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Kluge und Schirach:Durchwursteln

Grundrechte und gekochte Eier: "Trotzdem" ist eine hübsche Plauderei zwischen den Juristen und Schriftstellern Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge aus den ersten Tagen des Shutdowns, die via Messenger stattfand.

Von Jens bisky

Nachdem zwecks Pandemieeindämmung auch in Berlin die Restaurants geschlossen hatten, versuchte der Schriftsteller Ferdinand von Schirach zum ersten Mal in seiner Wohnung Eier zu kochen. Er aß sonst nie zu Hause, ging zum Frühstück immer ins Café. Sein Kochversuch endete in furchtbarem Gestank "nach verbranntem Plastik". Der herbeigerufene Mann vom Reparaturservice fand die Ursache schnell, es seien "noch die Transportsicherungen unter den Herdplatten gewesen".

Ohne ein Wort über den Gesichtsausdruck des Fachmanns zu verlieren, hat Ferdinand von Schirach diese Episode am 30. März dem Filmemacher Alexander Kluge erzählt. An diesem Tag plauderten die beiden Juristen und Schriftsteller via Instant-Messaging-Dienst über die Lage, das Virus, den "Shutdown der Grundrechte", über den Gang nach Canossa, das Erdbeben, das 1755 Lissabon in Schutt legte, über Thomas Hobbes und David Hume, Carl Schmitt, Aufklärung, Autorität und manches mehr. Ihr Gespräch ist unter dem Titel "Trotzdem" erschienen. Das schmale Buch steht nun schon einige Zeit an der Spitze der Spiegel-Beststellerliste.

Einprägsam schildert Alexander Kluge die Schwierigkeit, politisch entscheiden zu müssen, wenn es wissenschaftliche Eindeutigkeit nicht gibt. Und Ferdinand von Schirach äußert seine Bewunderung für die Kanzlerin, glaubt zu spüren, wie sie um "das richtige Maß" ringe. Gegen Ende der Plauderei aber wird der Wunsch zu Vereindeutigung übermächtig. Das Virus habe, heißt es, eine "Zeitenwende" gebracht, das "Strahlende und das Schreckliche" seien jetzt möglich. Ferdinand von Schirach findet einiges gefährlich, etwa dass 95 Prozent der Bevölkerung dem ungeschriebenen Notstand zustimmten. Autoritäre Strukturen könnten sich rasch verfestigen.

Er sorgt sich, dass den meisten Menschen die Sicherheit näher steht als die Freiheit

Er warnt jedoch nicht vor autoritären Kräften, die nach der Macht greifen, sondern sorgt sich darum, dass den meisten Menschen die Sicherheit näher stehe als die Freiheit. Das zu illustrieren fordert er auf, sich zwei Flugzeuge vor dem Abflug nach New York vorzustellen: in eines könne man sofort und unkontrolliert einsteigen, in das andere erst nach zwei Stunden dauernden Kontrollprozeduren. Die meisten, glaubt er, würden diese hinnehmen.

Und dann behauptet er, "wir" hätten "vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der modernen Staaten" gesehen, "dass die Politik alles ermöglichen kann". Nun gebe es, etwa in Sachen Klimaschutz, keine Ausrede mehr. "Wir können offenbar alles, wenn Gefahr droht, das haben wir jetzt gelernt." Man könnte doch, hofft er, Europa endlich eine Verfassung geben, eine, die nicht aus Kompromissen besteht. Man könnte doch "neu über unsere Gesellschaft entscheiden": die Daten sollen allein den Bürgern gehören, diese einen Anspruch auf intakte Umwelt haben, wirtschaftliche Interessen sollen "hinter den universalen Menschenrechten zurücktreten", immer und überall. Diese Fantasie von Durchgreifen und Neubeginn steht in Kontrast zum Lob des Ausprobierens und Durchwurstelns am Anfang und ist gewiss beunruhigender als die eingeübte Risikovermeidung all derer, die nicht unkontrolliert nach New York fliegen wollen.

Ferdinand von Schirach/Alexander Kluge: Trotzdem. Luchterhand Literaturverlag, München 2020. 80 Seiten, 8 Euro.

© SZ vom 09.06.2020

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