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Körperkunst im Wandel der Zeit:Visitenkarte unterm Hemd

Dafür waren es über den Tod hinaus sichtbarer Belege, für was jemand stand, quasi die Visitenkarte unterm Hemd. Das zeigen auch die Objekte aus dem rechtsmedizinischen Institut. Auf handtellergroßen Hautstücken aus dem 19. Jahrhundert gibt es da neben Gewichtheber und Segelschiff auch den Bauern, der eine Kuh am Pflug führt, das Wappen der Kaminkehrer oder gleich die Helvetia. Statt Stigma also stolzer Beweis der Klassenzugehörigkeit.

Von der Botschaft ähnlich, nur sehr viel prominenter im Auftreten ist die traditionelle Tätowierung in Neuseeland. Auch sie gibt Auskunft über soziale Stellung und Familienzugehörigkeit, nur tut sie das - wie in Burma - im Gesicht. Kaschieren ist ausgeschlossen, die Renaissance des Gesichts-Tattoos ist damit auch der Beweis für das wachsende Selbstbewusstsein der Maori.

Die Ausstellung macht klar, wie die Tattoo-Szene in den letzten Jahrzehnten an Vielfalt gewonnen hat. Nicht zuletzt dank der Frauen. Maud Stevens, die erste westliche Tätowiererin, war lange Zeit die Ausnahme. Frauen waren eher Muse und Modell, sie verdienten mit ihrem Körperschmuck Geld, nicht mit ihrer Kunst. Noch 1953 sprach man beim Bristol Tattoo Club, der ersten Tätowiervereinigung von Großbritannien, vom Men-only Club. Doch das hat sich geändert. Nicht nur im belgischen Film "Broken Circle" ist die weibliche Hauptfigur eine Tätowiererin.

Gleichzeitig greifen immer mehr Illustratoren und Künstler zur Nadel. Das erklärt die wachsende Kreativität bei den Motiven und Typografien. Der Schritt zur Kunst ist da nicht weit. Nur: Wie lässt sich so etwas verkaufen? Der mexikanische Künstler Dr. Lakra ist mit seinen Totenköpfen, Vollblutfrauen und Teufelsfratzen auf Leinwand und Papier ausgewichen. Wim Delvoye hat dagegen den Schweizer Tim Steiner zum "ersten lebenden Kunstwerk" erklärt. Der ließ sich ein Werk des belgischen Konzeptkünstlers auf den Rücken tätowieren. Ein Hamburger Kunstsammler hat es erworben. Das zumindest gab es im 19. Jahrhundert wirklich noch nicht.

Bildband "Forever - The New Tattoo"

Expressionismus, der unter die Haut geht

Tattoo, Gewerbemuseum Winterthur, bis 9. Juni 2014, www.gewerbemuseum.ch