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Kolumne "Phrasenmäher":Alles spitzt sich zu

Bei sprachlichen Beschreibungen für dramatische Situationen gibt es ein handwerkliches Problem: Man darf bestimmte Bilder einfach nicht zu oft benutzen. Wegen Abstumpfungsgefahr.

Von Alex Rühle

Was haben der Kampf um Nicht-Abstiegsplätze in der Bayernliga Süd und der Machtkampf in der nordrhein-westfälischen SPD gemeinsam? Der Streit um die Rechtsstaatlichkeit in der EU und der um Milliardenschulden im Landtag? Sie alle haben sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. Damit sind sie nicht allein, wir befinden uns sprachlich momentan wieder mal in einer akuten Spitzenphase: Allein im Oktober haben sich laut unserem Archiv die Versorgungslage, die Corona-Lage, die Corona-Politik, die Müllfusion, diverse Situationen und die Pandemie selbst zugespitzt. Vor allem aber und hundertfach "die Lage" an sich. In Cloppenburg, Großbritannien und Kolumbien sogar "dramatisch".

Man muss jetzt nicht mit allzu spitzem Mund an der Sprache rumschmecken. Aber es gibt da ein ganz handwerkliches Problem: Man darf dieses Bild einfach nicht allzu oft benutzen, sonst wird es irgendwann stumpf wie ein Stift, der im überdrehten Spitzer abbricht.

Den Gipfel der Zuspitze erklomm übrigens eine Konfliktberaterin, die in einer Kolumne Tipps gegen Sticheleien unter Büro-Kollegen gab: "Achten Sie darauf, Ihren Ärger nicht zu zeigen, sonst schaukelt sich die Situation hoch, und die Atmosphäre spitzt sich zu." Aus dieser nadeldünnen Atmosphäre, unter Bergsteigern auch als Todeszone bekannt, wünschen wir allen sprachbewussten Menschen ein unfallfreies Herunterschaukeln.

© SZ vom 21.10.2020
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