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Kommentar:Rolle rückwärts

Eigentlich sollten sie klassisches Ballett und zeitgenössischen Tanz verbinden, jetzt gibt die Doppelspitze des Staatsballetts in Berlin schon wieder auf. Dass sich dieser Prototyp selbst enthauptet, ist ein fatales Signal für die Tanzsszene.

Das muss man erst einmal hinkriegen: Als strahlend harmonisches Tandem den Berliner Tanzthron erobern, alle Proteste aussitzen und beim Regieren nicht mal schlechte Figur machen - um dann aus heiterem Himmel die Scheidung einzureichen. Nach nur fünf Monaten Doppelintendanz haben Sasha Waltz und Johannes Öhman ihre Trennung von Truppe und Profipartner verkündet. Das Statement klang, als habe es die Pressestelle von Buckingham Palace formuliert. Nachdem die Choreografin und der Kulturmanager das gemeinsame Baby - sprich: Brückenbau "zwischen dem klassischen Ballett und dem zeitgenössischen Tanz" - in die Anfangsphase begleitet haben, wollen sie 2021 getrennte Wege gehen. Herr Öhman zieht zurück in die schwedische Heimat, wo ihn seine Familie und ein neuer Regierungsauftrag erwarten: Leitung des Stockholmer Tanzhauses, ein Solomandat. Frau Waltz wird sich wieder dem eigenen freien Ensemble widmen und ihre Künstlerkarriere pflegen. Zurück bleibt ein mehr als neunzigköpfiges Staatsballett, das 2016 gegen beider Ernennung auf die Barrikaden ging und sich trotzdem auf das Experiment einließ. Weil der Spielplan funkelte, das Publikum strömte und die Kritiker jubelten. Alles vorbei, alles perdu.

Auf die Vorgänge beim Staatsballett schaut die Tanzwelt mit großer Neugier

Die Demission der Doppelspitze, die offenbar vor allem an internen Streitereien, innerbetrieblichen Bremsmanövern und der selbstverordneten Aufspaltung des Ensembles in klassische und zeitgenössische Fraktion gescheitert ist, hat Konsequenzen weit über Berlin hinaus. Denn damit wird ein zukunftsweisendes Modell bereits im Versuchsstadium demontiert - von seinen eigenen Schöpfern. Alle, die von Anfang an gegen das Leitungsduo Waltz & Öhman Sturm gelaufen sind, sehen sich bestätigt: Sie zeitgenössische Tanzmacherin, er Ex-Ballerino - was will dieses Gespann mit dem Staatsballett, außer sich selbst in Amt und Würden bringen? Der Abgang beweist, dass sich die beiden Chefs über die Umsetzung ihrer ehrgeizigen Ziele nicht annähernd genug Gedanken gemacht haben. Stattdessen kapitulieren sie nun vor der Verantwortung und verbauen damit anderen Ballettkompanien die Aussicht auf Modernisierung: auf kollektive Führungsstrukturen, Teamwork und partizipative Prozesse. Welche Stadt, welches Land wird in naher Zukunft eine mehrköpfige Führungsriege installieren, wo sich doch der Prototyp quasi selbst enthauptet hat?

Auf die Vorgänge beim Staatsballett schaut die internationale Tanzwelt mit großer Neugier. Ziemlich klar, welche Lehren sie aus dem Debakel ziehen wird: Die Risiken von Top-down-Philosophie und Alleinherrschaft sind berechenbar, Innovation ist es nicht. Also lieber Rückwärtsgang einlegen statt Aufbruch wagen?! Das wäre ein verheerendes Signal.

Die Berliner Kulturpolitik ging mit der Berufung von Waltz & Öhman ein Wagnis ein. Das Ergebnis ist übel und genauso prekär wie die zweite Ballett-Baustelle, die sich Ende der Woche in der Hauptstadt aufgetan hat: Eine Untersuchungskommission nimmt den Umgang der Staatlichen Ballettschule mit ihren Schülern ins Visier. Anlass sind anonym geäußerte Vorwürfe, die von Bodyshaming bis Overload an Auftritten reichen. Hier wie beim Staatsballett kann die Hauptstadt Zeichen setzen, indem sie mit aller Entschiedenheit für Bewegung und Transparenz sorgt.

Das heißt zum Beispiel: Sasha Waltz und Johannes Öhman mustern schnellstmöglich ab, eine Equipe aus erfahrenen Tänzern und Ballettmeistern übernimmt das Ruder. Bis eine Findungskommission unter Einbeziehung des Ensembles die Nachfolgefrage endgültig gelöst hat. Ein Pionierverfahren, wohl wahr. Aber auch eine Chance, den Kurs des Balletts neu auszurichten. Nicht nur in Berlin.

© SZ vom 25.01.2020
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