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"Couscous mit Fisch" in der SZ Cinemathek:Köche im Chaos

Rym (Hafsia Herzi, l.) und ihre Mutter Latifa (Hatika Karaoui) hoffen, dass die Eröffnung ihres Restaurants ein Erfolg wird.

(Foto: ARD Degeto)

Abdellatif Kechiches Komödie "Couscous mit Fisch" verwandelt den bitteren Alltag der Figuren ins Festliche. Das Glück liegt auf den Tellern einer langen Speisetafel der Großfamilie.

Von Rainer Gansera

In Zeiten von Mikrowelle und Kleinfamilie, von Diätwahn und TV-Kochshow-Overkill muss unbedingt daran erinnert werden - und "Couscous mit Fisch" tut das in zauberhaft sinnlicher Weise -, dass das Kochen geheimnisvolle, viel Hingabe erfordernde Alchemie ist, und dass die Zelebration der Mahlzeit an der langen Tafel der Großfamilie zur gesellschaftlichen Utopie werden kann. Kochen - Verwandlung des Rohen ins Köstliche. Mahlzeit - Verwandlung der bitteren Prosa des Alltags ins Festliche. Darum geht es in Abdellatif Kechiches vielfach preisgekröntem, in Frankreich zum Publikumshit avancierten dritten Spielfilm, der jede Situation gewissermaßen bis zum Siedepunkt aufkocht.

Zuerst aber der Kontrapunkt, die traurige Ausgangslage: Einsamkeit, Müdigkeit. Seit 35 Jahren verrichtet der 61-jährige, aus Tunesien immigrierte Slimane Beiji (Habib Boufares) seinen Dienst als Werftarbeiter im südfranzösischen Hafenstädtchen Sète. Eine hagere, gegerbte Gestalt, wortkarg wie ein Frontier-Cowboy, mit zeitlupenartig langsamen Gesten und resigniert in sich gekehrter Attitüde. Die Konjunktur liegt darnieder, der Hafen scheint nur mehr für Touristen-Rundfahrten zu taugen. Slimanes Chef sagt ihm: "Du bist nicht mehr rentabel, du bist müde und du ermüdest mich." Der Alte soll nurmehr Teilzeit arbeiten, und seine Entlassung ist absehbar. Das Bild seiner Einsamkeit und das Gefühl seiner Nutzlosigkeit verdichten sich, wenn er, auf seinem Moped durch die Straßen kurvend, dran geht, Fische zu verteilen, mit unterschiedlichen Reaktionen.

Seine Ex-Frau Souad beschimpft ihn, weil sie ihre Alimente gern in bar erhalten würde, seine Tochter freut sich über die Meerbarben, hat aber kaum Zeit für ihn, und so bringt er die restlichen Fische zu Latifa, seiner Lebensgefährtin, die eine kleine Pension am Hafen managt, wo viele ältere Immigranten Unterschlupf gefunden haben und Slimane eine winzige Kammer bewohnt.

Schlemmer an Bord

Sonntags sitzt Slimane allein in dieser Kammer, nippt am Kaffee, raucht und betrachtet seinen Kanarienvogel, der nicht mehr singen will, während in Souads Hochhausapartment das allwöchentliche große Familienessen stattfindet. Souad bereitet ihr berühmtes Couscous mit Fisch, bewirtet damit die ganze weitverzweigte Verwandtschaft, und das Mahl weitet sich zu einer großartig ausgemalten, herrlich chaotischen Veranstaltung.

Nun setzt es sich Slimane in den Kopf, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen - er will auf einem ausgedienten Schiff ein "Couscous mit Fisch"-Restaurant eröffnen. Er kündigt, kauft mit der Abfindung einen verrosteten Kutter, richtet ihn mit den beiden Söhnen - die viel lieber hätten, dass der Vater seinen Lebensabend in Tunesien verbringen würde - wieder her, und überredet seine Ex-Frau, als Köchin mit einzusteigen.

Zahllos sind die Hindernisse, die bei Behörden und Banken überwunden werden müssen, und die treibende Kraft ist nun Latifas 18-jährige Tochter Rym (Hafsia Herzi). Sie erweist sich als Glanzlicht des Films und will mit einem langgezogenen Bauchtanz-Finale das Restaurant-Projekt Slimanes am Ende retten.

Hingabe an den Alltag

Der 1960 in Tunis geborene, in Nizza aufgewachsene Abdellatif Kechiche bezeugt mit seiner mise en scène, seinem ausschweifend mäandernden Erzählstil, seiner hautnahen Vitalität eine französische Kinotradition von Jean Renoir bis Maurice Pialat. Wenn er, von eigenen Erfahrungen ausgehend, Migranten-Geschichten präsentiert - bereits in "La faute à Voltaire" (Voltaire ist schuld, 2000) und "L'esquive" (Der Drückeberger, 2004) hat er das getan -, dann geht es nicht um Soziologie oder um "Problemthemen", sondern um die Ausfaltung menschlicher Schicksale.

Seine Figuren sind nicht dazu da, Thesen zu bebildern, sondern als lebendige Erscheinungen spürbar zu werden, in all ihren Schwächen und Fehlern, mit all ihren Illusionen und Träumen. Kechiche ist ein Schauspielerregisseur, also einer, der seine Darsteller auf Händen trägt und alles dran setzt, dass sie in ihren Rollen aufblühen können.

Der Film nimmt sich Zeit (zweieinhalb Stunden) für seine intensive Hingabe an alltägliche Situationen, bleibt so lange dran, bis sich die Figuren zu verwandeln beginnen. Ausgehend von Slimanes Müdigkeit entwirft Kechiche ein flirrendes Gruppenbild, in dem jeder Figur Gerechtigkeit widerfährt und selbst die Bürokraten nicht zu Karikaturen verkommen. Beim finalen Gastmahl auf dem Schiff - unter dem Einfluss von reichlich Dattelschnaps und im Angesicht des schweißtreibenden Bauchtanzes - werden auch die zugeknöpften Amtspersonen "weichgekocht". Gefühle müssen wachsen, Stimmungen entstehen Schritt für Schritt, verdichten sich, steigern sich ins Ekstatische. Eine alchemistische Zeitdramaturgie, in der alles zusammenfindet - das Kochen, das gemeinsame Essen, das Einandervertrautwerden, der Sex - zu einer überschwänglichen Feier des Lebens.

LA GRAINE ET LE MULET, F 2007 - Regie, Buch: Abdellatif Kechiche. Kamera: Lubomir Bakchev. Produzent: Claude Berri. Mit: Habib Boufares, Hafsia Herzi, Faridah Benkhetache, Abdelhamid Aktouche, Bouraouïa Marzouk, Alice Houri, Cyril Favre. Arsenal, 151 Minuten.

Diese Kritik ist zuerst am 28.08.2008 in der SZ erschienen.

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