Kolumne "Nichts Neues":Schönheit der Vergänglichkeit

Lesezeit: 1 min

Nichts Neues

Eine Art in der New Yorker Modewelt spielendes "Expat Psycho": Joops "Im Wolfspelz".

(Foto: Eichborn Verlag)

Zitieren kann Wolfgang Joop besser als Witze machen und Romane schreiben.

Von Johanna Adorján

Neulich ist Wolfgang Joop in Ungnade gefallen, weil er sich flapsig über die sexuelle Ausbeutung junger Frauen früher im Modegeschäft äußerte. Das war unachtsam von ihm, man macht heute ungestraft keine blöden, und ja auch keine wirklich blöden Witzchen mehr (oder glaubt jemand wirklich eine Sekunde lang, Wolfgang Joop sei ernsthaft ein Befürworter sexueller Ausbeutung von Models?). Anlass jedenfalls, seinen Roman zur Hand zu nehmen, "Im Wolfspelz", der 2003 erschien und eine Art in der New Yorker Modeszene der Neunzigerjahre spielendes deutsches "American Psycho" sein will, ein "Expat Psycho" also. Gut ist es nicht. Großartig sind aber die literarischen Zitate, die sich darin finden. Jedem der 41 kurzen Kapitel ist eines vorangestellt, weitere finden sich im Text, und es sind wirklich schöne Sätze, die Wolfgang Joop ausgesucht hat. Zum Beispiel diesen, aus Psalm 139: "Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen". Ist es nicht schade, dass dieser Satz nicht wenigstens als fernes Echo durch unsere Zeit geistert?

In New York hatte Joop wohl eine zynische Phase

Oder folgende Worte von Friedrich Hollaender, die man nicht einmal vertont hören muss, um gleich ganz wundervoll melancholisch zu werden: "Wenn ich mir was wünschen sollte, käm ich in Verlegenheit, was ich mir dann wünschen sollte, eine gute oder schlechte Zeit? Wenn ich mir was wünschen könnte, möcht ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich allzu glücklich wär, hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein."

Hier müsste eigentlich eine Pause hin, um die Aussage wirken zu lassen. Aber es geht gleich in derselben Stimmung weiter: "Der Rausch aus Reden und aus Lachen / Die Liebe im und aus dem Wort - / Wir wolln daraus kein Drama machen: / Etwas war da und ist nun fort." Klingt nach Kästner, ist aber von Eva Strittmatter, die letzte Strophe ihres Gedichts "Nachher".

Liest man Joops Roman, bekommt man den Eindruck, dass er als Modemacher in New York eine relativ blöde, zynische Phase durchgemacht hat, aber die Zitate, die er gewählt hat, zeugen von der kühnen Sehnsucht, in der Vergänglichkeit die Schönheit zu sehen.

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