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Kolonialismus:Spuren freilegen

Martin Dibobe, in Kamerun geboren, kam 1896 zur Kolonialausstellung nach Berlin. Er blieb, arbeitete bei der Hochbahn. 1919 forderte er in einer Petition „Selbständigkeit und Gleichberechtigung“ für die Kolonisierten.

(Foto: Archiv der Berliner Verkehrsbetriebe)

In Berlin startet ein Großprojekt, bei dem das Stadtmuseum, die Bezirksmuseen und Aktivisten gemeinsam dem Erbe des Kolonialismus nachspüren.

Seit 2007 bietet der Verein Berlin Postkolonial kritische Stadtführungen an, etwa durch das "Afrikanische Viertel" im Wedding oder durch Mitte. Dabei geht es um die Beteiligung Brandenburg-Preußens am transatlantischen Versklavungshandel, um die Berliner Afrikakonferenz 1884/85, um den Völkermord an den Herero und Nama, aber immer auch um die afrikanische Community in der Stadt, um Widerstand und Erinnerungskultur.

Wie die Kolonialgeschichte Berlin geprägt hat und wie daran vernünftig zu erinnern wäre, ist das Thema einer Initiative für postkoloniales Erinnern in der Stadt, die von der Berliner Kulturverwaltung und der Bundeskulturstiftung mit insgesamt drei Millionen Euro gefördert wird, beginnend in diesem Januar bis zum Jahr 2024. Das Thema, das meist im Zusammenhang mit ethnologischen Sammlungen diskutiert wird, erscheint hier als politisches, kulturelles und alltägliches zugleich.

In der Initiative arbeiten das Stadtmuseum, die Bezirksmuseen - die Berliner Bezirke haben alle Großstadtdimensionen - sowie drei zivilgesellschaftliche Organisationen zusammen: neben Berlin Postkolonial sind das die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Each One Teach One. Geplant sind, wie der Historiker Christian Kopp und Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland im Gespräch erklären, eine interaktive Karte, die Biografien von Kolonisierten, die Geschichte von Behörden, Firmen, Initiativen sowie Denkmäler, Gedenktafeln, Straßennamen verzeichnet. In jedem Jahr soll eine Art Festival, eine "Dekoloniale", stattfinden. Auch eine Reihe von Ausstellungen ist angekündigt. So umfassend, den öffentlichen Raum und Kultureinrichtungen einbeziehend, die Geschichte des Unrechts, der Täter wie die der Opfer und ihres Widerstands erzählend, ist der Kolonialismus in Berlin noch nicht behandelt worden.

Wie wurde die Kolonialherrschaft im "Afrikanischen Viertel" in Berlin inszeniert?

Im kommenden Jahr wird das Bezirksmuseum Treptow seine Ausstellung "zurückgeschaut" erweitern und überarbeiten. Sie entstand - eine Art Modell für die neue, jetzt beginnende Initiative - 2017 in Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Aktivisten und dokumentiert die Geschichte der Kolonialausstellung, die 1896 Teil der Berliner Gewerbeausstellung war. Über 100 Kinder, Frauen und Männer aus Afrika und Ozeanien wurden dort einen Sommer lang zur Schau gestellt. Einer von ihnen, Kwelle Ndumbe/Bismarck Bell aus Kamerun kaufte sich damals ein Opernglas und blickte durch dieses Glas auf die Ausstellungsbesucher, er schaute zurück.

Ein anderer, Martin Dibobe, als Quane a Dibobe in Bonapriso, Kamerun, geboren, blieb, nachdem er "afrikanisches Alltagsleben" dargestellt hatte, in Berlin, absolvierte eine Schlosserlehre, arbeitete für U- und Hochbahn, wurde Zugführer und heiratete nach manchen Schwierigkeiten mit den Kolonialbehörden, die Tochter seines Vermieters. Seit 2016 erinnert eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus in Prenzlauer Berg an ihn. Sie nennt auch seine Großtat, die Dibobe-Petition aus dem Jahr 1919. Gemeinsam mit 17 Mitstreitern forderte er gleiche Rechte für die Menschen in und aus den Kolonien. Das Schreiben war an das Reichskolonialamt in der Wilhelmstraße und an die Nationalversammlung in Weimar gerichtet. Beide antworteten nicht.

2022 wird das Museum Friedrichshain-Kreuzberg die "Migrationsgeschichte der Kolonialmetropole Berlin 1884-1918" erzählen. Im Jahr darauf will das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf untersuchen, wie Schwarze Menschen und Menschen aus dem Osmanischen Reich auf höfischen Gemälden dargestellt wurden. "Umkämpfte Räume" ist der Arbeitstitel einer Ausstellung, die 2024 die Inszenierung der Kolonialherrschaft im "Afrikanischen Viertel" behandeln wird.

Das Stadtmuseum plant Recherchen in den eigenen Sammlungen: "Decolonize the Collection". Woher stammen die Objekte? Woher die Materialien, aus denen etwas Möbel oder Kunstgewerbegegenstände gefertigt wurden? Wo finden sich Stereotype und rassistische Klischees auf Plakaten, in der Reklame? Wie stellt man Objekte kolonialer Herkunft aus? Paul Spies, der Direktor der Stiftung Stadtmuseum, sieht sein Haus, die größte Einrichtung aller an der Initiative Beteiligten, als Partner der Bezirksmuseen und der Aktivisten aus der Stadtgesellschaft. Man werde gleichberechtigt zusammenarbeiten.

Christian Kopp und Tahir Della erinnern an die Eröffnung der Kolonialismus-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum im Oktober 2016. Während die Kulturinteressierten zur Vernissage schritten, protestierten vor dem Museum Vertreter der Herero und Nama. Ein Grußwort zur Eröffnung hatten sie nicht sprechen dürfen. Die Initiative für postkoloniales Erinnern dagegen will die Nachfahren einbeziehen, sie zu Wort kommen lassen, nicht aus der Perspektive der weißen Mehrheitsgesellschaft allein erzählen.

© SZ vom 09.01.2020
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