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Kolumne "Mediaplayer":Roh und nah und hart

Elle Fanning spielt Rocky, ein Escort-Girl jenseits gängiger Kategorien.

(Foto: Koch Films)

Mélanie Laurent verfilmt Nic Pizzolattos Neo-Noir-Roman "Galveston" jenseits aller Hollywood-Konventionen. Ein starker Film, dem leider kein Kinostart zuteilwurde - jetzt aber ist er auf DVD und per Streaming verfügbar.

Für die Zukunft planen ist immer gut. Wenn es eine Zukunft gibt. Roy hat Lungenkrebs, der Arzt meint, es sei ernst. Roys größeres Problem aber sind die harten Kerle aus der Unterwelt von New Orleans, die ihn tot sehen wollen. Einmal ist er schon entkommen, überlebt hat niemand außer ihm und Rocky, einem jungen Escortgirl, das zur falschen Zeit am falschen Ort war und jetzt mit in der Sache drin hängt. Roy hat keine Zeit zu verlieren, und Rocky weiß noch nicht einmal, was sie am nächsten Tag tun wird, außer, dass sie auch noch ihre kleine Schwester retten muss. Beide leben jetzt von geborgter Zeit.

"Galveston" basiert auf den gleichnamigen Roman von Nic Pizzolatto, dem Erfinder und Autor von "True Detective", der, bevor er zum Fernsehen kam, mehrere Kurzgeschichten und diesen einen, verdammt guten Thriller geschrieben hat, der nun endlich von Mélanie Laurent verfilmt wurde, aber keinen Kinostart bekommt, sondern direkt auf DVD erscheint, was in keiner Weise nachvollziehbar ist, denn über "Galveston" kann man eigentlich nur in Superlativen schreiben.

Diese Geschichte ist zugleich schlauer und zärtlicher als fast alle anderen Thriller

Pizzolattos Geschichte über den kleinen Ganoven und die zu junge Nutte, die vom Schicksal zusammengeschweißt wurden, ist zugleich schlauer, härter und zärtlicher als fast alle anderen Thriller, die jede Saison in leicht variierter Form die Büchertische fluten. Die komplizierte Erotik zwischen Roy und Rocky, die sich nie entladen kann, und die gleichzeitige Verantwortung füreinander, die den beiden ungefragt aufgeladen wurde, geben jeder Szene eine emotionale und intellektuelle Tiefe, in der eine ganze Gendertheorie steckt, die aber nie ausgesprochen werde muss. Ben Foster und Elle Fanning fangen diese beiden vielschichtigen Typen, die immer zugleich Verbrecher und Flittchen, sterbender Mann und junges Mädchen, Vater und Mutter, Liebender und Liebende sein müssen, in jeder Facette ein. Wenn Roy beobachtet, wie Rocky im blauen Bikini mit ihrer kleinen Schwester das erste Mal am Strand spielt, fallen Heilige, Hure und Mutter in einer Weise zusammen, die normalerweise nicht vorgesehen ist und die diese Kategorien auflöst, ohne etwas zu vereinfachen. In der Beziehung zwischen Roy, Rocky und ihrer kleinen Schwester steckt auch eine christliche Kernethik, die aber keine religiöse Dimension braucht, um zu wirken. Pizzolatto und Laurent erzählen diese Beziehungen zwischen den beiden, als hätten sie alles, was zwischen Männern und Frauen passiert, gerade erst erfunden.

Ein Licht fällt auf diese schillernden Figuren, das man sich schöner kaum vorstellen kann: Mondschein zwischen den hohen Weiden in den Bayous der amerikanischen Südstaaten, blaue und orange Komplementärfarben in den heruntergerockten Bars, die gleißende Sonne am Strand von Galveston. Obwohl manches an "True Detective" erinnert, findet Laurent eine eigene Bildsprache, etwa, wenn die Kamera selbst bei einem Schusswechsel ganz nah an Ben Fosters Gesicht bleibt. Foster und Fanning sind das Zentrum des Films, oft verrät nur ihrer Mimik, was gerade eigentlich passiert. Einziger Schwachpunkt ist, dass Laurent manche Nebenhandlungen des Romans pflichtbewusst abarbeitet, anstatt sie einfach zu streichen - den Film als Ganzen mindert das aber nicht.

Dass der Verleih "Galveston" scheinbar keinen großen Erfolg zutraut, liegt aber wahrscheinlich an der Verweigerung jeglicher Hollywood-Konventionen: Es gibt keinen leicht nachvollziehbaren, dramaturgischen Spannungsbogen, es gibt keine auflockernden Witzchen für Zwischendurch, und es gibt kein Happy End. Der Zuschauer ist ganz auf Rockys und Roys Flucht dabei - oder gar nicht. Der Film funktioniert nur, wenn man sich ganz auf die beiden Protagonisten einlässt. Dann wirkt er aber intensiv, gerade weil er sich den immer und immer wieder reproduzierten Thriller-Mustern verweigert und ohne Zugeständnisse an etablierte Formen eine Geschichte erzählt, die so roh und nah und hart ist, als hätte es noch nichts Vergleichbares gegeben.

Galveston, ab 28. Februar auf DVD, Blueray und Video on demand.

© SZ vom 25.02.2019

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