bedeckt München 20°

Kolonialismusdebatte:Der entführte Tiger

China will seine Kunstschätze in den eigenen Museen zeigen, deshalb hat es geraubte Werke wie dieses „Tiger Ying“ genannte Bronzegefäß systematisch im Westen aufgekauft. Nun hofft es darauf, viel bedeutendere Objekte aus Europas Museen zu bekommen.

(Foto: The Canterbury Auction Galleries)

China ist stolz auf seine Kunstschätze. Doch viele wurden geraubt und liegen im Ausland. Statt einzelne Stücke zurückzukaufen, hoffen die Kulturpolitiker nun auf Restitutionen aus westlichen Museen.

Anfang April dieses Jahres versteigerte das kleine Auktionshaus The Canterbury Auction Galleries in der Grafschaft Kent im südöstlichen England allerhand viktorianische Antiquitäten. Business as usual? Weit gefehlt! Schon die Ankündigung der Auktion wenige Wochen zuvor verursachte Aufregung, denn unter den Losen war auch ein über 3000 Jahre altes Bronzegefäß aus China. Laut Canterbury Auction Galleries soll das Gefäß mit dem kleinen Tiger auf dem Deckel 1860 aus dem alten Sommerpalast in Peking nach England gelangt sein.

Für viele Menschen in China ist diese Jahreszahl bis heute wie ein Stachel im Fleisch, erinnert sie doch schmerzhaft an die Demütigung des großen Kaiserreichs durch europäische Alliierte im sogenannten Zweiten Opiumkrieg. Britische und französische Soldaten brandschatzten und plünderten in jenem Jahr die mit Schätzen vollgestopfte Sommerresidenz des chinesischen Kaisers. Experten glauben, dass etwa 1,5 Millionen Artefakte als Beutekunst ins Ausland gelangt sein könnten.

Chinas Reiche haben Millionen ausgegeben, um im Ausland chinesische Kunst zu kaufen

Das Bronzegefäß, das aufgrund seiner spezifischen Form als "Tiger Ying" bezeichnet wird, hat laut dem britischen Auktionshaus eine eindeutige Provenienz: Harry Lewis Evans, Kapitän der Königlichen Britischen Marine, schrieb am 17. Oktober 1860 aus Peking einen Brief an seine Mutter. Darin heißt es unter anderem, dass er einige Bronzegegenstände aus dem kaiserlichen Besitz mit nach Hause bringen werde. Als weitere Zeugnisse legt das Auktionshaus vergilbte Fotografien von Kapitän Evans und dem Tiger Ying neben anderen chinesischen Bronzegefäßen in seinem Privathaus vor.

Die Bilder und Dokumente riefen in Chinas sozialen Netzen einen Aufschrei der Empörung hervor. Viele wetterten, dass mit dieser Auktion der chinesischen Nation eine weitere Demütigung zugefügt würde. Auch chinesische Institutionen wie die Denkmalschutzbehörde (SACH) und der National Treasure Fund, eine Stiftung zur Rückführung von Kulturgut, stimmten mit ein und appellierten eindringlich an das Auktionshaus, das Objekt aus der Versteigerung zu nehmen. Illegal entwendete Kulturschätze sollten in ihr Herkunftsland zurückgegeben werden, forderten sie. Canterbury Auction Galleries zeigte sich davon jedoch unbeeindruckt und führte die Auktion wie geplant am 11. April durch. Der Tiger Ying wurde für 410 000 Pfund an einen anonymen Telefonbieter verkauft.

Zwar brachte der Tiger Ying damit das Doppelte des Schätzwerts ein, doch blieb der Erlös weit unter dem, was man erwarten konnte. Denn seit Jahren investieren Chinas Eliten immense Summen auf dem Auktionsmarkt, um verlorene Schätze Stück für Stück heimzuholen.

Vergleichbare Auktionen liefen stets nach demselben Muster ab: Beutekunst aus dem alten Sommerpalast taucht bei irgendeiner Auktion auf, China protestiert zunächst heftig. Schließlich werden die Objekte zu Millionenpreisen auktioniert - immer an chinesische Bieter. Kurz darauf tauchen die Objekte dann in China auf. Im Jahr 2000 ersteigerte die staatlich geführte Unternehmensgruppe Poly Group, die unter anderem auch stark im Kunsthandel aktiv ist, bei Sotheby's und Christie's Hongkong drei Tierbronzeköpfe, die ebenfalls 1860 aus dem Sommerpalast geraubt wurden. Poly zahlte dafür mehr als 3,9 Millionen Dollar. Heute sind sie im hauseigenen Poly Museum ausgestellt.

Bei dieser Form der Repatriierung bekam der chinesische Staat immer wieder Unterstützung von finanzstarken Unternehmern und Privatsammlern, die von Nationalstolz beseelt Beutekunst heimholten. Ein chinesischer Casinobesitzer aus Macau zum Beispiel erstand 2003 und 2007 zwei weitere Tierbronzeköpfe auf Auktionen für insgesamt 9,8 Millionen Dollar. Anschließend schenkte er sie dem Poly Museum, was ihm im Gegenzug einige wirtschaftliche Vorteile einbrachte.

