Süddeutsche Zeitung

Klingelton-Boom:Will doch nur spielen

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Im Jahr 2004 wurden in Deutschland Klingeltöne im Wert von 183 Millionen Euro verkauft, von April an wird es auch hierzulande spezielle Top-20-Charts geben. Warum Handy-Klingeltöne einfach unwiderstehlich sind.

Von Christian Kortmann

Es begann vor einigen Jahren, als man hie und da von aus dem Internet herunterladbaren Klingeltönen für Mobiltelefone hörte. Konnte schon sein, dachte man, dass ein paar Spinner unbedingt Harold Faltermeyers "Axel F." als Partywitz benötigten.

Man hielt es für eine temporäre Verirrung bei der Popularisierung einer neuen Technologie und war sich sicher: Langfristig würde das Telefonklingeln ein banales Funktionsgeräusch bleiben.

Doch damit hatte man die Kraft des Phänomens gründlich unterschätzt: Heute künden fünfminütige Klingelton-Werbeblöcke im Privatfernsehen - vor allem bei MTV und VIVA - davon, dass hier ein ganzes Musikgenre mit einer eigenen Industrie entstanden ist.

Im Jahr 2004 wurden in Deutschland Klingeltöne im Wert von 183 Millionen Euro verkauft, von April an wird es wie in Großbritannien auch hierzulande Top-20-Charts der Klingeltöne geben. Was es schon heute gibt, sind Menschen, die ihr Geld mit dem Downgrading von Popsongs aufs Handyformat verdienen: Allein die weltweit operierende Klingeltonfirma Jamba in Berlin hat 500 Mitarbeiter.

Individuelle akustische Signatur

Kulturanalytiker wie Unternehmensberater würden lügen, wenn sie behaupteten, dieses Szenario erwartet zu haben. Nein, man staunt vielmehr über die Etablierung eines Genres, von dem man vor kurzem noch nicht ahnte, dass es überhaupt eines sein könnte.

Dies belegt einmal mehr, wie flexibel die Marktwirtschaft im Erdenken neuer Angebote ist und wie rasch daraus massenkulturelles Handeln erwächst.

Höchst dynamisch wurde das Produkt Klingelton ausgestaltet und diversifiziert (wie bei dem Parallelphänomen der überlangen Schlüsselbänder, die ihre Träger zu Herrschern über geheime Schätze und Gemächer machen).

Mit dem persönlichen Klingelton erhalten die Individuen einen Jingle, eine scheinbar individuelle akustische Signatur: Das gibt es bisher nur im Computerspiel und im Film, wenn das Auftauchen des Helden von seiner Erkennungsmelodie untermalt wird.

Sweety muss sterben!

Die Frage nach den Ursachen des Klingeltonerfolgs geht über eine rein ästhetische Kritik hinaus, da ja allein schon die Musikwiedergabe über das Medium Mobiltelefon so defizitär ist, dass sie immer nur Zitat eines Artefakts bleibt.

Was die Attraktivität der Klingeltöne ausmacht, wird klarer, wenn man ihre kommunikative Funktion im Alltag betrachtet. Von Anfang an diente das Handy nicht nur zum Telefonieren: Man muss nur beobachten, wie alleine wartende Menschen mit dem Herumdrücken auf der Tastatur ihre Angst, einsam zu wirken, überspielen.

Allein der Besitz des Telefons zeigt: Dieser Mensch hat Kontakt zu anderen. Wenn der alleine vorm Kino wartende halbstarke Villengegend-HipHopper im blauen Displayschein sein Telefon befingert, und dann mit dem Erklingen von Snoop Dogs "Drop it like it's Hot" angefunkt wird, sagt er allen Umstehenden etwas über sich, denn das Konzentrat des Klingeltons besitzt die Aussagekraft eines ganzen Popsongs.

Will doch nur spielen

Neben diesen coolen Klingeltönen, sind es vor allem die Trash-Töne von Sweety, dem tanzenden Küken, und Schnappi, dem singenden Krokodil, die die Downloadszene prägen. Diese Nervenstrapazierer sind momentan allgegenwärtig und oft so penetrant, dass sich im Internet Widerstandsgruppen bilden, die Sweety in detaillierten Simulationen von seinen Leiden erlösen.

Aber Sweetys Fans lieben das Küken eben wegen seiner Penetranz. Es ist ein Spiel mit bewusster Regression, kollektive Koketterie mit dem schlechten Geschmack - ein gekaufter Witz für 4,99 Euro im Jamba-Spar-Abo. Das derart getunte Telefon klingelt nicht mehr für einen selbst, sondern will von anderen gehört werden.

Man kennt das Bild aus nächtlichen Bars, in denen ein junger Mensch sein Telefon in die Runde hält, nach dem Motto: "Hört mal alle her, was ich Lustiges herunter geladen habe!"

"Furz-Rap" zum Download

Der Humor dieser Töne macht das Handy vollends zu dem ironischen Gerät, das es im Grunde ist: Jeder ist überall erreichbar, und nicht einmal der Notarzt müsste es sein. Deshalb ist die Klingeltonszene von derber Ironie durchdrungen. In diesem Medium sind Dinge lustig, die sonst unzumutbar wären: Da gibt es zum Beispiel den "Furz-Rap" zum Download - Kulturpessimisten sollten lieber nicht weiter darüber nachdenken.

Mit der Wahl seines Klingeltones präsentiert sich der User als ästhetisch Handelnder und gibt einen Kommentar über sich selbst ab: Ein paar Sekunden Mini-Ruhm sind ihm sicher, wenn die Umstehenden schmunzeln, weil das Handy singt: "Mein Klingelton ist scheiße!"

Hier eröffnet sich die neuartige Chance, sich verbal bemerkbar zu machen, ohne den Mund zu öffnen; schlagfertig zu sein ohne Rhetorikkurs: Die Sehnsucht des Menschen nach Souveränität im Umgang mit der Welt wird stellvertretend von seinem Gadget erfüllt.

Nicht umsonst wirbt ein Download-Anbieter mit dem Spot von dem linkischen jungen Mann, dessen Mobiltelefon ihn für die Dauer des Klingelns in einen Womanizer verwandelt. Doch so individuell ausgestalten wie der Mensch selbst wird sich seine akustische Signatur nie, da sonst deren Wiedererkennbarkeit nicht gewährleistet wäre:

Wenn es bei dem hübschen Mädchen am Tresen mit Sweety klingelt, dann müssen wir das zu deuten wissen. Schließlich könnte es die zeitgenössische Variante des absichtlich fallen gelassenen Taschentuches sein.

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Quelle:
SZ vom 24.2.2005
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