Kolonialismusdebatte Picassos Masken

Restitutionen sind nicht alles. Die Museen müssen zeigen, wie einflussreich die Kulturen Afrikas, Asiens und Ozeaniens für Europa waren.

Gastbeitrag von Rebekka Habermas

Die Diskussionen über die Frage, wie koloniale Objekte ausgestellt werden sollen, wo und ob überhaupt, überschlagen sich regelrecht. Meist kreisen diese Debatten um Fragen der Restitution, welche häufig mit Verweis auf die moralische Schuld kolonialer Verstrickung mit Nachdruck gefordert wird.

Es ist wichtig, über Restitutionen nachzudenken, zu überlegen, wie sie juristisch geregelt werden können, wem genau was zurückgegeben werden soll und welche Gelder benötigt werden. In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, was mit den Tausenden, ja Hunderttausenden Vasen, Baströcken, Figuren und Scherben geschehen soll, die wahrscheinlich niemand zurückfordert, weil niemand weiß, dass es sie überhaupt in einem der zahlreichen Depots gibt, und die trotzdem schmerzhaft vermisst werden, weil sie etwa einen wichtigen Platz in der Erinnerungskultur einnehmen.

Doch diese Debatten greifen zu kurz, wenn man sie auf Fragen der Rückgabe reduziert. Mehr noch, jeder Versuch, das zu tun, verspielt die mit dieser Debatte verbundene Chance, erstmals über die eigene Kolonialgeschichte, die stets als Teil der größeren europäischen Geschichte zu sehen ist, nachzudenken. Was aber heißt es, über die koloniale Vergangenheit nachzudenken, die an den meisten im Lauf der letzten 150 Jahre aus dem Außereuropäischen in deutsche, französische und englische Museen gebrachten Statuen, Masken, Amuletten und anderen Objekten klebt? Es geht nicht nur darum, die gewalttätige Auseinandersetzung in den Kolonien, sei es in Deutsch-Südwest-, sei es in Deutsch-Ostafrika, in Ozeanien und China ins Gedächtnis zu rufen und damit auch an die Revolten und Kriege in Indien, Westafrika, Algerien, dem Kongo und Indonesien zu erinnern, die England, Frankreich, Belgien und Holland zu verantworten haben.

In Museen lernte man, dass zwischen Europa und dem Rest der Welt eine Grenze verläuft

Und es reicht auch nicht, darauf aufmerksam zu machen, dass die Benin-Bronzen durch brutale Plünderungen britischer Truppen in europäische Museen gekommen sind, während manche melanesische Maske getauscht und viele togolesischen Amulette von den Missionaren gleich ganz zerstört wurden. Es ist gewiss wichtig, sich diese Gewalt vor Augen zu führen und an die Toten zu erinnern, die im Herero-Nama-Krieg oder auch im Algerienkrieg, der vor erst rund 60 Jahren begann, der Kolonialherrschaft zum Opfer fielen.

Doch die Beschäftigung mit dem Kolonialismus muss auch einen ganz anderen Aspekt vergegenwärtigen, der sich nirgends so deutlich zeigt wie in den Museen, über die gerade gestritten wird.

Blicken wir 140 Jahre zurück, als 1886 das Berliner Völkerkundemuseum gegründet wurde und mit ihm in schneller Folge Völkerkundemuseen in Hamburg, München, Dresden, Leipzig, Paris, Wien und vielen anderen Orten in Europa und Nordamerika. Gleichzeitig entstanden Kunst-, Kunstgewerbe-, Naturkundemuseen und Heimatmuseen, alles neue Institutionen, die Schädel, Bilder, ganze Tiere, Skulpturen, Esswerkzeuge, Ritualobjekte und vieles mehr aus allen Gegenden der Welt sammelten.

