Kommentar:Die Kurzgeschichte der Stunde

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Die US-Schriftstellerin Kristen Roupenian hat mit ihrer Kurzgeschichte "Cat Person" einen Nerv getroffen.

Von Nicolas Freund

Seit die Kurzgeschichte "Cat Person" von der zuvor unbekannten amerikanischen Autorin Kristen Roupenian kürzlich im New Yorker erschien, hat der Text eine ordentliche Karriere hingelegt. Mehrere Millionen Mal wurde er im Netz aufgerufen und ist damit einer der erfolgreichsten Texte des Jahres. Der 36-jährigen Autorin brachte die Geschichte einen Vertrag über zwei Bücher ein - dotiert auf mehr als eine Million Dollar.

Diese Meldung bescherte ihrer Kurzgeschichte noch einmal mehr Aufmerksamkeit, obwohl sie eigentlich gar nicht so sensationell ist: An vielversprechende junge Autoren werden im englischsprachigen Raum oft solche Summen gezahlt. Überraschend ist vor allem der gigantische Erfolg der Story im Internet.

Um was geht es? Die Hauptfiguren Robert und Margot lernen sich im Kino kennen. Die Geschichte lässt vieles offen, denn zwischen den beiden findet der Kontakt wochenlang vor allem über ihre Mobiltelefone statt. Herzchen-Emojis fliegen hin und her, es entwickeln sich Katzenwitze, die nur die beiden verstehen. Erzählt wird aus Margots Perspektive, aber sie projiziert auf Robert alle möglichen Erwartungen. Das Date geht vollkommen schief, nach einem Holocaust-Film landen die beiden im Bett und haben schrecklich peinlichen Sex, für dessen mechanischen Ablauf sich Robert wohl in erster Linie mit Pornos vorbereitet hat. Schon beim Anblick des Bettes, einer Matratze auf dem Boden, hat Margot keine Lust mehr, aber - und in diesem Moment liegt wohl einer der Gründe für den Erfolg der Geschichte - sie weiß nicht, wie sie sich noch aus der Affäre ziehen soll und macht mit. Sie betrügt sich selbst mit Robert. In Goethes "Wilhelm Meister" fällt einmal der Satz: "Wenn ich dich lieb hab, was geht's dich an?"

Es geht nicht um sexuelle Gewalt, sondern um die Leere hinter den Herzchen-Smileys

Diesen Selbstbetrug und den Konflikt zwischen den Liebenden handelt die Geschichte fast essayhaft ab. Nach Blaupause geschrieben zu haben, wurde Roupenian vorgeworfen, aber genau deshalb funktioniert ihre Geschichte so gut: weil sie die vielen kleinen, inneren und äußeren Probleme und Motive, die eine solche Beziehung durchziehen und das Verhalten der Liebenden oft so irrational erscheinen lassen, in eine klare Form bringt, mit der sich jeder identifizieren kann. Auch weil die Figuren so vage gehalten sind, dass man alles Mögliche in Margot und Robert hineinlesen kann, so wie die beiden es miteinander tun. Der Atlantic vermutet, dass hier ein Problem ausgesprochen wird, das viele Frauen gut kennen, aber nie benennen konnten.

In den Reaktionen auf den Text wird vor allem auf diese Sexszene Bezug genommen, die zwar im Zentrum steht, aber nur einen kleinen Teil der Geschichte ausmacht. Der Kern ist ein anderer. Roupenian spricht ihn selbst in einem Erklärstück an, das der New Yorker zu der Kurzgeschichte veröffentlicht hat: "Wie hatte ich entschieden, dass das jemand war, dem ich vertrauen konnte?" Es ist ein altes Problem der Philosophie: Nie wissen zu können, was der andere weiß, nur Zeichen lesen zu können. Merken Männer nicht, wenn die Frau sich unwohl fühlt? Warum meinen viele Frauen, ihr Unbehagen nicht zeigen zu können oder zu dürfen? Einmal sagt Margot "Me, too", meint aber, natürlich gelogen, einen schönen Abend gehabt zu haben. Es geht in der Geschichte nicht um sexuelle Gewalt, sondern um die Leere, die sich hinter Herzchen-Smileys versteckt. Das in diesem Jahr noch einmal komplizierter gewordene Verhältnis zwischen Frauen und Männern scheint durch "Cat Person" nicht einfacher, aber etwas greifbarer geworden zu sein.

© SZ vom 23.12.2017
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