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"Körperwelten"-Ausstellung in der Kritik:Meister der Zerstückelung

Der Anblick reitender und kniender Leichen stößt bei Besuchern von Gunther von Hagens' "Körperwelten"-Ausstellung auf Faszination und Kritik: Wird hier ein wahnhaftes Menschenbild propagiert?

Alexander Kissler

In drei Etappen vollzog sich der Wandel von der Biopolitik zur Thanatopolitik. Vor 39 Jahren wurde das Hirntodkriterium anerkannt, vor zehn Jahren eröffnete Gunther von Hagens seine "Körperwelten", und in diesem Jahr forderte der Nationale Ethikrat, verstorbene Menschen als Organspender zu betrachten, sofern sie nicht zu Lebzeiten widersprochen haben: Diese ebenso überraschende wie begründungspflichtige Linie lässt sich ziehen, nimmt man die Autoren einer Pioniertat beim Wort.

Gunther von Hagens verfolgt mit seiner Ausstellung das Ziel, die Menschen für ein "gesünderes und damit besseres und längeres Leben" zu gewinnen.

(Foto: Foto: AP)

Zum ersten Mal liegt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung vor mit den gerade durch die USA und Kanada tourenden Präparaten des Gunther von Hagens. Zum ersten Mal stellen Soziologen, Kunsthistoriker, Psychologen die Frage: Welches Menschenbild propagieren die reitenden, springenden, betenden Leichen?

Eine große Nähe zum 1945 geborenen Geschäftsmann und Erfinder kann man dem Buch nicht vorwerfen. Ausgewogen in dem Sinne, dass es noch manch gutes Haar lässt an Hagens' Projekten, ist es nicht. Drei Gründe machen die Parteilichkeit tolerabel. Sie beruht auf solider Recherche, sie ist Frucht eines Furors, wie er Debüts zukommt, und sie bemüht sich auch da, wo sie ins Polemische abzugleiten droht, um eine Transparenz des Urteils.

Akzeptiert man diese Voraussetzungen, dann kann der Verzicht auf Pro und Contra erhellend, ja verstörend sein. Dann nämlich sind Hagens' Leichenspiele avantgardistisch, da sie einer neuen Wissenschaft des Humanen die Symbole bereitstellen: Der Mensch sei nun eine "Sammlung austauschbarer Teile".

Die Leipziger Politologin Rebecca Pates gelangt zu dieser Definition in ihrer Vermessung der "globalen Körperteilmärkte". Schon im 18. Jahrhundert wurden demnach zu didaktischen Zwecken menschliche Überreste "aus den Reihen der Einkommensschwächsten bezogen". Kaum anders ist es heute auf dem Gebiet des Transplantationstourismus.

Pates zufolge werden Körperteile von Lebenden oder Toten prinzipiell auf Märkten gehandelt, die sich durch ein Wohlstandsgefälle auszeichnen. Stets waren und sind Leichen desto wertvoller, je feiner sie "zerstückelt und aufbereitet" werden. In dieser Kunst aber ist Gunther von Hagens der Meister.

Reinen Gewissens hat lange Zeit niemand Hand und Messer an seinesgleichen angelegt. Die "Auferstehungshelfer", die im England des 18. Jahrhunderts Leichen zum Wohl der anatomischen Forschung ausgruben, verrichteten ihr Werk am Rand der Gesellschaft, eher im Zwielicht als zur Mittagsstunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg standen Ärzte latent unter Mordverdacht, wenn sie einem dank Apparatemedizin und Reanimationstechnik nicht erkalteten Körper Organe entnahmen. Das 1968 von der Harvard Medical School fixierte Hirntodkriterium schuf dann jene untoten Toten, deren Herz schlägt, deren Atem geht, die aber mangels zerebraler Tätigkeit zu Leichen erklärt werden dürfen.