Diese neuen Museen beschränkten sich freilich nicht darauf, Dinge zu erwerben und auszustellen, sie beanspruchten für sich nichts weniger, als das immaterielle und materielle kulturelle Erbe der ganzen Welt zu sammeln und zu bewahren. Da zu jener Zeit Evolutionstheorien à la Darwin und Rassetheorien à la Gobineau Hochkonjunktur hatten, verwundert es nicht, dass diese Objekte feinsäuberlich entlang einer Skala, die den Grad der Zivilisation messen sollte, unterteilt und schließlich auf verschiedene Museen verteilt wurden. Dass die europäischen Dinge auf der höchsten Zivilisationsstufe, andere Teile der Welt und ihre Objekte auf niedrigeren Zivilisationsstufen angesiedelt wurden, verstand sich damals fast von selbst. Der Apoll von Belvedere kam in ein Kunst-, die Fang-Maske in ein Völkerkundemuseum.

Museen waren also nicht nur Institutionen, die aufbewahrten und ausstellten, sondern auch Orte, an denen man lernen sollte, dass es höhere und niedrigere Zivilisationen, eben Kultur- und Naturvolk, gibt, sondern dass diese durch eine sehr klare Grenze, die zwischen Europa und dem Rest der Welt verläuft, getrennt sind.

Während sich heute die Vorstellungen von Zivilisationsstufen, ganz zu schweigen von einfachen Unterscheidungen von Kultur und Natur, immer mehr verflüchtigt haben und europäische Superioritätsgefühle zumindest in Museen selbstverständlich kritisch hinterfragt werden, erweist sich die Vorstellung, Europa sei vom Rest der Welt stets getrennt gewesen, als überraschend langlebig.

Vieles muss restituiert werden. Mit dem Rest ließe sich die gemeinsame Geschichte darstellen

Dabei ist es eine der vielen Ironien der Geschichte, dass gerade Museumsobjekte häufig eine ganz andere Geschichte erzählen. Statt von kulturellen, religiösen oder sozialen Grenzen zeugen sie davon, wie intensiv und nachhaltig Grenzen immer wieder überschritten wurden, wie eng Europa und der Rest der Welt seit Jahrhunderten miteinander verwoben sind. So sind auf dem bereits seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts im Berliner Völkerkundemuseum präsentierten Benin-Köpfen, die aus dem heutigen Nigeria stammen, Portugiesen zu erkennen, die im 16. Jahrhundert nach Westafrika reisten und dort den Weg für die vielen später nachkommenden Europäer bahnten, welche ihrerseits nicht nur Rohstoffe, sondern Gegenstände und Wissen mit nach Europa zurückbrachten.

Und diese Gegenstände, darunter wertvolle Manuskripte, steinerne Tafeln, Vasen, Mumien, Masken und vieles mehr, veränderten die europäische Kultur samt der akademischen Landschaft. Viele akademische Disziplinen, in denen deutsche, französische und englische Universitäten bis heute führend sind, wie die zu jener Zeit erst entstehende sogenannte Orientalistik, verdanken diesen Begegnungen ihr Entstehen.

Nicht minder nachhaltige Folgen zeitigten die Benin-Bronzen, die Balken aus Palau und die Masken aus Kamerun: Sie faszinierten Max Pechstein, Ludwig Kirchner, Emil Nolde und viele andere Künstler um 1900 und hinterließen ihre Spuren im deutschen Expressionismus genauso, wie sie Dada beeinflussten. Die ebenfalls nach Europa gebrachten Amulette vermeintlicher Fetischreligionen, die auf Missionsfesten präsentiert wurden, regten die Fantasie der vom Exotischen faszinierten Europäer an und formten Vorstellungen von Afrika, Indien und Ozeanien, die bis heute nicht nur in Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" weiterleben. Und ohne die noch vor dem Ersten Weltkrieg in der Kolonie Deutsch-Ostafrika ausgegrabenen Knochen eines Dinosauriers, die man ins Berliner Naturkundemuseum brachte, sähe die deutsche Paläontologie heute anders aus.

Europa und der Rest der Welt waren keineswegs durch so klare Grenzen voneinander getrennt, wie es die Museumsgründer des 19. Jahrhunderts glauben machen wollten. Noch war es trotz aller Brutalität allein Gewalt, was Europa mit Afrika, Ozeanien und Asien verband. Trotz der Plünderungen und Raubzüge, in deren Zuge viele von ihnen nach Europa gebracht wurden, sind es auch diese Objekte, die Europa mit dem Rest der Welt seit Langem verbinden.

