürich nun auch ein polydiverses Ensemble, einen Choreografen (Trajal Harrell), den Filmemacher Wu Tsang, einen Kunstinstallateur (Alexander Giesche), aber auch ein paar Regiearbeitende, die man theoretisch an andere Häuser vermitteln könnte: Christopher Rüping, Leonie Böhm, Suna Gürler und Yana Ross. Das ist noch relativ normal. Weniger normal ist, dass alle acht beim Eröffnungsfestival je eine Arbeit von sich zeigten, die alt ist und nun im Repertoire bleibt. Stemann etwa zeigte seinen acht Jahre alten "Faust". Mit einem gewissen Grinsen verkauft das Leitungsduo das auch als ökologisch nachhaltige Maßnahme - die schmeißen halt nichts weg. Künstlerisch gesehen ist es fabelhaft, weil die gezeigten Arbeiten quasi Signatur-Inszenierungen sind, die in Zürich bislang keiner kannte.

Die Entspanntheit, zum Start auf neueste Sensationen zu verzichten, setzt sich im Laufe der Saison in der bemerkenswerten Zahl von 13 Neuproduktionen fort. Normalerweise hauen neue Intendanten in ihrer ersten Saison so an die 30 Arbeiten raus. Hier: 13. Ein Grund dafür ist, dass Stemann und Blomberg in den ersten beiden Jahren der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Kammerspielen beobachten konnten, was passiert, wenn man erstens unglaublich viel produziert, und zweitens Regisseure hat, die nicht viel Erfahrung mit dem Stadttheaterbetrieb haben. Es passiert viel Murks. Nun haben sie den Plan, ihre Hausregisseure so arbeiten zu lassen, wie die das wollen. Das erzeugt eine hohe künstlerische Eigenständigkeit und ist tatsächlich nachhaltig. Wenn das Publikum es mitmacht, wogegen bislang nichts spricht. Zürich schafft sich dadurch eine konzentrierte Eigenständigkeit, von der viele Häuser lernen könnten.