Weitreichend sind laut Pates die Folgen: Der Staat ließ "eine Verwissenschaftlichung des Todesbegriffes zu, die das Wissen um den Tod zu einem exklusiven Expertenwissen macht". Seitdem sei der Staat ein Thanatokrat, der "die Verwertung des Menschen an sich" reguliere. Selbst wenn Pates' Behauptung, "ein Großteil der Leichen in der Körperweltausstellung setzt sich aus den Überresten von Marginalisierten und Armen zusammen", nicht stimmen sollte, ist die Kontinuität mit Händen zu greifen.

Die Hagens'schen Kunstprodukte - zu rund 70 Prozent aus Plastik - sind oft Zusammenfügungen verschiedener Körperteile zu einem Ganzen, das tot erst entstand. Die im Ausstellungstitel beschworene "Faszination des Echten" ist, wenn überhaupt, eine Faszination zweiter Hand: Staunen machen kann die Kunst der Plastinatoren, die Menschen zergliedern und verleimen, nicht aber die Illusion, hier ereigne sich eine "Auferstehung des befleischten Leibes".

Ein solches Mysterium meint Hagens inszeniert zu haben. Seine Wanderzirkusse seien "ein Ort der Aufklärung und der inneren Einkehr, ein Ort philosophischer und religiöser Selbsterkenntnis". Das Gegenteil scheint wahr: Laut Franco Rest, Soziologe in Dortmund, wird das Ausstellungsobjekt zum Sklaven der Ausstellungsmacher; "da müssen dann Tote knien oder reiten, die vermutlich als Tote nie hatten knien oder reiten wollen."

Die "fragwürdige Hirntod-Definition" habe die Grundlage geschaffen, da mit ihr die Leiche zur Sache erklärt wurde. Rest nennt die "Körperwelten" eine "repressive Entsublimierung": "Die Offenlegung von Funktionsbereichen des menschlichen Körpers reduziert den Leib auf Funktion, Präparat und Krankheit; das könnte im Trend liegen zu einer Entpersönlichung und Fallreduktion des Menschen."

Spätestens an dieser Stelle werden die "Körperwelten" zum politischen Vorgang. Gunther von Hagens argumentiert geradezu volkspädagogisch, wenn er den Leichenscheiben die Aufgabe zuweist, "die Herzen der Menschen in ein durch Körperstolz geprägtes Gesundheitsbewusstsein für ein gesünderes und damit besseres und längeres Leben zu transformieren."

Die Kehrseite solch utopistischer Rhetorik könnte indes die brachiale Verpflichtung zur Selbstsorge noch über den Tod hinaus sein. Die Ausstellungen überwinden scheinbar die Endlichkeit des Leibes, lassen die Toten Sport treiben auf ewig und arbeiten einem gefährlichen Konsens zu: "dass man dem Staat nicht eines Tages mit einer nutzlosen Hülle auf der Tasche liegen darf, dass der Tod als ein selbst verschuldetes Vergehen unverzeihlich ist" - so die Kunsthistorikerin Iris Dressler.

Zieht man zudem die Deutung der Herausgeberin in Betracht, Hagens forciere die "narzisstisch-wahnhafte Utopie eines institutions- und verpflichtungslosen Zusammenlebens", dann lauert auf dem Grund der Aufklärungsemphase die blanke Asozialität.

Auch wer den Autoren nicht bis zu diesem düsteren Endpunkt folgen mag, legt das Buch bereichert zur Seite. Meldungen wie jene vom 23. Februar 2007 lassen sich nun schwer als folgenlose Grille abtun: Gunther von Hagens ließ verbreiten, seit Eröffnung im November 2006 hätten mehr als 20000 Menschen sein "Plastinarium" im brandenburgischen Guben besucht. Der Erfolg ermutige ihn. Er wolle "eine weitere Million Euro für die Herstellung von Körperscheiben lockermachen".

LISELOTTE HERMES DA FONSECA (Hrsg.): Verführerische Leichen - verbotener Verfall. "Körperwelten" als gesellschaftliches Schlüsselereignis. Pabst Science Publishers, Lengerich 2007. 446 Seiten, 30 Euro.

© SZ v. 17.8.2007
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