Mehr noch, die europäische Geschichte verdankt den Objekten, um die jetzt heftig gestritten wird, vieles, worauf man zu Recht stolz ist: Kunst, Bildung und Wissenschaft. Disziplinen wie Archäologie, Orientalistik und Kunstgeschichte formten ihren Gegenstandsbereich und ihre Methoden in Auseinandersetzung mit diesen und vielen anderen Objekten. Auch die moderne Kunst verdankt der Fang-Maske, die um 1900 auf den verschlungenen Wegen des Kunst- und Ethnografica-Handels von Westafrika nach Frankreich gelangte und dort 1900 von Picasso entdeckt wurde, bekanntlich viel.

Dass in der gegenwärtigen Debatte die Frage nach dem Umgang mit geraubten Objekten aus der Kolonialzeit auf die Frage der Rückgabe reduziert wird, lässt diese vor diesem Hintergrund in einem anderen Licht erscheinen. Wären die Objekte nämlich erst einmal zurückgegeben, dann hätte man sich endgültig einer langen gemeinsamen Geschichte entledigt, die - wie gewalthaft auch immer - Europas Kultur ihre heutige Gestalt gegeben hat. In zahllosen Sonntagsreden wird ein vermeintlich genuin europäisches Erbe heraufbeschworen, ohne freilich daran zu erinnern, dass dieses Erbe ohne die Kontakte nach Afrika, Asien und Ozeanien sehr anders aussähe.

Mit dieser Entsorgung würde man nichts anderes tun, als das in den Museen von 1900 in Szene gesetzte Programm europäischer Einzigartigkeit umzusetzen, um eine lange gemeinsame Geschichte, die anscheinend bis heute am Ego Europas kratzt, endgültig zum Verschwinden zu bringen. Wäre es nicht sinnvoller, die Objekte, die nicht zurückgefordert werden, zu nutzen, um genau dieser gemeinsamen Geschichte den Platz im europäischen Selbstverständnis einzuräumen, der ihr gebührt? Eröffnet sich hier nicht eine einmalige Chance zu lernen, wie viel das, was man Europas kulturelles Erbe nennt, diesen überaus gewalttätigen Kontakten verdankt?

So könnte die Diskussion dafür genutzt werden, um mit den Nachkommen der ursprünglichen Besitzer kolonialer Objekte ins Gespräch zu kommen, etwa darüber, wie in Europa mit den Dingen in den letzten hundert Jahren umgegangen wurde, welche Erkenntnisse europäische Wissenschaften auf der Grundlage der Käfer, ausgestopften Tiere und der Benin-Bronzen gewonnen haben und wie viel die Entwicklung der ästhetischen Moderne manchen Ethnographica verdankt.

Es geht um eine überfällige Korrektur am europäischen Selbstverständnis

Ebenso könnte darüber gesprochen werden, welche Schäden diese Objekte durch die museale Verwahrung erlitten haben. Zu denken ist etwa an den Verlust sakraler Aura, die manchen Objekten in den Augen derer, denen sie ursprünglich gehörten, innewohnte. Nachgedacht werden könnte auch über die Wunden, die durch die schlichte Abwesenheit dieser Objekte an gesellschaftlich wichtigen Orten, wie Königspalästen und Opferaltären, geschlagen wurden.

Dann könnte darüber gestritten werden, für wen das Verwahren in unzähligen staubigen Depots der Museen wichtig und für wen es schädlich war und warum es in der ganzen Debatte letztlich weit weniger um Objekte als um Menschen geht. In jedem Fall könnten die Objekte sehr hilfreich sein, um eine gemeinsame Geschichte sichtbar zu machen und damit eine längst überfällige Korrektur am europäischen Selbstverständnis vorzunehmen.

Rebekka Habermas lehrt neuere Geschichte an der Universität Göttingen und forscht zur Kolonialgeschichte. Zuletzt erschien von ihr "Skandal in Togo. Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft" (Fischer Verlag, 2016).