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"Knives Out" im Kino:Der Mörder ist immer...

Große Villa, eine Leiche, die ganze Familie wird verdächtigt: Regisseur Rian Johnson verneigt sich in seiner Krimikomödie "Knives Out" vor dem Werk von Agatha Christie.

Der heimliche Star dieses Films ist ein cremefarbener Strickpullover. Der Schauspieler Chris Evans trägt ihn in Rian Johnsons "Knives Out - Mord ist Familiensache" in mehreren Szenen. Kurz nach dem amerikanischen Kinostart quoll das Internet über vor Threads, Posts und Liebeserklärungen an den Fischerpulli mit Zopfmuster und gewiss auch dessen Träger. Chris Evans verstärkte den Wirbel obendrein, indem er ein Foto von seinem Hund twitterte, in wolligem Partnerlook-Outfit. Das war kurz vor Weihnachten, und in den USA waren angeblich blitzschnell sämtliche Strickwaren in diesem Stil ausverkauft.

Natürlich wäre ein solcher Hype nur eine absurde Randnotiz, spielten die Kostüme in "Knives Out" keine so wichtige Rolle. Für den amerikanischen Drehbuchautor und Regisseur Rian Johnson nämlich sind sie die verlängerte Persönlichkeit seiner Charaktere. Er bringt nicht nur Figuren auf die Leinwand, sondern die Menschen hinter den Typen. Das war bereits in seinen früheren Filmen so, auch in "Star Wars: Die letzten Jedi", 2017.

Seine Kostümdesignerin Jenny Eagan kehrt das Innere der Charaktere in diesem Ensemblefilm nach außen, ohne zu viel preiszugeben. Das ist eine Gratwanderung in einer Detektivgeschichte, die als Hommage an die Krimis von Agatha Christie angelegt ist. Herrschaftliches Familienanwesen, eine Leiche, alle sind verdächtig. Die Familie heißt in diesem Fall Thrombey, der Tote ist Großvater Harlan, ein erfolgreicher Krimiautor, auf dessen Erbe alle scharf sind. Neben Chris Evans als Enkel Ransom hat Johnson ein bestens aufgelegtes Starensemble versammelt: Jamie Lee Curtis spielt Harlans Tochter als taffe Businessfrau in schillerndem Pink und Türkis, Don Johnson ihren selbstgerechten Ehemann in sportiven Kaschmirpullovern und Loafern.

Es bleibt in der Familie: Der reiche Großvater ist tot, nun streiten Stars wie Jamie Lee Curtis (zweite vvon links) und Chris Evans (dritter von links) ums Erbe.

(Foto: Universum)

Toni Collette schwebt als verwitwete Inhaberin eines Beautyimperiums in esoterischen Gewändern durchs Haus. Mit einem Blick ist die exzentrische Extravaganz der Familie sichtbar, aber auch ihre Hierarchie. Michael Shannon muss als Sohn Walt in ausgebeulten Cordhosen und filzigen Strickjacken herumschlurfen, denn er war als Verleger nur Harlans Handlanger, und das nagt an ihm.

Butler gibt es keinen mehr in dieser Welt, dafür aber eine kubanische Pflegekraft, die man genauso gut schickanieren kann

Der cremefarbene Pullover also ist nicht nur Ransoms zur Schau getragene weiße Weste, sondern Understatement-Statussymbol: Er ist ein verzogenes Gör, das sich seiner Privilegien mehr als bewusst ist. Seine Garderobe kann er ostentativ nachlässig tragen. Löcher im Pulli sind Zeichen seiner arroganten Wurstigkeit der Welt gegenüber. Johnson modernisiert die Familie akkurat, und so kann Agatha Christies Würdigung zentraler Bestandteil des Films bleiben. Denn deren spitzfindige Dialoge übten immer auch Sozialkritik an der britischen Oberschicht. Rian Johnson transferiert dieses System klug in die amerikanische Gegenwart. Die Oberklasse präsentiert sich als nostalgische Karikatur einer Elite, die es so nie gab - Camp in Reinform. Alle ruhen sich auf dem Erfolg und dem daraus resultierenden Reichtum des Großvaters aus.

Butler gibt es keine mehr, aus diesem Stereotyp macht Johnson Harlans Pflegerin Marta, die Tochter einer illegalen Einwanderin - herzzerreißend aufrichtig gespielt von der Kubanerin Ana de Armas. Er versieht sie mit einem urkomischen Makel, denn sie kehrt ihr Innerstes nicht nur durch zurückhaltende Kleidung nach außen, sondern durch die körperliche Gegenreaktion auf Lügen: Sie muss sich postwendend übergeben. Die Thrombeys behaupten zwar, dass sie Marta lieben und sie zur Familie gehört. Ihre Abneigung allerdings kommt so indirekt wie ironisch ans Licht, denn jeder behauptet, sie käme aus einem anderen Land. Paraguay, Ecuador, Brasilien - auch schon egal bei einer Familie, in der ein Schwiegersohn frei von der Leber über Immigranten schwadroniert, und deren jüngster Enkel Onlineforen mit rechtem Gedankengut trollt. Johnson nutzt das Genreinventar der reichen weißen Familie unter Mordverdacht, um zu erzählen, was passiert, wenn Status und Privilegien ins Wanken geraten. Die Pflegerin ist selbstredend die beste Zielscheibe - oder doch die Mörderin?

Hercule Poirot und Columbo waren gestern: Daniel Craig spielt den Privatdedektiv Benoit Blanc.

(Foto: Universum)

Bei all der sozialkritischen Verankerung hat Rian Johnson auch sichtlich Freude daran, Genrekonventionen zu bedienen und sein Publikum mitknobeln zu lassen. "Knives Out" ist wie eine interaktive Partie "Cluedo", bei der natürlich der Privatdetektiv nicht fehlen darf. Benoit Blanc ist ein zigarrenrauchender Schnüffler im Tweedanzug, der sich in die Arbeit der Polizei einklinkt. Die Figur wabert irgendwo zwischen Hercule Poirot und Columbo, aber stets mit einem Auge für die persönlichen Verwicklungen aller Beteiligten.

Daniel Craig hat sichtlich Freude daran, jenseits von James Bond gegen den Typ zu spielen und seine eigentliche Bandbreite zu zeigen. Allein für seinen schleppenden Südstaatenakzent rentiert es sich, den Film im englischen Original zu sehen. Johnsons Script sprüht zudem vor Wortwitz. Er legt Blanc etwa einen Monolog in den Mund, der aus einem dadaistischen Gedicht stammen könnte - über das Loch in Donuts als Metapher für den Mordfall. Dieser spielerische Umgang mit Sprache, Erwartungshaltungen und sozialen Verstrickungen macht "Knives Out" zum herrlichen Update für ein angestaubtes Genre.

Knives Out, USA 2019 - Regie, Buch: Rian Johnson. Kamera: Steve Yedlin. Schnitt: Bob Ducsay. Mit: Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas, Christopher Plummer, Jamie Lee Curtis. Universum, 130 Min.

© SZ vom 08.01.2020
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