Eine chinesische Sammlerin ergatterte 2010 bei Christie's in New York für 16,7 Millionen Dollar ein in Cloisonné gefertigtes Kranichpaar. Im selben Jahr erreichte ein kleines englisches Auktionshaus für eine Porzellanvase aus der Qing-Zeit sogar 85,9 Millionen, alles ehemaliges Inventar aus dem alten Sommerpalast. Der Zuschlag ging auch hier an einen chinesischen Sammler.

Im Fall des Tiger Ying jedoch kam es ganz anders. Die chinesischen Behörden riefen, mitten in die übliche Empörung hinein, ihre Staatsbürger zu einem Boykott der Auktion auf. Für Beutekunst solle von nun an kein Geld mehr ausgegeben werden, weder staatliches noch aus Privatvermögen. Niu Xianfeng, Direktor des National Treasure Funds, warf dem englischen Auktionshaus in einem öffentlichen Schreiben Spekulation mit Beutekunst vor. Das Auktionshaus wolle mit dem Label "Beutekunst aus dem alten Sommerpalast" den Preis hochtreiben, weil es genau wisse, dass chinesische Milliardäre dann Unsummen dafür ausgeben würden. Das sei zutiefst verwerflich.

Huo Zhengxin, Professor an der chinesischen Universität für Politik und Recht, erklärte, China wolle nicht länger durch Kauf illegal erbeuteter Kunst einer indirekten Legitimierung Vorschub leisten. Und in der Tat sollen keine chinesischen Bieter um den Tiger Ying mitgeboten haben.

Kurz nach der Versteigerung in Canterbury kündigte Chinas Denkmalschutzbehörde zudem an, eine Liste von geraubten Kulturgütern zu veröffentlichen, die sich im Ausland befänden. Auktionshäusern auf chinesischem Boden wird es fortan verboten sein, darauf gelistete Artefakte zu versteigern. Die großen Auktionshäuser in Hongkong werden allerdings von dem Verbot nicht betroffen sein. Daher will die Denkmalschutzbehörde in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Plattform zum Informationsaustausch über verlorene chinesische Kulturgüter aufbauen.

Der Käufer des Tiger Ying blieb anonym, doch man kann davon ausgehen, dass die begehrte Bronze aus dem Sommerpalast nicht nach China zurückgekehrt ist. So bedauerlich der Verlust für China auch ist, man denkt dort nun in größeren Zusammenhängen. Der SZ erklärt Niu Xianfeng, der Direktor des National Treasure Fund: "Diese Art von Auktionen haben bald keine Bedeutung mehr."

Wendet sich China vom Auktionsmarkt ab? Ist das Interesse an den verlorenen Kulturgütern plötzlich geschwunden? Im Gegenteil. China schöpft neuerdings Hoffnung, die wirklich wertvollen Objekte in großem Stil aus den europäischen Museen zurückverlangen zu können. Denn in Sachen Restitution bewegt sich etwas auf der Welt. Das tektonische Beben, das Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im vergangenen November mit seiner Rede zur Restitution in Burkina Faso ausgelöst hat, war auch in China zu spüren.

Restitutionen wären nicht nur kostenlos, Europa müsste auch seine Schuld eingestehen

Macron hatte damals versprochen, dass die französischen Museen geraubte Artefakte aus Afrika in den nächsten Jahren an die Herkunftsländer zurückgeben würden. Er setzte eine Untersuchungskommission unter der Leitung der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und des Ökonoms Felwine Sarr ein, die bis zum November die Modalitäten der Rückgabe klären soll.

Zwar bezog sich die Rede Macrons nur auf Kulturschätze aus Afrika, aber sollten afrikanische Länder ihre Kunst zurückerhalten, würden andere dasselbe verlangen. Auch die chinesischen Sammlungen in den Museen würden einer Provenienzforschung unterzogen werden müssen. Würde Beutekunst dabei gefunden, würde Frankreich nicht umhinkommen, auch diese früher oder später zurückzugeben. Das würde China nicht nur von der mühsamen und kostspieligen Jagd nach einzelnen Vasen und Bronzen auf dem Auktionsmarkt entlasten, eine offizielle Restitution wäre zudem ein Schuldeingeständnis Europas und damit Labsal für das gekränkte chinesische Nationalgefühl.

Laut Unesco sollen sich derzeit etwa 1,67 Millionen chinesische Kulturschätze in mehr als 200 Museen in 47 Ländern befinden. Der chinesische Verband für Kulturdenkmäler ist davon überzeugt, dass in privaten Sammlungen noch viel mehr liege. Er spricht von mindestens zehn Millionen Artefakten, die seit 1840 durch Raub, Plünderung oder unfairen Tausch ins Ausland gebracht wurden.

Solche Verlautbarungen dienen nicht zuletzt dazu, den Blick von den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte und auf die Verbrechen anderer Länder zu lenken. Denn während der Kulturrevolution wurden von den Roten Garden historische Artefakte in viel größerer Zahl vernichtet. Das Zertrümmern der Geschichte sollte Raum für eine neue Kultur schaffen, es schuf jedoch eine unübersehbare Leerstelle.

China hat bisher keine offiziellen Restitutionsanfragen auf höchster Ebene an die Museen gestellt. Doch das könnte sich ändern. Macrons Vorstoß setzt die anderen europäischen Länder moralisch stark unter Druck. Vor allem deutsche und britische Museen fürchten um ihre Bestände.