Als Oliver Hintz, der Leiter des Literaturhauses „Uwe Johnson“ in dem Ostsee-Städtchen Klütz, vor vier Wochen an die Öffentlichkeit ging, um über eine Lokalpolitik zu informieren, die ungebührlich in das Programm seines Hauses eingriff, war er sich schon im Klaren darüber, dass er damit seinen Job aufs Spiel setzte. Er hatte die Stelle erst einige Monate zuvor angetreten und als eine seiner ersten Amtshandlungen die „Hannah-Arendt-Woche“ ins Leben gerufen, die im November 2026 erstmals stattfinden sollte. Für die Eröffnungsveranstaltung hatte er den Publizisten Michel Friedman gewinnen können, einen außergewöhnlich bekannten Autor für die Verhältnisse dieser Gegend, dem er jedoch auf Druck der Stadtverordneten bald darauf wieder absagen musste.
Bundesweit berichteten Medien über den Fall, Landespolitiker zeigten sich besorgt, Ende September rief die Schriftstellervereinigung PEN Berlin in Klütz zu einer Kundgebung auf. Von da an hätte die Geschichte sich auf verschiedene Weise entwickeln können: Man hätte sich an einen Tisch setzen können, der ehrenamtliche Bürgermeister Jürgen Mevius (Unabhängige Wählergemeinschaft) hätte seine Gründe darlegen und man gemeinsam ein neues Programm für das Jahr 2027 entwerfen können.
Die „Hannah-Arendt-Woche“ steht vor dem Aus, fast alle Autoren haben ihre Teilnahme abgesagt
Jetzt scheint es allem Anschein nach aber genau so zu kommen, wie es Oliver Hintz von Anfang an schwante: Dem Klützer Literaturhausleiter steht offenbar die Entlassung bevor. Er selbst sei von den zuständigen Stellen noch gar nicht informiert worden, sagte Hintz der SZ auf Anfrage. Er habe es selbst nur aus der Ostsee-Zeitung erfahren. Bürgermeister und Stadtverordnete reagierten schon seit Wochen nicht mehr auf seine Mails und Anrufe. Als er jetzt von der Frankfurter Buchmesse zurückgekehrt sei, seien seine Zugänge zu den Systemen des Literaturhauses schon abgeschaltet gewesen, keines seiner Passwörter funktioniere mehr. Für den 27. Oktober sei eine Stadtverordnetensitzung einberufen, auf der seine Freistellung dann wohl nur noch formalisiert werde.
Man hätte natürlich auch den Bürgermeister Jürgen Mevius gern zu den Vorgängen gesprochen. Dieser fährt allerdings vom ersten Tag der Affäre an konsequent eine zweigleisige Kommunikationsstrategie: Auf Presseanfragen reagiert er im ersten Schritt entweder gar nicht oder herablassend, um dann im zweiten Schritt eine einseitige Berichterstattung zu beklagen und sich als Opfer einer Kampagne in Pose zu werfen. Auch die SZ bat ihn mit mehrtägiger Frist um eine Beantwortung von Fragen rund um den Vorgang – ohne Ergebnis. Diese Strategie ist nun vor allem am ganz rechten Rand des politischen Spektrums in Gebrauch und wirkt schon dadurch nicht eben effektiv dem Verdacht entgegen, dass Friedman in Klütz nicht zuletzt wegen seines Judentums der Auftritt verwehrt wurde – ein Verdacht, der leicht zu zerstreuen wäre. Mevius’ Amtszeit befindet sich auf der Zielgeraden. Wenige Tage nachdem die ersten Berichte erschienen waren, erklärte er seinen Rücktritt.
Mit Oliver Hintz’ voraussichtlicher Demission verlieren nun auch viele seiner Projekte ihre Grundlage. Die „Hannah-Arendt-Woche“ steht vor dem Aus, nachdem fast alle Autoren ihre Teilnahme abgesagt haben. Ein Schulprojekt, das an seiner Person hing, findet nicht mehr statt. Damit gelangt auch das Vorhaben an ein jähes Ende, aus dem Literaturhaus in einer ländlichen Region, in der Umfragen zufolge aktuell um die 40 Prozent der Bürger die AfD wählen würden, eine Institution zu machen, die sich als gesellschaftspolitischer Akteur versteht.
Kritik aus dem Westen löst im Osten oft vor allem einen erlernten Renitenz-Reflex aus
Die Stadtöffentlichkeit habe sich nach dem Eklat in verschiedene Lager aufgeteilt, berichtet Hintz. Einige hätten ihn unterstützt, einige eher Jürgen Mevius Beifall gespendet, eine dritte Gruppe habe ihm im Grundsatz recht gegeben, ihm aber verübelt, dass er die Presse eingeschaltet hat. Vor allem in dieser Gruppe dürfte ein Strang dieser Auseinandersetzung eine Rolle gespielt haben, der bisher wenig zur Sprache gekommen ist: der Ost-West-Konflikt.
Oliver Hintz ist in Lübeck aufgewachsen. Er kommt also aus der Region und gleichzeitig von weit her. Als erste Zeitung hatte damals die FAZ über den Fall berichtet und dadurch unweigerlich die Erinnerung an ein mediales Hegemonialverhältnis wachgerufen, die in Ostdeutschland tendenziell präsenter ist als im Westen. Der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann hatte diesen Verhärtungen in seinem Bestseller „Der Osten − eine Erfindung des Westens“ im vergangenen Jahr einen längeren Wutausbruch gewidmet. Dort kann man sehr genau nachlesen, warum es in vielen postsozialistischen Landstrichen am ehesten eine Art erlernten Renitenz-Reflex auslöst, wenn sie von einem westdeutschen Medium auf diese Weise ins antisemitische Zwielicht gerückt werden.
Das ist die Dimension, die über diesen Fall weit hinausweist und die in naher Zukunft auch an einigen Wahlsonntagen im Osten wieder zur Sprache kommen dürfte. Die Tragik liegt hier nicht zuletzt darin, dass die Rechte dieses Gefühl, westdeutscher Gängelung wehrlos ausgeliefert zu sein, so erfolgreich monopolisieren und mit völkischer, autoritärer Ideologie verknüpfen konnte.


