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Kommentar:Götter? Diven? Bitte nicht

Laura Weißmüller hat schon oft überlegt, welchen Wert (nicht: Marktwert) der Boden für die Gesellschaft eigentlich hat.

Der Tod der Architektin Zaha Hadid hat es an den Tag gebracht: Unter den Star-Architekten gibt es keine Frauen. Wird es überhaupt noch Star-Architekten geben?

Vor einigen Monaten antwortete Zaha Hadid auf die Frage, ob sie sich manchmal missverstanden fühle: "Ich bin eine Frau. Ich bin Araberin. Und ich bin Architektin." Die Wahl-Londonerin, die diesen Donnerstag mit nur 65 Jahren an einem Herzinfarkt starb ( SZ vom1. April), war sich ihres mehrfachen Sonderstatus stets bewusst. Als einzige Frau hatte sie es in die Riege der Stararchitekten geschafft.

Eigentlich gibt es im Jahr 2016 keinen Grund mehr, warum die Architekturwelt immer noch männlich ist. Längst studieren deutlich mehr Frauen als Männer die Kunst, Häuser zu entwerfen. In der Landschaftsarchitektur liegt das Verhältnis sogar bei 90 Prozent. Nur: Von all den weiblichen Gestalterinnen der gebauten Umwelt ist öffentlich wenig zu sehen. Egal ob Biennale-Kurator, Auftraggeber wichtiger Gebäude oder Baufirma - auf den Chefsesseln sitzen meistens Männer. Selbst in den Universitäten stehen all den Studentinnen überwiegend männliche Professoren und Dekane gegenüber.

Dabei war der Beruf des Architekten wohl nie mit so schwerer körperlicher Arbeit verbunden, dass eine männliche Dominanz gerechtfertigt wäre. Die klare Rollenverteilung hat vermutlich eher etwas mit einem hartnäckigen Glauben an das männliche Genie zu tun. Jemand, der am Reißbrett ganze Städte entwerfen kann, wurde von der Gesellschaft lange mit einem gottähnlichen Status versehen. Und zumindest in der westlichen Welt sind Götter eben Männer.

Kein Wunder, dass Zaha Hadid eine Außenseiterposition einnahm, schon mit ihrem Werk. Ihre Gebäude passen in keine Schublade; schienen sie anfangs wie zersplitterte Kristalle, wurden sie mit den Jahren runder, organischer, fast wie von Zeit und Wasser geschliffene Flusslandschaften. Das einzige Etikett, das zu all ihren Entwürfen passt, egal, ob es sich um Museen, Opernhäuser, Schulen oder auch Möbel und Schuhe handelt, war immer nur ihr Name.

Zaha Hadid war aber auch für ihre Auftritte berühmt. Stets umgab sie eine Schar von Assistenten. Sie nahm sich das Recht auf schlechte Laune wie darauf, Stunden zu spät zu kommen. Wenn sie keine Lust hatte, redete sie kaum, sondern hüllte sich in Schweigen wie in ihre weit geschnittenen Gewänder. Sie inszeniere sich wie eine "Sphinx der Architektur", schrieb einmal die FAZ. Die New York Times nannte sie "Diva des Digitalzeitalters".

Die Gesellschaft will keine Stararchitekten mehr. Denn sie bauten oft rücksichtslos

Tatsächlich unterschied sich Zaha Hadids Inszenierung aber gar nicht so sehr von der ihrer männlichen Kollegen in der ersten Liga. Und ein viele Mitarbeiter großes Büro mit mehreren Standorten auf der ganzen Welt, das nichts anderes tut, als die Ideen einer einzigen Person zu vermarkten, hat auch Jean Nouvel. Oder Wolf Prix. Oder Frank Gehry.

Doch genau dieses System ist - nicht erst mit Zaha Hadids Tod - zum Auslaufmodell geworden. Die Gesellschaft akzeptiert den einen Star nicht mehr, der alles entscheiden will. Zu oft in der Vergangenheit endete dies in Architektur, die keine Rücksicht auf ihre Umgebung, nicht mal auf ihre zukünftigen Nutzer nahm, und die viel teurer wurde als geplant. Bürgerbeteiligung heißt das Zauberwort, ohne das sich heute kaum ein größeres Bauprojekt mehr realisieren lässt. Vielleicht schlägt damit nun endlich auch die Stunde der Frauen. Denn wenn immer öfter der Name eines Kollektivs unter einem Bauprojekt steht statt nur der eines einzelnen Architekten, dann wird auch sichtbar, wer jetzt schon in der Überzahl in den Architekturbüros dieses Landes sitzt: Es sind Frauen.