Tanztheater in Wuppertal Es reicht nicht mehr, Pina Bauschs Erbe zu bewahren

Adolphe Binder ist an Verhältnissen gescheitert, die sie offenbar nicht durchschaute - und an der Hierarchie.

(Foto: dpa)

Adolphe Binder, Leiterin des Tanztheaters Pina Bausch, muss gehen. Das weltbekannte Ensemble steht vor einem Scherbenhaufen - und braucht dringend Impulse von außen.

Kommentar von Dorion Weickmann

Adolphe Binder, die künstlerische Intendantin des Tanztheaters Pina Bausch in Wuppertal, muss gehen. Sofort. Dafür hat sich der Beirat am Freitag ausgesprochen. Ihr Gegenspieler, Geschäftsführer Dirk Hesse, beendet seine Tätigkeit zum Ende des Jahres. Damit steht das weltbekannte Ensemble vor einem Neuanfang.

Es ist das Finale eines Konflikts, der monatelang schwelte, dann eskalierte und alle Beteiligten beschädigt zurücklässt. Insofern ist der Schnitt, zu dem sich der Beirat entschlossen hat, konsequent. Und Hesses Demission die einzig richtige Entscheidung.

Die Öffentlichkeit erfuhr von den Zerrüttungen, als der Geschäftsführer beim Beirat Binders vor einer Woche fristlose Kündigung beantragte und eine Liste der Vorwürfe gegen die Intendantin den Medien zuspielte. Wie stets in solchen Konflikten haben beide Seiten Fehler gemacht. Binder ist an Verhältnissen gescheitert, die sie offenbar nicht durchschaute - und an der Hierarchie.

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Die 46-Jährige wird künftig das Wuppertaler Tanztheater leiten - und könnte zustande bringen, woran viele vor ihr gescheitert sind. Von Dorion Weickmann mehr ...

Dass sie als künstlerische Intendantin unter der Geschäftsführung rangierte, ist ein katastrophaler Strukturfehler. Ein Betrieb wie das Tanztheater darf nicht einzig nach administrativen oder kaufmännischen Maßstäben geführt werden. Die Kunst muss das Sagen haben oder zumindest gleichberechtigt agieren können. Wenn die Explosion auf der Wuppertaler Führungsebene etwas Positives bewirken kann, dann dies: eine Neuaufstellung der gesamten Organisation des Tanztheaters.

Zunächst aber wird die Kompanie um Jahre zurückgeworfen. Die Ausnahme-Choreografin Pina Bausch starb 2009, danach haben sich ihre Tänzer mit bewundernswerter Kraft selbst organisiert und das künstlerische Erbe der Prinzipalin bewahrt. Das reicht nicht mehr.

Der Beirat plant, wie es in einer Mitteilung heißt, "einen Prozess der kritischen Reflexion und Weiterentwicklung des Tanztheaters" einzuleiten. Gut so. Der Fachmann Alistair Spalding, Direktor des Tanzhauses Sadlerʼs Wells in London, hat bereits seine Mitarbeit versprochen, er ist ein international renommierter Kurator. Das ist wichtig. Denn keinesfalls darf die Neuausrichtung nur in homöopathischen Dosen erfolgen, verabreicht von einem ausgewiesenen Bausch-Experten mit künstlerischem Hintergrund, möglichst im Dunstkreis der Kompanie sozialisiert. Dann kann das Tanztheater Museumsstatus beantragen.

Stattdessen braucht das Ensemble Impulse von außen, eine beherzte und engagierte Führungsfigur, die Tradition und Innovation versöhnt. Ein Macher ist gefragt oder eine Macherin - wie Adolphe Binder. Und dies umso mehr, als das Tanztheater in vier Jahren zum Motor eines internationalen, vom Bund mitfinanzierten Tanzzentrums werden soll. Berlin dürfte Wuppertal sehr genau in den Blick nehmen.